| Teamarbeit von Schule und Bibliothek
Ein Weg zu mehr Medienkompetenz und Lesefähigkeit ?
Die PISA-Studie hat ein enormes Defizit bei der Lese- und Textverständniskompetenz bei Jugendlichen der Altersgruppe 15 Jahre in Deutschland aufgedeckt. Die erschreckenden Ergebnisse der in Berlin durchgeführten Schuleingangstests bei Erstklässlern zeigen auf, dass ein Umsteuern sehr früh beginnen muss. Ein Weg könnte sein, über eine stärkere Zusammenarbeit von Kitas, Schulen und Bibliotheken früh und umfassend Leseförderung zu betreiben. Dies hatte lange vor PISA schon das von der Bertelsmann-Stiftung geförderte Modellprojekt "Öffentliche Bibliothek und Schule - neue Formen der Partnerschaft" erkannt: "Die unausgeschöpften Möglichkeiten und Wirkungspotenziale beider Institutionen müssen einander ergänzen, um einen optimalen Erfolg in der Leseförderung zu erzielen. Dazu bedarf es eines langfristigen Konzeptes, der regelmäßigen Koordination und der Entwicklung von Methoden, die die Wirksamkeit der bisherigen Strategien erhöhen" (Gütersloh 1997).
Großes Interesse von Schulen und Bibliotheken
Diese Erkenntnis lag auch der Tagung "Nach PISA: Teamarbeit von Schule und Bibliothek. Medienkompetenz - Lesefähigkeit" zugrunde, veranstaltet vom Referat Weiterbildung der Freien Universität Berlin in Kooperation mit dem Institut für Bibliothekswissenschaft der Humboldt-Universität, dem LISUM sowie Ver.di und GEW BERLIN im November 2002 und im März 2003. Die Fragestellung der Tagung lautete: Können durch eine verbesserte und neu gestaltete Zusammenarbeit von Schulen, Öffentlichen Bibliotheken und Schulbibliotheken die Medienkompetenz und Lesefähigkeit von Schülern vor allem im Grundschulbereich verbessert werden? Welche Rolle kann die Hochschule dabei spielen?
Die jeweils 100 TeilnehmerInnen waren in etwa zur Hälfte BibliothekarInnen und LehrerInnen. Es besteht also auf beiden Seiten ein großes Interesse an einer Zusammenarbeit. Walter Umstätter von der Humboldt-Universität Berlin und Rolf Busch von der Freien Universität Berlin führten durch die Tagung.
In seiner Tagungseröffnung hob der Erste Vizepräsident der FU Berlin, Dieter Lenzen, die Notwendigkeit hervor, sowohl in der Schule als auch im Elternhaus ein "Leseklima" zu schaffen und die derzeitige schichtenspezifische Segregation zu überwinden und geeignete Rahmenbedingungen für den Erwerb der Basiskompetenz Lesen zu schaffen. Er plädierte dafür, die Einschulung vorzuziehen und im Bildungsbereich die Prioritäten zu ändern.
Volker Hagemeister, Koordinator des PISA-Projekts im LISUM, stellte die Ergebnisse der PISA-Studie vor. Er zeigte an Testbeispielen die Methode der Untersuchung auf, insbesondere die kognitive Lesefähigkeit der 15-jährigen SchülerInnen, ihr Leseverständnis und ihre Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und zu bewerten, wobei überwiegend Sachtexte gewählt wurden. Auch bei etlichen TagungsteilnehmerInnen riefen die Test-Texte Verwirrung hervor, die mit dem der Studie zugrunde liegenden angloamerikanischen Begriff einer streng funktionalen "reading literacy" zu tun hat. "Informationsverarbeitung" und "zielorientierte und flexible Wissensaneignung" stehen im Vordergrund, Lesen wird in erster Linie als kognitiver Prozess verstanden.
Bettina Hurrelmann hat kürzlich diesen Begriff von Lesekompetenz um mehrere Dimensionen erweitert, zu denen Lesemotivation, die emotionale Dimension und die Fähigkeit zur Anschlusskommunikation, d.h. die interaktive Kompetenz gehören (Praxis Deutsch, Heft 176).
Mascha Kleinschmidt-Bräutigam, Abteilungsleiterin im LISUM, nahm in ihrem Beitrag diesen von den Inhalten der meisten Lehrpläne und Lehrmedien abweichenden Begriff der reading literacy auf und stellte den vom LISUM neu entwickelten PISA-Koffer vor, der ein Programm zur Lehrerfortbildung mit mehreren Bausteinen zu den verschiedenen Aspekten der Lesekompetenz enthält.
Pisa-Koffer und multimediales Schulwissenszentrum
Wegen seiner Praxisnähe und Alltagstauglichkeit stieß der Koffer auf großes Interesse. Mit dem Koffer sollen Multiplikatoren qualifiziert werden, regionale Netzwerke aufzubauen, in denen mit dem Material des PISA-Koffers bedarfsspezifisch gearbeitet wird. Die Integration der Stadtbibliotheken der Bezirke in dieses regionale Netzwerk sollte unbedingt ergänzt werden. Joachim Thoma, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport und Vorsitzender der Kommission Medienkompetenz der Kultusministerkonferenz, stellte das Projekt eines "multimedialen Schulwissenszentrums" vor, in dem die aktive Gestaltung von Medien gelernt werden soll. Der Bund-Länder-Modellversuch sieht perspektivisch vor, Ganztagsschulen zum Lebensraum mit Freizeit- und Medienangebot unter schulischer Aufsicht auszubauen. Das rief einige Verwunderung hervor, weil in Berlin gerade das Gegenteil gemacht wird: die allmähliche Abwicklung der wenigen noch vorhandenen Schulbibliotheken. Mit Verblüffung wurde zudem registriert, dass die Nutzung der Stadtbibliotheken in dem geplanten Modellversuch nicht vorkommt.
Danach wurden Praxisbeispiele aktiver Leseförderung in und mit Bibliotheken und Schulen vorgestellt. Nicht ohne Neid blickten die überwiegend aus dem bankrotten Berlin kommenden TagungsteilnehmerInnen nach Nordrhein-Westfalen, wo die Bertelsmann-Stiftung und die Landesregierung ihr zweites großes Leseförderprojekt unter dem Titel "Medienpartner Bibliothek und Schule" begonnen haben. In dem Projekt sollen neue Methoden der Zusammenarbeit der unterschiedlichen Partner in 50 Kommunen erprobt werden. Immerhin konnte bei dem im Jahr 2000 abgeschlossenen Vor- Projekt die Zahl der jungen Kunden der beteiligten Bibliotheken um 73 Prozent, die der Ausleihe um 33 Prozent gesteigert werden; offen ist dabei, ob es gelungen ist, auch Kinder aus eher lesefernen Schichten zu gewinnen.
Bei dem Nachfolgeprojekt sollen nun die neuen Medien im Vordergrund stehen und Informationskompetenz und Interaktion mit dem Ziel gefördert werden, Nachhaltigkeit zu erreichen: Dynamische "Medienboxen", verschiedene Aktionsprogramme, Unterricht in der Bibliothek, Lesenächte - wie sie auch in Berlin bekannt und beliebt sind -, Medienpräsentationen der Bibliotheken in der Schule gehören dazu. Die vergleichsweise bescheidenen Mittel (pro Kommune 1.750 Euro für eineinhalb Jahre) macht zudem deutlich, dass es weniger auf das Geld, sondern mehr auf den politischen Willen und die zentrale Koordination ankommt. Warum gibt es in Berlin kein vergleichbares Projekt? Eine Frage an den Berliner Senat, den Rat der Bürgermeister und die Stadtbibliotheken. Aber auch eine Frage an uns.
Was durch eigene Initiative, langen Atem und Arbeit einzelner an praktischer Leseförderung in Schulen und Bibliotheken möglich ist, wurde deutlich bei Praxisbeispielen Berliner Schulen wie dem Info-Labor der Johann-Peter-Hebel-Grundschule in Berlin-Wilmersdorf, der Bücherei in der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-Kreuzberg, dem Projekt Medien- und Informationskompetenz der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, das sich an ältere SchülerInnen und Auszubildende wendet, sowie der Bildungsoffensive der Stadtbibliothek Friedrichshain-Kreuzberg.
Besonders möchte ich auf das Projekt "Lesen ist schön" eingehen, weil es dort zu einer anregenden Symbiose zwischen einem Universitätsseminar, der Wilhelm-Liebknecht-Bibliothek in Berlin-Kreuzberg und der benachbarten Grundschule gekommen ist. Über ein Semester hinweg gestalteten vier Grundschullehrerstudenten als Projekt im Rahmen des Seminars von Jeanette Hoffmann wöchentliche Lese- und Schreibfördernachmittage in der Bibliothek. Zum Nutzen der beteiligten Kinder der Klassen 2-4, der Bibliothek und der Lehrerausbildung betrieben sie interaktive Lese- und Schreibförderung, ohne eng an Curricula und die Zwänge eines Klassenzimmers gebunden zu sein. Eine Aufforderung an die Lehrerausbildung.
Wie kann es weiter gehen?
Alle Beteiligten sind aufgerufen, ein Konzept der Zusammenarbeit von Schulen und Bibliotheken zu entwickeln: für das Land Berlin, für jeden Bezirk und als Minimallösung für den eigenen "Kiez". Dazu sollte gemeinsam ein Leitbild entwickelt werden. Das LISUM hat mit dem Großprojekt des PISA-Koffers eine wichtige Initiative ergriffen, die von den Schulen aller Bezirke aufgenommen werden sollte. Viele Partner müssen freilich noch gewonnen werden, insbesondere die Eltern und die Berliner Organisationen der Migranten. Und es muss früher mit der Entwicklung der Lese- und Sprachkompetenz begonnen werden als im ersten Schuljahr.
Rolf Busch
Dr. Rolf Busch ist Leiter des Referats Weiterbildung der Freien Universität Berlin |