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Nr. 09 / 2007: Aufführungen kritisch

Aufführungen kritisch

Hans-Wolfgang Nickel

Das Theater an der Parkaue setzt bei der „Reise nach Brasilien“ mit einem Minimum an Text ein Maximum an Spiel frei – mit Kartons und Tischtennisbällen, Fahrrad und Werkzeugkasten, überraschenden Abgängen und Auftritten. Das ergibt freilich keine durchgehende Spannung, auch nicht eigentlich eine „Geschichte“ und schon gar keine Reise, aber ein interessantes Spiel-Patchwork, das die Neugier der Besucher fesselt. Publikum und Szene werden auf der Hauptbühne platziert; also kann auch die Bühne mit ihren technischen Geheimnissen kräftig mitspielen (ab 6).-

Dem Hexenkessel im Monbijou-Park gelingt auch Molière. „Der Geizige“ wirbelt grob-grotesk aber wirkungsvoll, mit viel Tempo, im Ablauf gestrafft und verschärft über das Spielpodest - am Ende steht er am Rande – greinend und fluchend (ab 12).-

„Still lives“ in den  Sophiensälen: Tanz unterlegt mit Interviews, die aus vielen Perspektiven ein rätselhaftes Bild beschreiben, unterschiedliche Interpretationen versuchen. Diese Texte und das Bild dienen zugleich als Anregung für Bewegungsmuster. Das ist nicht durchweg spannend, aber immer ansehnlich – und überraschend, wie Amateure und Professionelle zu einem großen, homogenen Ensemble geformt wurden (ab Sek II).-

Mit dem als Psychiatrie-Akte gestalteten Programmheft hat das Orph-Theater einen anspielungsreichen, witzig-erhellenden Rahmen um seine Inszenierung von Boris Vian: „Die Reichsgründer“ gelegt. Leider aber wird dieser Rahmen während der Aufführung nur höchst selten genutzt. So wird zwar der Zerfall einer Familie/einer Gesellschaft, wird der Protest der jungen Generation höchst eindrucksvoll gezeigt; die „Krankheits-Anfälle“ aber bleiben äußerlich, sind eher penetrant-nervend (ab Sek II).–

Ausnahmsweise möchte ich abschließend eine besondere Aufführung ausführlicher vorstellen. Besonders schon der Ort: Das überaus praktikable Spielgerüst gibt den Blick frei auf zwei Fassaden mit vergitterten Fenstern, Gefangene dahinter – wir sind in der Justizvollzugsanstalt Tegel. Auch die Aufführung macht, eindrucksvoll und unaufgeregt, immer wieder deutlich, wo wir sind und wer da spielt: langjährig ein“sitzende“ Straftäter,  die hier mit physischer Kraft und psychischer Präsenz, mit Spiellust und „militärischer“ Disziplin  die Bühne stürmen – schon das ein Theatererlebnis besonderer Art. Dazu ein großer klassischer Text, genauer: eine Konfrontation mehrerer gewichtiger, historisch bedeutsamer, intellektuell anspruchsvoller Texte: „Räuber. Götz“; Goethe also und Schiller, dazu Heiner Müller und andere Autoren – eine anspruchsvolle und überaus gelungene Montage. Goethes Götz liefert das Grundgerüst der theatralen Aktion; es geht zunächst um physische Kraft - sich durchzusetzen mit körperlicher Gewalt; es geht mehr noch um „Gerechtigkeit“, die hier als mehrere „Gerechtigkeiten“, als alte und neue gegeneinander stehen. Daher immer wieder die szenisch ausagierte Frage: Was ist Recht, was ist rechtens?  Da ist der machtlose Kaiser  (großartig in Szene gesetzt!); nach seinem Recht zu leben führt zur Rechtlosigkeit, zum Unrecht - dieses „alte“ Recht aber war direkt verständlich, war simpel und einsehbar; das neue Recht hat sich  bürokratisiert, ist unverständlich geworden. Götz auf der Bühne verheddert sich darin – die neuen „Recht“haber sind stärker. Zugleich aber geht es auch um „Deutschland“, das „Reich“, um „Heimat“, „Herkunft“ – Persönliches der Spieler blitzt auf (auch in eigenen Texten!“); die Gegenwart der Insassen wie der Besucher von außen bleibt präsent; die schwergewichtige Handlung wird immer wieder ironisch gebrochen, auch mal satirisch zugespitzt.

Noch einmal: diese Montage ist hoch bedeutsam; sie macht die Intensität klassischer Texte spürbar; sie trifft Probleme der Gegenwart; sie ist immer auch eine Auseinanderssetzung der Spieler mit sich selbst. Und: sie hat eine überzeugende szenische Form gefunden: vielfach gemeinsam sprechend ein kollektives Schicksal gestaltend, getragen von physischer Kraft UND intellektuellem  Verständnis. Ohne Zweifel eine der stärksten Aufführungen des Theaterjahrs.

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