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Schwerpunkt: Mädchenbildung
Mädchenidentität und Suchtgefahr
Die heute bekannten Suchtursachen gelten für Mädchen und Jungen gleichermaßen. Dennoch erleben Mädchen und Frauen auf Grund der unterschiedlichen Sozialisation stärker und häufiger Sucht fördernde Situationen.

Dazu gehören unter anderem ein geringes Selbstwertgefühl, das Unvermögen, eigene Gefühle wahr – und wichtig zu nehmen, die Unfähigkeit, Konflikte zu bearbeiten, Angst, mangelnde Selbstverantwortlichkeit sowie fehlende Lebensstrategien.

Im Alltag lassen sich traditionelle Rollenmuster erkennen, die darauf hindeuten, dass der Prozess weiblicher Emanzipation noch längst nicht abgeschlossen ist. Schon im Grundschulalter orientieren sich Mädchen an Frauenbildern aus der Werbung und eifern diesen Schönheitsidealen nach. Die Macht der Mode und der Werbung verführt zu unreflektiertem Konsum, zu Haarund Körperstyling und zu zweifelhaften Diäten.

Solange Frauen nach Aussehen, Alter und sozialer Zugehörigkeit bewertet werden, definieren sich bereits Mädchen über ihre Partner und unterwerfen sich bereitwillig deren Vorstellungen und den Schönheitskriterien der Werbung. Gemessen an diesen Normen empfinden sich Mädchen meist als unvollkommen. Mit größten Anstrengungen folgen sie den gängigen Schönheitsidealen, dem Modediktat und den Vorstellungen ihrer Partner, also Normen von außen. Schon frühzeitig geben sie in scheinbar nebensächlichen Bereichen ihre eigene Zuständigkeit und Verantwortung ab. Dies setzt sich später oftmals auch in anderen Lebensbereichen fort, so dass das Leben zunehmend fremd bestimmt wird.

In Konfrontation mit den eigenen Möglichkeiten und den von außen heran getragenen Werten entstehen Unsicherheiten und Konflikte und notgedrungen Defizite hinsichtlich der Erfüllung eigener Normvorstellungen. Auch heute noch fühlen sich Frauen und Mädchen minderwertig, und ihr eigenes Selbstwertgefühl ist oft gering ausgebildet, so dass sie keine eigenen Maßstäbe entwickeln oder sich nicht trauen, diese in die Tat umzusetzen. Gleichwohl sind zeitgemäße Identifikationsfiguren für Mädchen rar. Schul-, Kinderund Jugendbücher bieten nur selten erlebbare Alternativen. Auch die Müttergeneration hat eine Sozialisation erfahren, die den Töchtern meist keine Hilfe ist. Bereits in der vorpubertären Phase wird deutlich, dass die Solidarität unter Mädchen zu Gunsten eines gewünschten Partners blitzschnell aufgegeben wird. Das sich entwickelnde Konkurrenzverhalten mündet häufig in Isolation. Alleingelassen mit ihren Problemen sind bereits junge Mädchen suchtgefährdet. Erste Ansätze, diesen Konflikten und Lebensproblemen mit ausweichendem Verhalten, und unreflektiertem Konsumieren zu begegnen, sind schon im Grundschulalter sichtbar.

Mädchen leiden im Vergleich zu Jungen viel stärker unter Alltagsbelastungen. Sie »fressen« Probleme in sich hinein, so die Ergebnisse einer Studie der Universität Bielefeld. Mädchen haben fast doppelt so häufig den Wunsch, anders zu sein, als Jungen. Die Studie zeigt auch, dass das Selbstbewusstsein bei Mädchen wesentlich geringer ausgeprägt ist. Hohe schulische Leistungserwartungen der Eltern, Schwierigkeiten bei der Anerkennung durch Gleichaltrige sowie übermäßige Konsumwünsche empfinden Mädchen weitaus stärker belastend als Jungen. Sie reagieren auf Alltagsstress häufiger mit psychosomatischen Störungen wie Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder Magenbeschwerden.

Obwohl in den Köpfen der PädagogInnen bereits eine Abkehr von alten Rollenvorstellungen stattgefunden hat, wird von Mädchen noch häufig erwartet, dass sie zurückhaltend sind, Zorn und Wut nicht nach außen zeigen, in der Gruppe Rücksicht nehmen und Verständnis für andere entwickeln. Immer noch lassen sich Mädchen ganz leicht in eine Helferrolle bringen. Sie übernehmen Verantwortung für andere, halten sich mit ihren Wünschen im Unterricht zurück, sind still, angenehm, angepasst und unauffällig, d.h. sie – und natürlich auch ihre Probleme – werden leicht übersehen. Darunter leiden viele Frauen ein Leben lang. In späteren Jahren kann dies in heimliches Trinken, übermäßigen Medikamentenkonsum oder Essstörungen münden

Solange das Verhalten von Mädchen und Jungen in unserer Gesellschaft unterschiedlich anerkannt und bewertet wird, sind Mädchen benachteiligt. Die gesellschaftlich akzeptierte männliche Dominanz lässt es nicht zu, dass sich Mädchen ihrer eigenen Werte bewusst werden und sie annehmen lernen. Dies zeigt sich auch im Klassenzimmer. Zwar ist die „Gleichberechtigung der Geschlechter“ neben Demokratie, Frieden, Freiheit und Menschenwürde seit 1989 im Berliner Schulgesetz verankert, die Umsetzung gestaltet sich jedoch schwierig. In Einzelfällen wird versucht, Mädchen durch Aufhebung der Koedukation zu unterstützen. Dies scheint uns ein erfolgversprechender Weg zu sein. Im Allgemeinen allerdings sind in unserem Schulsystem organisatorisch keine geschlechtshomogenen Gruppen vorgesehen, außer im Sportunterricht. Die prophylaktische Suchtarbeit mit Mädchen kann jedoch auch im koedukativen Rahmen geleistet werden, denn bei entsprechendem Ansatz ist die Arbeit mit den Jungen auch immer eine Arbeit für die Mädchen.

Als pädagogische Zielsetzung gilt es, Lehrerinnen und Lehrern die traditionellen Rollenvorstellungen über Mädchen und Jungen bewusst zu machen und diese zu verändern. Besonders Mädchen bedürfen der Unterstützung, um schon frühzeitig ein eigenes Wertesystem aufbauen zu können, ohne dass männliche Eigenschaften als Normvorgabe angesetzt werden. Ziel muss es sein, Mädchen Mut zu machen, eigene Bedürfnisse zu entwickeln und durchsetzen zu lernen.

In der Suchtarbeit hat sich bisher gezeigt, dass das Arbeiten ausschließlich im kognitiven Bereich erfolglos ist. Um langfristig Erfolg versprechend zu sein, muss der affektive Lernund Lebensbereich viel stärker berücksichtigt werden. Mit Hilfe von Übungen tritt an die Stelle des passiven Zuhörens und des Konsumierens eine persönliche Identifikation und das eigene aktive Erleben. Die Kinder lernen einander anders und besser kennen und erfahren so, dass sie mit ihren individuellen Problemen nicht allein stehen. Sie können erleben, dass sie von der Gruppe getragen werden und sich in der Gemeinschaft mit ihren Alltagsproblemen positiv handelnd auseinander setzen. Dazu gehört es auch, Strategien für Konfliktlösungen zu entwickeln und Verhaltensmuster zu erproben. Dies ist in besonderem Maße für Mädchen zu fordern. Sie müssen in einem geschützten Raum eigenes Handeln erproben, Auseinandersetzung üben und erfahren, dass Neinsagen nicht zwingend Liebesentzug bedeutet.

Auch heute noch nehmen Jungen in jeder Beziehung mehr Raum ein als Mädchen. In der Schule muss deshalb dafür gesorgt werden, dass den Mädchen genügend Raum zur Verfügung steht und sie sich nicht mit dem Rest begnügen, den ihnen die Jungen übrig lassen. Oft genug wird die körperliche Selbstbestimmung der Mädchen von den Jungen missachtet. Körpergefühl und gesetzte Grenzen der Mädchen müssen stärkere Beachtung finden. Die Solidarität unter den Mädchen muss gefördert werden. Wenn diese Arbeit erfolgreich sein soll, ist es nicht nur notwendig, Mädchen in die Lage zu versetzen selbstbewusster zu agieren und eigene Vorstellungen zu verwirklichen, sondern gleichzeitig die soziale Kompetenz der Jungen zu erweitern, so dass ein sensibleres Miteinander erreicht wird.

Es geht darum, Mädchen verstärkt Möglichkeiten einzuräumen, sich als Gesamtperson wahrzunehmen, d. h. sich mit Stärken und Schwächen anzunehmen. Sie sollen sich auf unterschiedliche Weise erproben, anstatt sich weiter auf die Rolle der Helfenden beschränken zu lassen. Mit einer Steigerung des Selbstwertgefühls sollen letztlich Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen derart gefördert werden, dass ein dem Alter entsprechend selbstbestimmtes Leben möglich ist. Ein selbstverantwortliches Leben und Sich-Lösen von normierten Rollenvorstellungen, verbunden mit dem Aufbau eigener Werte, heißt auch, dass Mädchen in noch größerem Umfang als bisher ihre guten schulischen Leistungen in eine entsprechende gute berufliche Ausbildung umsetzen und in vielfältiger Weise Unabhängigkeit und Selbstständigkeit erlangen können. Selbstbestimmung im Leben bedeutet auch immer Zufriedenheit und Gleichklang mit sich selbst.

Evelyn Theurich-Luckfiel, Heidelore Janke-Bartsch
Gekürzter Nachdruck aus: Gesundheitserziehung in der Grundschule, Luchterhand Verlag.

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