| Seit 25 Jahren bin ich Lehrerin an einem Reinickendorfer Gymnasium und bemühe mich, dem Erziehungsauftrag der Berliner Schule gerecht zu werden; das heißt, ich soll die SchülerInnen zu Persönlichkeiten erziehen, die bereit sind, „... das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit, der Menschenwürde und der Gleichberechtigung der Geschlechter zu gestalten.“ (SG §1) Als Deutschlehrerin sollte mir das nicht schwer fallen. Dem ist aber leider nicht so. In jeder Stunde muss ich entscheiden, ob ich einen unterschwelligen Konflikt in der Klasse aufgreife oder im so genannten Stoff fortfahre.
Als Reinickendorfer Frauenvertreterin habe ich mich in der Schule immer bemüht, einen Beitrag zur geschlechtsspezifischen Erziehungsarbeit zu leisten. So hatte ich mir für das Schuljahr 1998/99 vorgenommen, die Jugendlichen nicht nur in ihrer intellektuellen, sondern bewusst auch in ihrer persönlichen und sozialen Entwicklung zu unterstützen. Deshalb hatte ich der 7. Klasse, in der ich auch Klassenlehrerin war, eine zusätzliche Stunde pro Woche angeboten. Diese Stunde wurde zum festen Bestandteil des Stundenplans und sollte dazu dienen, die Gruppenentwicklung in der Klasse zu fördern und damit die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Alle schulischen Gremien haben dieses Projekt unterstützt.
Ganz wichtig war zunächst das bessere Kennenlernen in der Klasse, um von vornherein das Konfliktpotenzial im täglichen Schulalltag so klein wie möglich zu halten. In den nächsten Schritten ging es um die Verbesserung der Kooperation und Kommunikation. Einen großen Raum nahm die Frage ein, wie man mit Konflikten umgeht und wie sie gelöst werden können. Auch in der Methodik unterschied sich diese Stunde von den anderen Unterrichtsstunden. Begonnen wurde mit einer spielerischen Aufwärmphase oder einer Entspannungsübung. Interaktionsspiele und Rollenspiele nahmen einen großen Raum ein. Auswertungen erfolgten im Stuhlkreis. Hin und wieder arbeiteten die SchülerInnen auch schriftlich, und zwar nach Methoden des „Kreativen Schreibens“. Noten wurden nicht erteilt.
Mädchen- und Jungenstunde
Wenn die persönlichen und sozialen Kompetenzen der SchülerInnen gestärkt werden sollen, muss innerhalb der Gruppe ein Klima herrschen, das jeder und jedem erlaubt, sich gegenüber der Gruppe zu öffnen, ohne dass Peinlichkeiten oder Nachteile entstehen. Nach meiner Erfahrung kann diese Atmosphäre unter 12 bis 13jährigen SchülerInnen eher entstehen, wenn sie nach Mädchen und Jungen getrennt werden. Darüber hinaus differieren die Wünsche und Bedürfnisse, die Mädchen und Jungen an die Zusatzstunde haben. Auch methodisch ist es notwendig, unterschiedliche Angebote zu machen.
Erstes Beispiel
In einer Stunde zum Thema „Probehalbjahr“ äußerten 90 Prozent der Mädchen Ängste darüber, dass sie es nicht bestehen könnten. Sie benannten konkret Fächer, in denen sie sich sicher oder unsicher fühlten und gaben an, in welchen Fächern sie Hilfe anbieten könnten oder Unterstützung bräuchten. Die Stunde endete mit einem Rollenspiel; die Mädchen organisierten telefonisch – auch wenn sie vorher noch kaum Kontakt untereinander hatten – ihre gegenseitige Unterstützung. Bei den Jungen zweifelten nur 15 Prozent daran, das Probehalbjahr bestehen zu können. Folglich fühlten sich auch nur wenige im Unterricht unsicher. Unterstützung suchten sie, wenn überhaupt, bei den Eltern. Es fiel den Jungen – meiner Einschätzung nach – schwer, sich auf ein Gespräch über Schwierigkeiten mit dem Probehalbjahr einzulassen. Erst nachdem ich im Klassenzimmer einen Hindernisparcours aus Möbeln aufgebaut hatte und die Jungen auf unterschiedliche Weise die Hindernisse überwanden, begann ein Gespräch über verschiedene Möglichkeiten mit Problemen umzugehen.
Ich kannte die ganze Klasse vom Deutschunterricht; dass sich die Mädchen und Jungen in getrennten Gruppen so unterschiedlich verhalten würden, hätte ich nicht für möglich gehalten, eine Erfahrung, die ich allen KollegInnen und SchülerInnen wünsche.
Zweites Beispiel
Eine anonyme Befragung ergab, dass Mädchen und Jungen eine unterschiedliche Einstellung zur Klasse hatten: Nur zwei Schülerinnen fühlten sich wohl, vierzehn waren zufrieden, von den Jungen fühlten sich zehn wohl, zwei waren zufrieden und zwei fühlten sich unwohl. Ich vermutete, dass dies Ergebnis mit Spannungen zwischen Mädchen und Jungen zu tun haben könnte.
Um die Mädchengruppe zu stärken, führte ich eine Stunde durch, in der jede Schülerin gesagt bekam, was die anderen an ihr mögen und welche Ratschläge sie ihr geben wollten. Zum ersten Aspekt wurden Hilfsbereitschaft, die Hausaufgaben abschreiben zu lassen, sich für die Klasse einzusetzen genannt. Allen Mädchen fiel etwas ein. Mit den gegenseitigen Ratschlägen gingen die Schülerinnen sehr behutsam um. Oft hieß es: „Weiter so!“ Einer Schülerin, die sich extrem zu parfümieren pflegte, wurde empfohlen, sie solle etwas weniger Parfüm benutzen.
Diese Stunde konnte ich nur durchführen, weil ich sicher war, dass die Mädchen fair miteinander umgehen würden. Ihnen hat diese Stunde gut gefallen, immer wieder wünschten sie, diese Stunde zu wiederholen. Bei den Jungen schien es mir wichtiger, sie dazu anzuregen, über ihren Umgang untereinander zu sprechen. In diesem Zusammenhang erzählte jeder – diese Idee habe ich von einem Schüler aufgegriffen – wer welchen Spitznamen verkrafte und welchen nicht. Sehr ehrlich sprach jeder Schüler das aus, was alle ohnehin wussten: der Stotterer verträgt alles, aber nichts über sein Stottern, dem Dicken geht es so und dem Kleinen, dem Thailänder etc. Das auszusprechen hat allen gut getan und die Jungen vereinbarten, sich für die kommenden zwei Wochen an die Wünsche der Mitschüler zu halten. Im Anschluss daran hielten sowohl die Mädchen als auch die Jungen schriftlich fest, was sie am Verhalten des anderen Geschlechts zu bemängeln hatten. Diese Formulierungen sollten als Grundlage für ein gemeinsames Gespräch dienen. Die Mädchen beklagten sich darüber, dass sie mit Schimpfwörtern wie „Nutte“, „Türkin“, „fette Kuh“ tituliert würden. Darüber hinaus würden sie von den Jungen schlecht gemacht und fühlten sich persönlich angegriffen. Gleichzeitig räumten sie ein, dass die Jungen sich zum Teil durch LehrerInnen ungerecht behandelt fühlten.
Die Jungen warfen den Mädchen vor, dass sie versuchten, sich bei den LehrerInnen beliebt zu machen. Sie reflektierten aber auch über ihr eigenes Verhalten und benannten es als problematisch, Fehler, die Mädchen im Unterricht machten, zu kommentieren.
In der gemeinsamen Stunde waren es trotz schriftlicher Vorbereitung dann doch nur zwei Schülerinnen, die sich trauten, den Schülern ins Gesicht zu sagen, wie sehr die Mädchen unter den Kommentaren der Jungen litten, die diese abzugeben pflegten, wenn die Mädchen nach getaner Arbeit an der Tafel auf ihre Plätze zurückgingen. Dies veranlasste mich, in der nächsten Mädchenstunde erneut im Rollenspiel zu üben, den Jungen die Meinung offen vorzutragen, in der Jungenstunde spielten die Schüler Situationen nach, in denen Fehler mit abfälligen Bemerkungen bedacht wurden.
Eine notwendige Stunde
Nach einem Jahr Erfahrung mit der „Mädchen- und Jungenarbeit“ halte ich diese Stunde für absolut notwendig. Die Mädchen haben gelernt, Probleme anzusprechen, sich durch eine „feed-back-Kultur“ gegenseitig zu stärken und auf dieser Basis die Lösung von Problemen anzugehen. Die wichtigste Erfahrung für die Jungen war, dass sie nicht immer überlegen sein müssen und die Frage „Wer ist Sieger, wer Verlierer?“ nicht die wichtigste ist, sondern auch ein fairer Umgang auf gleichberechtigter Basis erstrebenswert sein kann.
Ich suche MitstreiterInnen, will Ideen austauschen und habe die Vision von einer Stunde pro Woche zum Thema „Persönliche und soziale Kompetenzen der SchülerInnen stärken“ in allen 7. Klassen Berlins.
Helga Moericke
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