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Nr. 12/1999
Titel: Erziehung zum Unternehmensgeist
Entrepreneurship
meint die Entwicklung einer unternehmerischen Idee und ihrer Umsetzung. Der Entrepreneur ist der weitgehend ohne Kapital startende Visionär, Künstler, Ideenentwickler und -realisierer, der aus dieser Umsetzung Mittel erwirtschaftet, sich selbst und anderen Arbeit und Einkommen verschafft. Auf dem Bildungskongress der Hamburger GEW im Februar 1999 sorgte Jürgen Zimmer mit seiner Forderung nach einer Erziehung zum Unternehmensgeist als Grundqualifikation für alle Bürger-innen für heftige Diskussionen. Obwohl sich diese neue Richtung yseit einigen Jahren an den Universitäten etabliert hat, ist sie in der pädagogischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen worden. Der Zuspruch aus Politik und Wirtschaft dagegen ist hoch. Den Beitrag haben wir der Zeitschrift der GEW Hamburg vom April 1999 entnommen. Wir stellen ihn hier zur Diskussion.
Die Schule solle nicht nur Arbeitsplatzqualifikationen vermitteln, sondern auch Unternehmensgeist. Angesichts hoher Arbeitslosigkeit und an Stelle des Festhaltens an der Fiktion der Vollbeschäftigung müsse eine neue unternehmerische Kultur entwickelt werden, die schon in den Kindertagesstätten ansetzt, fordert Jürgen Zimmer von der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, Psychologie und Ökonomie der FU Berlin. Das neue Erziehungsideal für das 21. Jahrhundert?

In Deutschland bricht ein Zeitalter der veranlassten neuen Bescheidenheit an. Während die Epoche des europäischen Wohlstands hinter dem Horizont versinkt, vollzieht sich der Aufstieg jener Länder, in denen eine marktwirtschaftliche Orientierung wirksam wird. Auch wenn die Europäer sich in den kommenden Jahrzehnten zunehmend als Normalbürger dieser Welt wiederfinden, wird – bei genauer Betrachtung – der relative Abstieg in eine Landschaft sozio-ökonomischer Heterogenität, in eine Drei-DrittelGesellschaft führen.

Unter der Voraussetzung, dass dieser Abstieg von der Öffentlichkeit und ihrer politischen Vertretung nicht als Herausforderung begriffen und – im weitesten Sinn – mit einer Kultur unternehmerischen Handelns beantwortet wird, entstehen konfliktive Szenarien, die denen implodierender Hegemonien ähneln. Für den Bereich des Bildungswesens und der Jugendhilfe droht dabei ein Auseinanderdriften des privaten und öffentlichen Sektors. Wohlhabende Bevölkerungsgruppen werden sich blz 12/99 6 ä Titel zunehmend privater Bildungsund Betreuungsinstitutionen bedienen, während die Mehrheit auf den öffentlichen oder öffentlich bezuschussten Sektor bei zunehmend schlechten Bedingungen verwiesen sein wird.

Das Argument, man dürfe den Staat angesichts wachsender Probleme nicht aus der Verantwortung entlassen, ist in Zeiten der Prosperität wie der Knappheit zutreffend, reicht jedoch in einer Phase, in der der Staat auf lange Sicht ärmer wird, nicht hin. Dem Realitätsprinzip Weltmarkt angemessen wäre es, eine gesellschaftliche Wende und Anstrengung großen Stils einzuleiten und eine unternehmerische Kultur neu zu entwickeln, wie sie Ende des neunzehnten Jahrhunderts und dann noch einmal Anfang der fünfziger Jahre in Deutschland zu beobachten war: Die Verantwortlichkeit des Staates bedarf eines finanziellen Fundaments, sie muss erwirtschaftet werden. Genau daran mangelt es. Heute sind die Konsequenzen einer Wirtschaftspolitik zu spüren, die jahrzehntelang Investitionsmittel in nicht wettbewerbsfähige Bereiche – Agrar, Kohle, Stahl – gelenkt und dort in enormer Höhe gebunden hat. Diese Wende müsste in breitester Form auch die Bereiche des Bildungswesens und der Jugendhilfe erfassen. Denn eine neue Variante der Bildungskatastrophe, in die wir hineingeraten, gewinnt Kontur: Sie besteht darin, dass das Bildungswesen wie die Jugendhilfe auf das Problem einer wachsenden Massenarbeitslosigkeit keine angemessene und zureichende Antwort entwickelt. Bildung wird in Zukunft zunehmend nur dann noch Aufstieg – genauer: Existenzsicherung – bedeuten, wenn Menschen lernen, unternehmerische Visionen zu entwickeln und sich selbst und anderen unter den Bedingungen des Weltmarktes Arbeitsplätze zu schaffen. Dies würde unter anderem bedeuten, dass professionelle Pädagogen, bisher an einen nahezu lebenslangen Marsch durch die pädagogischen Institutionen gewöhnt und biografisch eher defensiv gestimmt, dies ebenfalls lernen und modellhaft unter Beweis stellen. Hier reicht es keinesfalls, sich auf die Förderung von Arbeitnehmerqualifikationen zu beschränken und an der Fiktion von Vollbeschäftigung festzuhalten, so, als fielen arbeitsbeschaffende Menschen mit entsprechenden Ideen vom Himmel; notwendig ist vielmehr – im weitesten Sinne – eine Erziehung zum Unternehmensgeist, die früh einsetzt und Entrepreneurship weniger wie bisher als biografische Absonderlichkeit, vielmehr als Grundqualifikation von Bürger-innen versteht.

Wenn Soziologen hier – wie Ralf Dahrendorf – beobachten, dass die eigentlich interessanten und wichtigen Lernprozesse außerhalb der durch ökonomisch inkompetente Pädagogen geprägten Institutionen organisiert würden, trifft sich eine solche Einschätzung mit der führender Ökonomen aufstrebender Länder: Diese Länder hielten, so etwa Hernando de Soto (Peru), ein Bildungswesen modernisiert kolonialer Prägung gerade noch aus, weil die Lernchancen des sozio-ökonomischen Umfeldes groß genug seien, um Absolventen oder Abbrecher von Bildungseinrichtungen ihre eigentlichen Lehrund Gesellenjahre draußen erleben zu lassen, so dass die meisten – in Kenntnis dieser Chance – auch nicht Gefahr liefen, zu Dauerjugendlichen pädagogischer Einrichtungen zu werden.

Insbesondere in einigen asiatischen Ländern sowie in den USA und Großbritannien haben Überlegungen Kontur gewonnen, wie man Entrepreneurship fördern könne. Während in den Entwicklungsländern der informelle ökonomische Sektor – so Hernando de Soto – eine Schule der Nation darstellt und generationsübergreifend Unternehmer von unten heranbildet, die als risk taker mit äußerster Knappheit wirtschaften lernen (und es dort darum geht, den „Informellen“ den Zugang zum regulären Markt zu erleichtern und ihre unternehmerischen Ideen zu verbessern), entwickelt sich in den USA eine bildungspolitisch neue Akzentuierung: Dort sind inzwischen über 30 Lehrstühle für Entrepreneurship eingerichtet worden, außerschulische Einrichtungen, Schulen, Colleges und Universitäten bieten Entrepreneurship-Programme an. In Großbritannien entstand im Verbund von Wirtschaft und Community Schools des Primarund Sekundarbereichs die Initiative der education for enterprise mit der Entwicklung von mini enterprises; es entwickelten sich Schulen, die über community business einen Teil ihrer Einnahmen erwirtschaften und selbst zum unternehmerischen Modell werden.

Eine Diskussion darüber, wann mit einer Erziehung zu Entrepreneurship begonnen werden kann, wird von der Realität eingeholt, wenn man die unternehmerisch tätigen Kinder an den sozio-ökonomischen Peripherien dieser Welt in den Blick nimmt. Es handelt sich um Ernstfälle anderer Qualität als bei uns, zugleich aber auch um Vorerfahrungen und Qualifikationsprofile von Kindern, die, was Überlebensfähigkeit, Autonomie und lebenspraktische Kompetenz anbelangt, europäisch „verkindlichten“ Kindern überlegen sein dürften. Es stellt sich dann die Frage, ob – bei aller Berücksichtigung auch der gravierenden und brutalen Aspekte einer solchen Kindheit des Südens – jenes mitteleuropäische Konstrukt von Kindheit das Qualifikationsund unternehmerische Potenzial von Kindern nicht deutlich unterschätzt.

Bei der Analyse Von Unternehmerbiografien fällt auf, dass die überwiegende Zahl von Menschen, die den Sprung ins unternehmerische Handeln riskieren, in ihrer Kindheit bereits von bestimmten Ideen „besessen“ waren, einen „Fimmel“ sowie Sinnierkraft entwickelten, dazu Fantasie und Zähigkeit, um die kleinen Visionen umzusetzen. Die meisten haben im Mikrokosmos praktische unternehmerische Erfahrungen gemacht, Ökonomie im Kleinen betrieben und erlebt, dass man mit der Idee auf einen Markt trifft und bei ihrer Umsetzung Gratifikationen erhalten kann. Sinnierkraft meint den Prozess eines immer wiederkehrenden Umgangs mit der Idee, das Tüfteln, das processing, die Auswertung von Erfahrungen anderer, den Drang nach Gestaltung und Entfaltung. Sinnieren könne, so der Psychotherapeut und Unternehmer Peter Goebel, der zahlreiche biografische Analysen mit Jungunternehmern durchgeführt hat, als Rausch, Arbeit als lustvoll erlebt werden. Gedankengebilde entstehen, deren Logik in zunehmender Genauigkeit recherchiert und deren Umsetzung zum kalkulierbaren Wagnis werden. Querdenker sind gefragt, Kinder und Jugendliche, deren Drang nach Gestaltung und Unabhängigkeit beschäftigungspädagogisch nicht neutralisiert wird.

Deutlich wird bei einer Analyse von Unternehmerbiografien auch, dass viele von ihnen als Kinder und Schüler Mühe hatten, mit der Reglementierung ihres Sinnierwillens, mit veranlassten Unterbrechungen der Ideenentwicklung zurechtzukommen. Sie haben oft gegen widrige Umstände am Entwurf und an dessen Umsetzung festgehalten: Pädagogen als frühzeitige Verhinderer von Entrepreneurship?

Jürgen Zimmer
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