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Nr. 12/1999
LehrerInnenbildung: Wer läutet die Alarmglocken?
Wer läutet die Alarmglocken?

Die Zukunft der LehrerInnenbildung in Berlin war Thema eines GEW-Forums am 5.11.99. Die gut und hochrangig besuchte Veranstaltung war hervorragend getimt. Wenige Tage zuvor hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) den Abschlussbericht ihrer "Gemischten Kommission" zu den Perspektiven der Lehrerbildung in Deutschland entgegengenommen (siehe blz 10/99).

Zu wenig Studierende schließen ihr Studium ab:

Die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern ist kein Selbstzweck. Sie muss vor allem den künftigen Bedarf in der Schule im Auge haben. In dieser Beziehung steht Berlin äußerst schlecht dar. Nur etwa 30 % aller StudienanfängerInnen in einem Lehramt in Berlin schließen dieses auch mit dem ersten Staatsexamen ab. Viele orientieren sich während des Studiums um oder werfen angesichts der hohen Studien- und Prüfungsbelastung das Handtuch. Beim Übergang in die 2. Phase (Referendariat) geht wiederum ca. ein Drittel der BewerberInnen "verloren". Dazu kommt, dass die Zahl der StudienanfängerInnen in Lehrämtern seit 1993 kontinuierlich zurückgegangen ist. Anhand weiterer Zahlen und Hochrechnungen machte Gisela Wilsdorf von der Freien Universität deutlich, dass die Schere zwischen LehramtsabsolventInnen und Einstellungsbedarf in der Berliner Schule in den nächsten Jahren immer weiter auseinenderklafft. Der Ersatzbedarf an Lehrerinnen und Lehrern ist schon heute in den Berufsschulen und den Sonderschulen nicht zu decken. Es gibt freie Stelle, aber nicht in ausreichender Zahl qualifizierte BewerberInnen. Diese Situation wird sich aufgrund der anrollenden Pensionierungswelle in allen Schulstufen verschärfen. Der jährliche Einstellungsbedarf in den Berliner Schulen liegt bei ca. 1000 Personen – das wurde auch von Herrn Schäffner (Senatsschulverwaltung) bestätigt.

Die Ursachen für diese drastische Entwicklung liegen nicht nur in der Struktur der LehrerInnenbildung an den Hochschulen. Maßgeblich dürfte auch sein, dass junge Leute in den letzten Jahren regelrecht von einem Lehramtsstudium abgeschreckt wurden. Zum einen gab und gibt es keine klaren Aussagen der Staatsseite über die künftigen Berufschancen. Zum anderen hat Berlin in den letzten Jahren das Referendariat als Kürzungspotential missbraucht und damit eine verlässliche Planung der Studierenden nahezu unmöglich gemacht. Wer studiert also Lehramt, wenn er oder sie immer wieder hört, dass es weder im Referendariat noch im Schuldienst selbst Einstellungschancen gibt?!

Die Diskussion hat gezeigt, dass es jetzt schon wieder fast zu spät ist, diese Entwicklung umzukehren. Denn wer heute sein Studium beginnt, steht frühestens in 8 Jahren dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Allerdings kann und muss gegengesteuert werden, indem z.B. die vorhandenen Lehramtsstudierenden ermutigt werden, ihren Abschluss zu machen und andere Studierende auf Lehramt wechseln.

Zu den KMK-Empfehlungen:

Natürlich hat die Misere auch etwas mit der Struktur der LehrerInnenbildung zu tun. In diesem Zusammenhang geben die Empfehlungen der "Gemischten Kommission Lehrerbildung der KMK" wichtige Anregungen. Diese sind zwar nicht alle neu, aber leider bislang kaum umgesetzt.

Die Leiterin der GEW-Projektgruppe LehrerInnenbildung, Brigitte Reich, erläuterte die wesentlichen Punkte des KMK-Berichtes. Die wichtigste Botschaft: Die derzeitige Struktur der LehrerInnenbildung, bestehend aus universitärer 1. Phase, Vorbereitungsdienst und beruflicher Weiterbildung soll erhalten bleiben. Vor allem von den Fachhochschulen war in den letzten Monaten wiederholt der Ruf nach einer Verlagerung der LehrerInnenausbildung an die Fachhochschulen laut geworden. Die Kommission erteilt diesem Ansinnen eine klare Absage. Allerdings – und das sollte gebührend erhört werden – warnt die Kommission vor einem "Weiter wie bisher". Die bestehenden Defizite in der universitären LehrerInnenausbildung müssten konsequent angegangen, ihre Stärken und Potenziale genutzt und ausgebaut werden. Die LehrerInnenausbildung darf nicht länger, so die Kommission, eine "sekundäre Serviceleistung" der Universitäten sein. Unter dem Slogan "Das Ende der Beliebigkeit" wird gefordert, sämtliche Studienelemente stärker am künftigen Berufsfeld zu orientieren. Die Fächer, Fachdidaktiken, Erziehungswissenschaften und Praktika sollen grundsätzlich parallel studiert werden. Daneben soll es studienbegleitende Prüfungen geben, um den zeitlich viel zu langen und belastenden Prüfungsstress am Ende des Studiums abzubauen. Die Fachdidaktiken sollen in Lehre und Forschung gestärkt werden. Die Kommission hält die Einrichtung von Zentren für Lehrerbildung und Schulforschung an den Universitäten für sinnvoll, um die LehrerInnenbildung fächerübergreifend gebührend zu vertreten.

Als "immer noch vergessenen Teil der Lehrerbildung" charakterisiert die Kommission den Vorbereitungsdienst (2. Phase). Gefordert wird eine bessere Abstimmung mit den Inhalten der 1. Phase, eine stärkere Koordinierung der Lernorte Studienseminar und Ausbildungsschule sowie eine bessere Qualifizierung der SeminarleiterInnen. Die Studienseminare müssten sich von einem "Lehr- und Lernbetrieb" hin zu einer Studienstätte entwickeln, die ein höheres Maß an Selbstorganisation beim berufsbezogenen Lernen ermöglichen.

Als zentrale Forderung bezeichnet die Kommission die Notwendigkeit des ständigen Lernens und der Weiterbildung im Beruf. LehrerInnenbildung müsse stärker als berufsbiographischer Prozess wahrgenommen und organisiert werden. Dabei komme der Planung, Organisation, Gestaltung und Reflexion von Lehr- und Lern-Prozessen die entscheidende Bedeutung zu. Die Kommission schlägt vor, die jungen Lehrerinnen und Lehrer vor allem in den ersten Jahren ihrer beruflichen Tätigkeit in der Schule gezielt zu begleiten und zu fördern, um von Anfang an berufliche Kompetenzen aufzubauen und zu erweitern. Notwendig dazu seien eine gezielte Personalentwicklungsplanung unter Einbeziehung von Weiterbildungselementen durch Fortbildungspläne. Letztlich geht es um die organisatorischen Voraussetzungen, um ein kontinuierliches Lernen im Beruf zu ermöglichen und zwar nicht erst dann, wenn Alltagsroutinen eingesetzt haben.

Was wollen die Berliner Universitäten? Für die Arbeitsgruppe Lehramtsstudium der Berliner Hochschulen stellte Frau Professor Mattenklott (HdK) den dortigen Diskussionsstand vor.

Das geforderte parallele Studium aller Elemente der LehrerInnenausbildung sei nach ihrer Meinung zwar wünschenswert, entspräche aber nicht der Realität. Untersuchungen hätten ergeben, dass die Studierenden zu Studienbeginn eher am Fächerstudium und weniger an den pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Anteilen Interesse hätten. Der Elan zu Studienbeginn würde "gebrochen", falls die Studierenden gleich wieder mit Schule und Pädagogik überfrachtet würden. Dem Einwand, dass das vor allem daran liege, dass die einzelnen Teile inhaltlich zu wenig aufeinander bezogen seien, konnte Frau Mattenklott nicht widersprechen.

Die Arbeitsgruppe Lehramtsstudium der Berliner Hochschulen diskutiert zur Zeit ein sog. Konsekutiv-Modell der LehrerInnenausbildung, das folgendermaßen aussehen könnte:

In den ersten vier Semestern soll das Fächerstudium überwiegen. Danach sollen zwei Semester als Orientierungsphase anschließen, in denen neben dem Fächerstudium vor allem berufspraktische Erfahrungen gesammelt werden. Diese Phase solle es den Studierenden ermöglichen, ihre Studienentscheidung korrigieren zu können. Anschließend sieht das Modell ein dreisemestriges professionsbezogenes Studium mit den erziehungswissenschaftlichen und fachdidaktischen Elementen vor. Einen hohen Stellenwert sollen studienbegleitende Prüfungen bilden, die in die Abschlussnote einfließen. Am Ende des Studiums würde dann nur noch eine Hausarbeit und eine mündliche Prüfung stehen – Forderungen, die auch von der GEW erhoben werden.

Die Einführung von Bachelor und Master-Studiengängen in der LehrerInnenausbildung wird von den HochschulexpertInnen diskutiert. In der Veranstaltung waren sich aber alle einig, dass dies kein geeignetes Modell für die LehrerInnenausbildung ist.

Die Diskussion hat gezeigt, dass auch in Berlin die einzelnen mit LehrerInnenbildung befassten Institutionen und Verantwortlichen noch keine gemeinsame Linie gefunden haben. Noch wird zu viel parallel gemacht. So war zu erfahren, dass die Senatswissenschaftsverwaltung jetzt eine Steuerungsgruppe "Schule – Hochschule" einsetzt und die Senatsschulverwaltung gerade eine Projektgruppe "Schulqualität in Berlin" ins Leben gerufen hat. Daneben gibt es die Runde der VizepräsidentInen der Universitäten und der HdK. Es muss endlich gelingen, alle Beteiligten zusammenzuführen, um in der LehrerInnenbildung wirklich etwas zu bewegen. Sinnvoll wäre dazu die auch von der KMK-Kommission wieder vorgeschlagene Einrichtung von Zentren für LehrerInnenbildung oder einer Pädagogischen Konferenz, die wir als GEW BERLIN seit einigen Jahren fordern. In dieser Konferenz sollen Abstimmungen über die Inhalte, und die institutionellen und personellen Vernetzungen zwischen den Universitäten, den Studienseminaren und der Lehrerfort- und Weiterbildung getroffen werden.

Matthias Jähne

Informationen:

Der Abschlussbericht der Gemischten Kommission Lehrerbildung der KMK (ca. 130 Seiten stark) kann bestellt werden beim Beltz-Verlag Weinheim oder über den Buchhandel (ISBN 3-407-25229-3).

Die GEW wird vom 11. bis 13. Februar 2000 eine bundesweite Tagung zur Reform der LehrerInnenbildung in Hamburg durchführen. InteressentInnen melden sich bitte bei Brigitte Reich (Tel. 3185-2088 oder Email: reich@eugwiss.hdk-berlin.de).

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