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Nr. 11/1999
Gewalt und Gewaltprävention
Therapeuten gegen den Zyklus der Gewalt

Mit Diskussionen und Rollenspielen wollen amerikanische Schulen Konflikte entschärfen. Ein Erfolg dieser psychologischen Ansätze läßt sich aber nicht nachweisen.

An der T.C. Williams High School setzten sich vergangene Woche zwei Mädchen, die sich am liebsten gegenseitig die Haare ausgerissen hätten, unter Aufsicht eines Mediators an einen Tisch. Nach Stunden trennten sie sich und waren miteinander versöhnt. Am Nachmittag erzählten sie niemand Geringerem als dem US-Präsidenten Bill Clinton, wie sie das gemacht hatten. „Vier Grundregeln haben wir hier“, erläutert die Vermittlerin Tamika Barbour, selbst eine Schülerin: „Keine Schimpfworte, Offenheit und harte Arbeit, um das Problem zu lösen.“ Die Vermittler werden unter SchülerInnen rekrutiert und an der Schule von einer Psychologin ausgebildet. Sie schlichten ca. 100 Streitfälle im Schuljahr. Die „Peer Mediation“ genannte Vermittlungstätigkeit Gleichaltriger ist nur ein Instrument in einem ganzen Arsenal von Interventionen,die seit Jahrzehnten an amerikanischen Schulen ausprobiert werden. Eingangskontrollen und Metalldetektoren sind dabei nur die vordergründigsten Mittel, die von vielen Pädagogen aber abgelehnt werden, weil sie die Schüler grundsätzlich unter Verdacht stellen und Misstrauen säen. Auch Schuluniformen, die Jugendgangs ununterscheidbar machen sollen, sind umstritten.

Funktioniert Gewaltprävention?

Es gibt eine schmale wissenschaftliche Literatur, die Erfolge und Misserfolge von Gewaltvorbeugung an Schulen untersucht. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Es scheint keine Gewaltprävention zu geben, deren Erfolg sich unstreitig nachweisen lässt. Vor allem für die Wirksamkeit der immer populärer werdenden Programme von Schülergerichten und Schülervermittlung gibt es trotz glühender Berichte einzelner Schuldirektoren keine Beweise. Auch die vielbeschworenen Schulpsychologen, die Problemkinder beraten und betreuen sollen, haben keinen nachweisbaren Erfolg.

Vielversprechende Familientherapie

Vielversprechender ist Familientherapie – vor allem dann, wenn sie nicht nur die Probleme innerhalb der Familie bearbeitet, sondern sich auch der Schwierigkeiten annimmt, die Familien mit der Außenwelt haben. Den größten Erfolg haben Familientherapien, wenn sie mit der Ausbildung in Problemlösungsstrategien für den Alltag einhergehen und wenn EItern in die Schularbeit einbezogen werden. Eltern helfen den Lehrern und erhalten im Tausch Elternberatung. Viele alleinstehende Eltern aber fallen unter dem Druck des Alltags in alte Gewohnheiten zurück und beginnen den Zyklus der Gewalt von vorne.

Gute Erfolge

Gute Erfahrungen sind mit Diskussionen und Rollenspielen gemacht worden. Ein Versuch, bei dem Jugendliche jede Woche einen halben Tag lang ihre Konflikte durchspielten, ergab, dass die Gewalt unter den Jugendlichen abnahm. Populär sind zur Zeit auch Programme, die die Schule mit dem Stadtteil verbinden wollen. Dazu verwandeln sich Schulen nachmittags zu Jugend- und Gemeindezentren, Betriebe und Geschäfte aus dem Stadtteil, Staatsanwälte und Richter werden in die Gestaltung von Schule und Unterricht einbezogen, Polizisten werden etwa als Sportlehrer an die Schule geholt.

Zwiespältiges Verhältnis zur Gewalt

All diese Bestrebungen haben begrenzten Wert: „Unsere Gesellschaft hat ein zwiespältiges Verhältnis zur Gewalt“, sagt Patrik Tolan, Psychologe an der University of Illinois in Chicago und Autor einer Studie über Gewaltprävention, „man denke nur an die nicht abreißen wollende Debatte über Prügelstrafe und die Popularität von Gewaltfilmen. Wie kann in einem solchen gesellschaftlichen Klima Gewaltprophylaxe betrieben werden?“

Peter Tautfest Aus der „taz“ vom 4.5.99. Wir bedanken uns für die Nachdruck-Genehmigung.

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