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Joachim Neu: Öffentliche Lesekultur - ein Auslaufmodell?

blz 03 / 2014

Öffentliche Lesekultur – ein Auslaufmodell?

Die desolate Lage der Berliner Bibliotheken

von Joachim Neu, Oberstufenzentrum Logistik, Touristik, Immobilien, Steuern (OSZ Lotis)

Es war einmal eine Bibliothek an einem Oberstufenzentrum, die als Nebenstelle der Bezirksbibliothek finanziell und personell reichlich ausgestattet war. Das war ein Sozial- und Wohlfühlraum für mehrere Tausend von SchülerInnen und Lehrkräften. Hoch oben sonnendurchflutet im obersten Stock, mit Kopiermöglichkeit und vielfältigen Medien ausgestattet. Es fehlte nur der Café-Automat und die Schlafcouch. Dann kam die Wiedervereinigung und von da an ging es bergab. Erst verschwand das Personal im Stellenpool – parallel mit der Aufgabe als Bezirksnebenstelle. Dann gab es kein Geld mehr.

Und schließlich wurde der groß-zügig geschnittene Raum für schriftliche Examensklausuren umfunktioniert. Die Bücher landeten im Keller. Jetzt kann man nichts mehr lesen, geschweige denn ausleihen. Dafür existiert ein OLC (open learning center), ein Lernbüro mit Computern, hintereinander aufgereiht wie in einem Großraumbüro.

Der Abbau schreitet voran

Wie oben beschrieben, ergeht es zahlreichen Oberstufenzentren (OSZ). Und nicht nur ihnen. Auch andere Schulformen sind betroffen. Nur noch 250 von 750 Schulen insgesamt haben überhaupt noch eine Bibliothek, was immer das auch heißt. Vom Modell Besenkammer bis hin zur wirklich modernen, multifunktionalen Bücherei. Aber der Abbau schreitet voran – und im neuen Schulentwicklungsplan sucht man das Stichwort Lese- und Buchkultur vergeblich.

Die Bezirks- und Stadtteilbüchereien haben auch kein besseres Schicksal: Von den ehemals 217 Bibliotheken sind nur noch 95 übrig geblieben. Aber die noch bestehenden Bibliotheken sind ebenfalls bedroht, die Bezirke müssen schließlich sparen. Wenn Bibliothekare in Rente gehen (demnächst neun allein in Charlottenburg-Wilmersdorf), werden die Stellen gestrichen und die kleinen Standorte zusammengelegt: Bibliotheken sind keine »Pflichtaufgabe« der Bezirke.

Es werden auch schon mal Büchereien an freie Träger übergeben. Oder man stellt nur noch MAE-Kräfte ein und spart sich die teuren Fachkräfte – oder lässt die Arbeit gleich ganz ehrenamtlich erledigen. Und wenn dann schließlich die Öffnungs-zeiten eingeschränkt werden, dann ist die Schließung der Filiale nicht mehr weit.

Manche sehen das Rezept in einer Zentralbibliothek: so Steglitz-Zehlendorf, Treptow oder Charlottenburg-Wilmersdorf. Und die soll auch noch möglichst in Einkaufszentren stehen. Was allerdings meist einhergeht mit weiteren Schließungen, denn Bibliotheken in Einkaufszentren kosten ein Vielfaches an Mitteln. Es gipfelt schließlich in dem Versuch, eine Landes-und Zentralbibliothek für 227 Millionen auf dem Tempelhofer Feld zu errichten.

Die Presse greift das Thema auf

Im Januar widmete sich der Tagesspiegel in vier Beiträgen – ausgehend von einem heftigen Streit zwischen den Parteien in Charlottenburg-Wilmersdorf über die Frage von Zentralisierung oder Dezentralisierung – kritisch dem Thema »Bibliotheken in Berlin«. Fast 100 Kommentare, meist die Aussagen in der Zeitung bestätigend, riefen, fast einem »Shit Storm« vergleichbar, zu einem »Empört Euch« gegen geplante Schließungen der Kiez-Bibliotheken auf.

Die Büchereien sind als sozialer Treffpunkt im Kiez bisher nicht genügend erkannt und gewürdigt worden. Es wächst die Einsicht, dass die Büchereien ein Ort der Begegnung mit anderen Leseliebhabern, mit der Literatur und anderen Medien sind. Und sie sind ein geschützter Raum für Kinder, gerade in sozialen Brennpunkten. Oft genug bieten diese Bibliotheken auch Hilfestellung für den schulischen Lernbereich oder einen ruhigen Lernraum.

Was tun?

Der Zusammenschluss von 95 Schulbibliotheken und von 16 Institutionen der Arbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken Berlin-Brandenburg e.V. hat sich die Aufgabe gesetzt hat, den misslichen Zuständen offensiv zu begegnen. Denn in Zeiten des fortschreitenden Sozialabbaues kommt man ohne Lobbyarbeit nicht weiter. Die GEW gibt sich in dieser Frage sehr zurückhaltend. Dabei gibt es dort doch immerhin die AG Jugendliteratur und Medien. Die könnte sich durchaus für den Erhalt und Ausbau von Schulbibliotheken stark machen. Aber auch von dort hört man nichts.

Schließlich gibt es noch den »Berliner Büchtisch«. Dort kann jede(r) Frau/Mann Bücher abgeben, die in Form einer -»Bücherkiste« u.a. an Schulbibliotheken gespendet werden.


Weitere Infos: http://schulbibliotheken-berlin-brandenburg.de/about/schulbibliotheken-in-der-arbeitsgemeinschaft, http://buechertisch.org/tag/bucherkiste