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Bruno Osuch: 30 Jahre Lebenskunde

blz 05 / 2014

30 Jahre Wiedereinführung Lebenskunde

Traditionen und Perspektiven eines besonderen Schulfaches

von Bruno Osuch, Humanistischer Verband Deutschland

Als im Jahre 1984 ausgerechnet die christlich-konservative damalige Schulsenatorin Hanna (GEW-Sprache seinerzeit »Granata«) Laurien die Wiederzulassung des nichtreligiösen Lebenskundeunterrichtes genehmigte, hatten ihre Parteifreunde von der CDU nicht geahnt, welches Erfolgsmodell daraus entstehen würde.

Auch beim Träger selbst, dem ehemaligen Deutschen Freidenker-Verband, aus dem 1993 der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), Landesverband Berlin, hervorging, war man angesichts der wechselvollen Geschichte des Faches mit Zukunftsprognosen eher zurückhaltend. Heute, 30 Jahre später, feiern die 450 LehrerInnen ihr Jubiläum mit 56.000 SchülerInnen.

Und jährlich kommen einige Tausend hinzu. Den absoluten Schwerpunkt bildet die Primarstufe. Dabei ist festzuhalten, dass es noch immer knapp hundert Grundschulen in der Stadt gänzlich ohne Lebenskunde gibt. Das Wachstum ist also auch an den kommenden Jahren absehbar.

Gründe für dieses Erfolgsmodell

Die Ursachen für den Erfolg sind vielfältig. Ein ausgesprochen säkulares Umfeld in der Hauptstadt, Individualisierung und zunehmende kulturelle Vielfalt begünstigen das Interesse nach humanistischer Orientierung. Vor allem ist es das attraktive Konzept der Lebenskunde selbst: In überschaubaren Gruppen, ohne Notendruck und Leistungszwang, in einer freien Atmosphäre und auf Grundlage einer humanistischen Weltanschauung den kleinen und großen Fragen des Lebens in vielfältiger Weise auf der Spur zu sein, das ist es vor allem, was das Fach bei allen Beteiligten so attraktiv macht. Eine wichtige Voraussetzung ist die in Berlin sehr weitgehende Trennung von Kirche/Weltanschauung und Staat in der Schule, die hier seit Ende des Zweiten Weltkrieges fest verankert ist.

Eine lange Tradition

Ihre ersten Anfänge hatte die Lebenskunde bereits in der Weimarer Republik. Nach dem Sturz des Kaiserreiches im Rahmen der Revolution 1917/18 gelang es erstmals in der deutschen Geschichte, die Trennung von Staat und Kirche zumindest im Ansatz als Ziel festzuschreiben: In den Zentren der Arbeiterbewegung konnten sogenannte »weltliche Schulen« völlig ohne Religionsunterricht durchgesetzt werden. Alternativ wurde dort das Fach »Lebenskunde« eingeführt – deutschlandweit erstmals in Treptow im Jahr 1920. Auffällig sind dabei die ganz ähnlichen didaktischen Schwerpunkte wie heute:

Selbstbestimmung, Verantwortung, Solidarität und kritisch-wissenschaftliches Denken wurden methodisch gepaart mit Gruppenarbeit, Projekten und Öffnung des Unterrichtes in das Lebensumfeld der Kinder und Jugendlichen. So entwickelten sich viele dieser Schulen zu Zentren einer emanzipatorischen Reformpädagogik.

Protagonisten der weltlichen Schulen mit ihrem neuen Fach waren meist sozialistisch und republikanisch orientierte Freidenker wie die Neuköllner Pädagogen Kurt Loewenstein und Fritz Karsen.

1933 zerschlugen die Nazis diese Schulbewegung und die LebenskundeschülerInnen mussten wieder den Religionsunterricht besuchen.

Ende der 1950er Jahre wurde im damaligen West-Berlin der Versuch einer Wiederbelebung des Faches gemacht. Doch trotz prominenter Unterstützung wie durch den damaligen Regierenden Bürgermeister Willy Brandt verlief dieser Versuch nach wenigen Jahren im Sande. Erst durch den Zustrom junger und kirchenkritischer Menschen in den Freidenker-Verband, die durch die 1968er Bewegung politisiert waren, gelang 1984 der erfolgreiche Neubeginn.

Besondere Lehrerausbildung

Diese besondere Herangehensweise erfordert aufseiten der LehrerInnen auch besondere Qualifikationen. Neben Themen aus den klassischen Bezugsfächern wie Philosophie, vergleichende Religionswissenschaft und allgemeine Pädagogik sind es besondere Kursangebote, die diesem Ansatz gerecht werden: Arbeit an der eigenen Biographie, Supervision, kreatives Schreiben, psychoanalytische Pädagogik.

Ausgebildet werden die Lehrkräfte entweder im Rahmen einer einjährigen berufsbegleitenden Weiterbildung direkt beim Humanistischen Verband oder sie absolvieren ein viersemestriges Ergänzungsstudium mit einer staatlich anerkannten Lehrbefähigung am HVD-eigenen Ausbildungsinstitut. Voraussetzung für beide Angebote ist eine wissenschaftliche Vorqualifikation.

Ergänzt werden beide Ausbildungen durch umfangreiche Fortbildungsprogramme. Der langjährige Direktor des Ergänzungsstudiums war übrigens der ehemalige Leitende Oberschulrat Wilfried Seiring, der Anfang der 1960er Jahre selbst Lebenskunde in Neukölln unterrichtet hatte. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch die Solidarität der Lehrergewerkschaften mit der Lebenskunde schon in den 1920er Jahren, als man die enorme Benachteiligung des Faches im Bereich der Aus- und Weiterbildung durch gewerkschaftseigene Angebote auszugleichen versuchte. Perspektivisch visiert der HVD auch ein grundständiges Studium an.