Mitgliederbereich

Passworthilfe

Michael Roeder: Ermordet als Deserteur

blz 06 / 2014

Ermordet als Deserteur

Gedenktafel soll an die Hinrichtung eines 17-jährigen erinnern

von Michael Roeder, Aktives Museum e.V.

Es geht um eine Gedenktafel für jemanden, der heute 86 Jahre alt wäre, im April 1945 jedoch erst 17 war, als er von der SS aufgehängt wurde mit einem Schild um den Hals: »Ich war zu feige, für Deutschland zu kämpfen«.

Wir wissen nur wenig über ihn: dass er eine Jacke der Waffen-SS trug, als er in einem Luftschutzkeller gefunden wurde; dass die SS-Männer sich eine Wäscheleine holten und ihn damit vor dem Haus Uhlandstraße 103 in Wilmersdorf erhängten; und dass sie seine Leiche mehrere Tage hängen ließen.

Bis in die 50er Jahre legten Bürger am Todestag Blumen nieder und erinnerten mit einem beschrifteten Pappkarton an den Mord.

Das war Ende April 1945 nicht ungewöhnlich: Zeitzeugen berichteten uns von mehreren Hinrichtungen in der Umgebung; bis heute erinnern Gedenktafeln in Steglitz (Hermann-Ehlers-Platz) und Schöneberg (Dominicus-/Ecke Hauptstraße) an solche Morde. Hatten bisher die Hinrichtungen von Deserteuren am Murellenberg stattgefunden, wurde jetzt das Morden vor aller Augen und mitten in der Stadt fortgesetzt gemäß Führerbefehl vom 23. April 1945: »Jeder, der Maßnahmen, die unsere Widerstandskraft schwächen, propagiert oder gar billigt, ist ein Verräter! Er ist augenblicklich zu erschießen oder zu erhängen!«

Es geht um eine Gedenktafel für diesen jungen Mann – und für alle anderen, die die Fortsetzung dieses Krieges verweigerten und dafür ermordet wurden. Vielen erscheint heutzutage dieses Anliegen selbstverständlich. Das war nicht immer so: Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Deserteure öffentlich als Vaterlandsverräter und Feiglinge geschmäht. Erste Initiativen für Denkmäler entstanden Anfang der 80er Jahre als Reaktion auf den Nato-Doppelbeschluss von Dezember 1979.

Eine bundesweite Diskussion begann über Deserteure in Nazi-Deutschland. Ein wichtiger Beitrag zu einer neuen Sicht war das Urteil des Bundessozialgerichts von 1991, das feststellte, dass jeder, der im NS-Unrechtsstaat die Truppe verließ oder den Gehorsam verweigerte, Widerstand geleistet habe.

Aber erst 1998 beschloss der Bundestag ein Gesetz, das bis 2009 zweimal nachgebessert werden musste und mit dem die Urteile der Standgerichte pauschal aufgehoben wurden.

Bedenken um das Gedenken

Und wie steht es heute mit der Ehrung der Deserteure? Der Antrag für die Gedenktafel wurde von mir im Juli 2013 bei der Gedenktafelkommission (GTK) in Charlottenburg-Wilmersdorf eingereicht, aber frühestens im September 2014 werde ich erstmals eingeladen, um mein Anliegen zu erläutern. Offenbar gibt es Bedenken, die aber nie offen diskutiert wurden. Dies ist möglich, weil diese Kommission nichtöffentlich tagt und entscheidet, wessen die Bevölkerung gedenken soll, ohne aber die Bevölkerung daran zu beteiligen. Einige Bedenken der GTK müsste ich ausräumen. Warum genügt nicht die Gedenkstätte am Murellenberg? Diese ist weit weg vom Alltag. Das blindwütige Morden, auch von Zivilisten, fand jedoch seit Mitte April mitten in der Stadt und vor aller Augen statt.

Daran soll erinnert werden. Können wir für jeden toten Deserteur eine Gedenktafel errichten? Dann erkennen wir die Straßen und Wege doch nicht mehr. Dieses Argument zeugt von der großen Zahl dieser »Endphasenverbrechen«, aber auch von dem Widerwillen, ihrer zu gedenken. Tatsächlich gibt es in ganz Berlin nur drei Gedenktafeln: die beiden oben erwähnten und eine dritte am Bahnhof Friedrichstraße. Immerhin plant die GTK, eine Projektgruppe einzusetzen, um zu recherchieren, wie man die SS-Geschichte im Stadtraum darstellen kann. Anlass ist die Waffen-SS-Jacke. Falls der Jugendliche tatsächlich Mitglied war, ging es ihm allerdings genauso wie seinen Altersgenossen Günter Grass und Erich Loest, die es beide in die Waffen-SS zog: Sie alle waren von Kindesbeinen an vom NS-Staat geprägt. Es geht also nicht um die Geschichte der SS, sondern um die Verführung von Minderjährigen zu menschenfeindlichem Verhalten. Gerade dies aber hatte der unbekannte 17jährige durch seine Kampfverweigerung durchbrochen. Und deswegen sollte seiner – und aller anderen, die sich auch verweigert haben – gedacht werden.

Der Text der Gedenktafel könnte lauten: »Hier wurde in den letzten Tagen des April 1945 ein 17jähriger von Nationalsozialisten aufgehängt. Zur Erinnerung an ihn und alle anderen, die sich der Teilnahme am Krieg entziehen wollten und deshalb ermordet wurden.«

Die Errichtung dieser Gedenktafel wird bereits – neben dem Aktiven Museum, der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der VVN-BdA – von vielen Bürgern unterstützt.


Informationen: www.blog.klausenerplatz-kiez.de/tag/ kriegsende; Spendenkonto: Aktives Museum e.V., IBAN: DE87 1005 0000 0610 0122 82, Verwendungszweck »Uhlandstraße 1945«. Spendenquittung wird ausgestellt.