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M. Burchard: Umgang mit Reinhard Strecker

blz 09 / 2015

Ein vergessener, unbequemer Befreier


Der Umgang mit Reinhard Strecker und der Ausstellung »Ungesühnte Nazi-Justiz«.

von Matthias Burchard

Neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Reinhard Strecker nach Aufenthalten in Italien und Frankreich nach Deutschland zurück. Als Student der Freien Universität (FU) erlebte er in Berlin, wie Personal aus der NS-Zeit das aktuelle mentale und politische Klima prägte. Strecker startete eine Petition an den Bundestag zur juristischen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen in Medizin und Justiz. Diese Petition scheiterte.

Davon ließ sich Reinhard Strecker nicht entmutigen. Gemeinsam mit MitstreiterInnen startete er im eigenen Wohnzimmer in der Zimmermannstraße 14 in Steglitz den Aufbau einer Personalkartei mit ehemaligen NS-Medizinern und Juristen. Insgesamt etwa 100 Studierende verschiedenster Hochschulgruppen, der deutsch-israelischen Studierendengruppe an der FU bis hin zum leitenden Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) halfen tatkräftig bei der mühsamen Recherche.

Sie gipfelte in der Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz«, die im Februar 1960 in einer privaten Galerie in Charlottenburg und in anderen Universitätsstädten gezeigt wurde. Es gelang, Unrechtsurteile aus nationalsozialistischer Zeit zusammenzutragen, der Öffentlichkeit zugänglich und die verantwortlichen Richter, Staatsanwälte und Mediziner nam-haft zu machen.

Die Ausstellung wurde als Tabubruch empfunden. RechtspolitikerInnen aller Parteien verwahrten sich gegen den Angriff auf die Richter. Rasch war der Vorwurf bei der Hand, es handele sich um gefälschtes Material und die linken Studierenden betrieben Propaganda im Sinne der DDR. Die SPD distanzierte sich als Partei nicht nur rasch von der kontroversen Aktion, sondern schloss die beteiligten Studierenden aus der Partei aus. In Berlin gab der Senat unter Willy Brandt eine Erklärung gegen die Ausstellung ab, lies die Nutzung von Räumlichkeiten an den Unis untersagen und bat Lehrkräfte, die Ausstellung nicht zu besuchen.

Effektive Protektion kam durch den damaligen Generalbundesanwalt, der die Echt-heit der Akten öffentlich bestätigte. Sehr wichtig war die Unterstützung der polnischen Regierung sowie eine Einladung im April 1960 ins britische Unterhaus nach London. Strecker hatte dort Gelegenheit, vielen Abgeordneten die personellen Kontinuitäten und den Unwillen zur Aufarbeitung von NS-Justizverbrechen in der BRD darzulegen. Die Empörung auf der abschließenden Pressekonferenz war groß. Kurz danach sah sich Konrad Adenauer genötigt, die für Mai 1960 geplante Verjährung von schweren NS-Verbrechen fallen zu lassen. Strafanzeigen gegen 43 Nazi-Richter im Amt zwangen die Behörden, Ermittlungen aufzunehmen.

Es folgten lebhafte öffentliche Diskussionen, Gesetzesänderungen und das vorzeitige Ausscheiden aus dem Amt von etwa 150 schwer belasteten NS--Juristen.


Für die InitiatorInnen der Ausstellung und Reinhard Strecker selbst hatte die Gesellschaft jedoch keinen Dank, sondern nur Ablehnung zu bieten. Morddrohungen, der Ruin der akademischen Karriere, sogar die versuchte Entführung seiner Kinder musste Strecker erleben. Bis heute ist seine Arbeit nicht ausreichend gewürdigt. Erst im Jahr 1989 ordnete das Bundes-ministerium für Justiz die Ausstellung als bedeutend ein.

Es hat volle 55 Jahre Zeit gebraucht, bis der Vorsitzende der SPD – Sigmar Gabriel – im Oktober 2014 seinen »Dank und höchsten Respekt« für das Lebenswerk des Reinhard Strecker aussprach. Im August wurde ihm mit 84 Jahren nun endlich das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Auch für uns in Steglitz sollte sein Wirken mehr Gedenken wert sein. Eine Gedenktafel an der Zimmermannstraße 14, seinem damaligen Wohnort, ist das Mindeste, was Freie Universität, Senat und Bezirk erwirken können. Wir sollten Zeit und Raum für würdige ZeitzeugInnen-gespräche bieten.

ZeitzeugInnen der damaligen Ausstellung sind ein großes Geschenk an uns. Wir sollten sie schnell einladen, ihnen zuhören, solange sie noch unter uns sind. Die Zeit ist reif.