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Passworthilfe

Nick Nolte: Badeschaum und Shrimps

blz 10 / 2010

Badeschaum und Shrimps: Einkaufszettel aus Berlin

Frei nach Martin Luthers »dem Volk aufs Maul geschaut« hat die Illustratorin Sabine Knauf dem Volk auf seine weggeworfenen Einkaufszettel geschaut. Wo sonst trifft man auf die derzeit linguistisch authentischsten verschriftlichten Selbstäußerungen. Alltägliche Ausdrucksformen gehören seit Langem zum Sujet der Kunst. Sabine Knaufs Bilder beschäftigen sich eher mit den alltäglichen Äußerungen der individualisierten Masse.

Die Einkaufszettel sind ein- bis viersprachig und teils lautsprachlich notiert wie bei Eia, bir und 1 Gurke saua, minitekma (Mini Dickmanns), Sˇlagsahne oder fisˇtepˇcen (Fischstäbchen). Ob in altberlinerisch, in anderen Sprachen oder in osteuropäischen Lautschriften, die Erinnerungslisten eröffnen mit den fantasievollen Illustrationen einen ganz eigenen berlin-kreuzberger Kosmos Lebenswirklichkeit.

Es zeugt von Sprachgefühl und intensiver Recherchearbeit, um anhand von Einkäufen ein Rezept der Insel Réunion genauso zu entdecken, wie an anderer Stelle die Ost-West-Bedeutung von »Ratgeber für Kundenbeiräte«. So wie die bunte Mischung der Generationen, Kulturen und der persönlichen Eigenarten zeigen auch Sabine Knaufs farbenprächtige Illustrationsweisen eine breite Vielfalt an gestaltenden Möglichkeiten. Von dem minimalistischen mit viel Weißraum umgesetzten »2 Äpfel«, dem realistischen »geburtstag jubiläum«, der Hommage an Frantisˇek Kupka in LiStift, bis zu den zarten »100 gr. Rispentomaten«.

Die sich auch überschneidenden unterschiedlichen künstlerischen Techniken vereint ein liebevoll, humorvoller Stil des Ausdrucks. Die Bildaussagen funktionieren meist auf mehreren Ebenen. Dem heiteren (Wieder)erkennen auf den ersten Blick kann eine Spurensuche in tiefer gelegte Bedeutungsschichten sprachlicher oder kultureller Art folgen. Wie werden ganze Wortfelder unbewusst nach Mutter- und Fremdsprachen eingeteilt? An welchen Stellen wird fließend von Schrift- in Lautsprache gewechselt? Wo reicht eher das Einkaufs-Stichwort »Wurst«, wo muss eine Erläuterung unbedingt mit aufgeschrieben werden »Kekse (egal welche)«? Warum muss auch an ausdrücklich Nicht-Einzukaufendes erinnert werden »kein Alkohol!«

Diverse Schreibweisen von der akkuraten mit Mengenangaben ausformulier-ten Einkaufsliste bis zur schnell und chaotisch hingekritzelten Erinnerungsstütze findet sich alles. Gerade das Aufgreifen und Sichtbarmachen der auch unterschwelligen Äußerungen vervollkom-menen die Lebendigkeit in der die abgebildeten Menschen und Situationen einem gegenübertreten. Neben dem eigenen Kunstgenuss auch ein unterhaltsames Geschenk mit hohem Niveau.  

Nick Nolte


Sabine Knauf, Badeschaum und Shrimps – Einkaufszettel aus Berlin, DIN A5 Querformat, Hardcover, 100 Seiten, farbige Abbildungen, 10,00 Euro, Berlin Story Verlag 2010 ISBN 978-3-86855-043-6, www.berlinstory.de/verlag