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Passworthilfe

Andrea Posor / Christian Meyer: Deutschenfeindlichkeit in Schulen

blz 11 / 2009

Deutschenfeindlichkeit in Schulen

Über die Ursachen einer zunehmenden Tendenz unter türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen

von Andrea Posor und Christian Meyer, Ausschuss für multikulturelle Angelegenheiten

In den letzten Jahren bewirkten die PISA-Ergebnisse und die wachsende Konkurrenz um die begrenzten Ausbildungs- und Arbeitsplätze eine verstärkte Segregation der Schülerschaft. Bildungsorientierte Eltern, mit und ohne Migrationshintergrund, bemühten sich intensiv, ihre Kinder an Schulen anzumelden, die einen guten Platz auf der inoffiziellen Rankingliste innehatten. An den weniger begehrten restlichen Schulen der Sek I verblieben immer mehr Schüler aus armen, bildungsfernen Familien, vor allem von Familien mit Migrationshintergrund. Deutschstämmige und aufstiegsorientierte Migrantenfamilien flüch-teten aus bestimmten Schulbezirken wie Nord-Neukölln oder Teilen von Mitte und Kreuzberg. Das gleiche Phänomen zeigte sich etwa auch in anderen Städten. Immer mehr Kinder und Jugendliche leben in sozialen Brennpunkten und verlieren den Anschluss an Bildung und Beruf.

Beschimpfungen während der Pause

Mit der zunehmenden Segregation der SchülerInnenschaft, insbesondere in den Schulen, die in sozialen Brennpunkten liegen, verstärkt sich eine Art von Deutschenfeindlichkeit unter vielen SchülerInnen mit Migrationshintergrund. Es kommt zu einer wechselseitigen Abschottung.

Viele deutsche SchülerInnen empfinden sich als eine abgelehnte, provozierte, diskriminierte Minderheit, meist ohne nicht-deutsche Freunde. In den Klassen komme es, äußern deutsche SchülerInnen, immer wieder zu Beschimpfungen und Konflikten: Namen werden verballhornt, Schüler bedroht und gemobbt. Bei Konflikten erhielten die nicht-deutschen Schüler meist rasch Hilfe von Verwandten oder Freunden. Bei der Gruppe der deutschen SchülerInnen sei das oft nicht der Fall. Vor allem der Aufenthalt auf dem Schulhof wird zuweilen als ein Spießrutenlaufen mit diversen Beschimpfungen erlebt.

Vielfach wurden deutsche SchülerIn-nen auch provozierend gefragt, was sie »hier« wollten, das sei doch nicht ihre Schule. Auch hätten die deutschen SchülerInnen zuweilen das Gefühl, dass sie aus der Schule gedrängt werden sollten. Sehr oft gingen sie mit Wut im Bauch nach Hause und fühlten sich unterwegs bedroht. Auch Richter und Polizisten berichten über eine deutlich zunehmende Deutschenfeindlichkeit vor allem unter türkisch- und arabischstämmigen Jugendlichen.

Ablehnende Haltungen

Bei der Suche nach den Ursachen stößt man auf ein ganzes Bündel möglicher Gründe. Zum einen dürfte es sich einfach um die Rückgabe erlebter Vorurteile und erlittener Diskriminierungen handeln: Die Auseinandersetzungen scheinen auch eine Art Machtspiel zu sein, bei dem die eigentlich privilegierte Gruppe diese Privilegien durch die Mehrheitsverhältnisse verloren hat. Zum anderen spielt das Zugehörigkeitsgefühl der Jugendlichen eine große Rolle. Sie wissen, dass die »Almancalar« in der Türkei alles andere als beliebt sind. Aus ihren Äußerungen ergibt sich, dass sich viele der nicht-deutschen SchülerInnen eben durch das Nichtdeutschsein selbst definieren: Die Deutschen sind die Anderen, gehören nicht zum Wir. Dieses Wir ist allerdings auch heterogen, aufgespalten in verschiedene Gruppen, deren verbindendes Element am ehesten der gemeinsame Islam zu sein scheint.

Diese nichtdeutschen Jugendlichen wohnen in sozialen Brennpunkten, sind oft dem Prekariat zugehörig und leben isoliert. Sie entstammen häufig äußerst konservativen Familien. Auffällig ist dabei ein oft problematisches Deutschenbild. Vielfach werden Deutsche verachtet und Deutschland nur als Beutegesellschaft betrachtet, eine Integration abgelehnt. Als positiv emotional besetzte Heimat hingegen wird oft Kreuzberg angesehen. Die Jugendlichen sind stolz in Kreuzberg zu leben. Der Stadtteil wird zu einem mystifizierten Getto, dem sie sich zugehörig fühlen. Umgekehrt scheinen sich die deutschen SchülerInnen nun stärker zu einer Art Notgemeinschaft zusammenzuschließen, sich durch die Fremddefinition zusammengehörig zu fühlen, stärker zu einer Gruppe zu werden.

Integrationsbericht bestätigt die Problemlage

In den ethnisch segregierten Gebieten bleiben Immigranten weitgehend unter sich, gefangen in einem Kreislauf von Transferabhängigkeit und Bildungsversagen. Sie kompensieren Frustrationen und Perspektivlosigkeit durch Macho-Gehabe. Denn die Immigrantenjugendlichen ahnen oder wissen, dass sie die VerliererInnen in dem Rennen um die wenigen attraktiven, gut bezahlten Arbeitsplätze sind. Zusammen mit den vielfältigen schulischen Misserfolgen liegt hier eine Quelle permanenter Unsicherheit und Frustration. Der aktuelle Integrationsbericht der Bundesregierung belegt, dass der Anteil deutscher Jugendlicher, die eine Ausbildung absolvieren, mehr als doppelt so hoch ist als bei den Immigranten. Die Arbeitslosigkeit ist bei den ImmigrantInnen doppelt so hoch wie bei der Gesamtbevölkerung.

Eine der Ursachen für diese Entwicklungen scheint ein Kulturkonflikt zwischen westlichen und aus dem traditionellen Islam herrührenden Vorstellungen zu sein. Viele der jungen ImmigrantInnen erleben in ihren Familien eine verzweifelte Abwehr aller Veränderungen, insbesondere der Individualisierung. Der heutige Mehrheitsislam hat eine rückwärtsgewandte Grundhaltung, denn sein gesellschaftliches Ideal ist die Zeit in Medina vor 1.400 Jahren. Die Veränderungsfeindlichkeit bezieht sich zwar auf die gesamte Gesellschaft, vor allem aber auf das Geschlechterverhältnis und die väterliche Autorität. Die Fähigkeit, Angst zu erzeugen, verschafft Achtung und Respekt und gilt als Tugend von Autorität. Von daher spielt innerhalb der Kulturkonflikte die Gewalt-erfahrung anscheinend eine besondere Rolle. Viele Untersuchungen belegen, dass die jungen ImmigrantInnen durchschnittlich höhere familiäre Gewalterfahrungen machen mussten.

Ausgrenzung muss verhindert werden

Gemeinschaftlich ausgeübte Gewalt bewirkt häufig eine Vergemeinschaftung und gibt Gruppen ein Gefühl der Selbstermächtigung, stellte der Hamburger Historiker Michael Wildt fest. Bei dieser Form der Gewalt kann man prinzipiell eingreifen, wegschauen, zuschauen oder mitmachen. Dabei erleben die Mitmachenden ein zunehmendes Gefühl von Macht, die Opfer, aber auch die Wegschauenden ein Gefühl der Machtlosigkeit und Ausgrenzung. Das Verhindern von solchen Ausgrenzungsprozessen ist von zentraler Bedeutung.

Angesichts des Autoritätsverlusts des muslimischen Mannes in der europäi-schen Diaspora und der perspektivi-schen Unsicherheit muss es zu Persönlichkeitskonflikten kommen. Unsicherheit aber kollidiert mit den traditionellen Überlegenheitsgefühlen vieler Muslime, ihrer Vorstellung dem einzig wahren, ursprünglichen Glauben anzugehören. Aus diesen Gründen sehen manche Muslime in den Christen fälschlich Ungläubige und meiden alle Kontakte.

Ein weiterer Faktor ist dabei sicher die Sprache. Deutschsprachige SchülerInnen werden durch die gezielte Benutzung des Türkischen in Gesprächen ausgeschlossen. Umgekehrt ist bei vielen Migrantenjugendlichen weiterhin eine Unsicherheit des sprachlichen Ausdrucks bemerkbar. Oft fühlen auch sie sich durch deutsche Schüler sprachlich ausgegrenzt, denn sie verstehen Feinheiten nicht oder nur diffus.
Schließlich könnte auch die grundsätzliche Ambivalenz des Fremden eine verursachende Rolle spielen. Alles Fremde wird von Menschen als ambivalent erlebt, als gleichzeitig zwar neu, interessant, anziehend oder begehrenswert (Xenophilie), aber auch beunruhigend und furchterregend (Xenophobie). Die Xenophobie ist oft eine Art Widerspiegelung eigener unterdrückter Wünsche nach einem anderen, alternativen Leben. Deut-sche Schülerinnen werden deshalb zum Teil insgeheim beneidet, für Freiheiten, die sie hinsichtlich der Kleidung und gerade in emotionaler Hinsicht besitzen. Viele der Immigrantenjugendlichen wollen diese Möglichkeiten eigentlich auch haben, beispielsweise selbstbestimmt hei-raten zu können. Insbesondere deutsche Pärchen in der Schule oder auf Klassenfahrten mögen von vielen Migrantenjugendliche insgeheim beneidet werden, stellen aber deshalb auch eine Provokation dar.

Wichtig bleibt festzuhalten, dass »Deutschenfeindlichkeit« keine Wesenseigenschaft von Muslimen, Türken oder Arabern ist. Denn Schüler mit Migrations-hintergrund fühlen sich in Klassen, in denen es keine deutschen Schüler mehr gibt, abgeschoben, und beklagen, in Deutschland keinen Kontakt zu Deutschen bekommen zu können. Deutschenfeindlichkeit ist eine Folge sozialer Bedingungen; allen Versuchen einer Ethnisierung sozialer Erscheinungen sollte entgegengetreten werden. Denn wer Menschen nicht individuell bewertet, bildet rasch vorurteilsvolle Pauschalurteile über ganze Menschengruppierungen.

Was kann getan werden?

Es gibt verschiedene Varianten des Rassismus:

  • Inländer, die Ausländer hassen,
  • Ausländer, die Inländer hassen,
  • Inländer, die andere Inländer hassen,
  • Ausländer, die andere Ausländer hassen.

Jeder Rassismus muss bekämpft werden. Uns scheint, dass es nicht reicht, allen Formen des Rassismus pädagogisch entgegenzutreten, man muss den SchülerInnen auch juristisch den Tatbestand der Volksverhetzung verdeutlichen. Jüngst hat Baden-Württembergs Bundesratsminister Wolfgang Reinhart (CDU) einen Vorstoß seines Bundeslandes angekündigt, wonach deutschenfeindliche Parolen künftig als Volksverhetzung bestraft werden sollen.

Die gegenwärtig geplanten Strukturveränderungen der Schule reichen jedoch nicht hin, um der schulischen Segregation zu begegnen. Erst ein Nachteilsausgleich für Schulen in sozialen Brennpunkten, verbunden mit einer veränderten Stadtpolitik könnte der gegenseitigen Segregation in den Schulen ein Ende machen!