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Interview mit Volker Ludwig: 40 Jahre GRIPS

blz 09/ 2009

Wir mussten uns alles selbst beibringen

Volker Ludwig über die vierzig Jahre andauernde Karriere des GRIPS-Theaters

das Gespräch führten Hans-Wolfgang Nickel und Klaus Will

1969 wurde im damaligen Reichs-kabarett in der Ludwigkirchstraße das heute wohl bekannteste Kinder- und Jugendtheater gegründet. 1974 zog es in die Spielstätte am Hansaplatz, wo es immer noch zu finden ist. 85 Uraufführungen und zehn deutsche Erstaufführungen hat das Grips in den 40 Jahren seit Bestehen produziert. Übrigens ist Grips längst mehr als ein Kinder- und Jugendtheater – es ist ein »kritisch-populäres Theater für alle« (wie Gerhard Fischer es schon 2002 in seinem Grips-Buch genannt hat). Das zeigt auch der Spielplan vom September/Oktober.

Volker Ludwig, man kennt Sie vor allem als Autor vieler Grips-Stücke und insbesondere der weltbekannten Linie 1. Aber dass sie jetzt vierzig Jahre ein Theater erfolgreich leiten, ist ebenso bemerkenswert! Wie machen Sie das?
Das mach ich nicht allein, das ist das Geheimnis. Denn das Grips ist immer noch ein selbstbestimmtes Theater, das weiß nur keiner. Wir haben nach wie vor ein Besetzungsgremium, in dem die SchauspielerInnen die Mehrheit haben. Ich kann also weder den Spielplan noch die Besetzung selbst entscheiden, das machen wir nach wie vor kollektiv, ein Wort, das etwas aus der Mode gekommen ist, aber auf uns durchaus noch zutrifft. Die nehmen mir also auch Verantwortung ab, was mir sehr angenehm ist, weil ich nicht gerade der Typ bin, der gerne auf den Tisch haut. Auf der anderen Seite hat mein Wort allerdings auch Gewicht durch meine lange Erfahrung, durch meine Erfolge. Ich kann mir da einiges herausnehmen, was anderen nicht so gestattet wird. Dieser Sonderstatus macht mir die Leitung leichter.

Den Sie sich redlich verdient haben als »Erfinder des modernen Kindertheaters«! Wie sind Sie 1969 im Alter von 32 Jahren auf die Idee gekommen, Kindertheater zu machen?
Es gab bereits vorher ein Kindertheater im Reichkabarett. Ich und andere hatten damals ja Kabarett gemacht, das recht erfolgreich war. Einige Schauspieler, die 1966 aus dem Vietnam-Programm des Reichskabaretts ausgestiegen waren, hatten ein Kindertheater in unserer Spielstätte gegründet, um uns trotz ihres Ausstiegs die Treue zu halten. Auch diese Gründung war recht erfolgreich, hatte aber inhaltlich und personell nichts mit dem späteren Grips zu tun. Als diese Truppe dann auszog, war das Kindertheater für uns und die Spielstätte schon ein finanzieller Faktor geworden und wir mussten schnellstens einen Ersatz schaffen. Mein Bruder Rainer Hachfeld und ich haben uns dann entschlossen, ein eigenes Stück zu schreiben und das Kindertheater auch selbst zu betreiben. Und weil wir nichts anderes kannten als Kabarett, haben wir einfach Kabarett für Kinder gemacht – das war dann ein Theater über deren Alltagsprobleme. Wir haben schließlich das Kabarett ganz aufgegeben, weil wir das Kindertheater inzwischen für politisch sinnvoller hielten als das Kabarett, wo ohnehin nur die hinkamen, die schon unserer Meinung waren.

Das erste Stück hieß »Stokkerlok und Millipilli«.
Das ging aus von einer typischen Bühnenbildidee meines Bruders: Eine Lokomotive wird auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Aber diese Geschichte hatte schon einen starken emanzipatorischen Einschlag: Da ging es um Verbotsschilder, putzsüchtige Mütter, autoritäre Väter und andere Probleme der Kinder. Die waren damals in einer ganz anderen Weise unter Druck als heutzutage.

Nun war ja das, was Sie da machten, nämlich die Probleme der Kinder im Theater zu thematisieren, völlig neu, fast schon revolutionär. So etwas gab es vorher nicht, oder?
Zu dieser Zeit gab es eigentlich nur Weihnachtsmärchen, außerhalb der Weih-nachtszeit gab es kein Kindertheater. Deshalb haben sich die Leute auch gewundert, als wir im Juni mit Aufführungen anfingen. Und es war ein langer Kampf, bis wir erreichten, dass auch Schulklassen kamen, man ging abends nur individuell ins Bildungstheater, aber nicht mit Klassen! Die Berliner Schulsenatsverwaltung hat sich sogar explizit dagegen ausgesprochen, dass Schulklassen massenhaft in Theater gehen.

Und es gab ein Mädchen als Titelfigur, auch ungewöhnlich in dieser Zeit.
Ja, das stimmt. Herausragende Mädchen-figuren haben wir seitdem eigentlich immer. Hier wurde der alte Lokomotivführer Stokkerlok von dem Mädchen Millipilli angetrieben.

Wie wurde das Stück aufgenommen?
Das wurde ziemlich zerrissen. Diese Art Kindertheater war man nicht gewohnt. Kindertheater damals hieß ja heile Welt, etwas, das nichts mit der Realität zu tun hatte. Und bei uns passierte nun genau das Gegenteil. Zwar im ersten Stück noch in halb märchenhafter Form, aber ab dem zweiten Stück wurde auch das anders. Das war Maximilian Pfeiferling. Dazu hatten wir nur Schulklassen eingeladen und alle Erwachsenen mussten in den letzten zwei Reihen sitzen, da bekamen sie genau mit, wie die Kinder auf das Stück reagieren. Auch wir mussten ja erst lernen, dass Kinder Theater ganz anders aufnehmen als Erwachsene. Die Kinder reagierten enthusiastisch und schlu-gen uns hinterher sogar vor, worüber wir das nächste Stück machen sollten.

Als eine »alte Liebe« haben Sie einmal in dieser Zeitschrift die Beziehung zwischen dem GRIPS und der LehrerInnenschaft bezeichnet. Wie sieht die Beziehung heute aus?
Dass wir damals überhaupt zum Kindertheater kamen, hatte auch damit zu tun, dass sich die Studentenschaft sehr für Kindererziehung interessierte, Kinderläden gründete und so weiter. Diese Studenten wurden dann GrundschullehrerInnen insbesondere in Kreuzberg und Wedding und kamen mit ihren Klassen zu uns. Wir hatten da ein richtig treues, proletarisches Publikum. Das hielt an bis in die neunziger Jahre und hat uns auch gerettet, als die CDU in den siebziger Jahren eine heftige politische Kampagne gegen uns entfachte. Ohne die starke Unterstützung der vielen LehrerInnen hätten wir das nicht überstanden. Dabei war die LehrerInnenschaft durchaus zweigeteilt, die einen kamen zu uns, weil sie das Aufgreifen von realen Problemen gut fanden, die anderen gingen nach wie vor lieber mit ihren SchülerInnen ins Märchentheater.

Als das GRIPS anfing, war es nahezu konkurrenzlos. Heute dagegen ist die Kinder- und Jugendtheater-Szene breit gefächert. Muss man auch im GRIPS mehr um das Publikum kämpfen?
Die Theater-Landschaft ist größer geworden, die SchülerInnenzahl nicht. Da muss man schon stärker werben, um sein Publikum zu bekommen. Seit zehn Jahren bauen wir deshalb unsere Theaterpädagogik aus. Die ist allerdings mehr als ein Besucherdienst, wie ihn andere Theater haben. Unsere TheaterpädagogInnen machen sehr viel mehr. So gibt es zum Beispiel den Grips-Jugendklub, wo SchülerInnen selber schauspielern. Es gibt Projekte zur Dritten Welt oder zum Thema Antirassismus, dafür muss sich die Theaterpädagogik aber das Geld selbst besorgen. Außerdem bieten sie natürlich LehrerInnenfortbildung und die Zusammenarbeit mit Schulen an. Das sind sehr wichtige Sachen, die sich aber nicht unbedingt in höheren ZuschauerInnenzah-len niederschlagen. Die Theaterpädagogik ist also wesentlich mehr als Besucher-werbung, sondern ebenso inhaltliche Unterstützung unserer Theaterarbeit.

Im »Grips« haben viele Autoren, Regisseure, Theaterleiter ihre ersten Erfahrungen gemacht. War oder ist es so etwas wie eine »Theaterakademie«?
Na ja, das war vor allem eine Akademie für uns selbst. Wir mussten uns alles selbst beibringen, weil alles neu war. Deswegen haben wir auch die Stücke selbst geschrieben, weil es keine für uns gab. Und: Wie stellt man als erwachsener Schauspieler ein Kind dar? Man darf ja Kinder nicht nachäffen oder imitieren. Viele dieser Sachen haben wir uns über unsere Diskussionen erarbeitet, auch zum Beispiel, wie man Songs einsetzt. Insofern waren und sind wir schon eine Akademie – mit einer Reihe inzwischen sehr bekannter »AbsolventInnen«.

Ganz frisch ist die neue Spielstätte des Grips im Podewil in Mitte. Wie war bislang der Zustrom von Besuchern aus den Ostbezirken zum GRIPS?
In der DDR wurden wir immer gut besprochen, die haben uns aber nie eingeladen, weil wir ihnen wohl zu antiautoritär waren. Erst 1987 wurde ein Stück von uns dort aufgeführt und 1988 waren wir selbst da mit der Linie 1. Damit hatten wir zwar einen großen Erfolg, aber die Aufführungen konnten natürlich nur wenige sehen. Ansonsten haben wir die gleichen Probleme wie das Theater an der Parkaue im Ostteil: Da ist immer noch die Mauer in den Köpfen – und da sind die alten Gewohnheiten: Die Märchenfans gibt es auch im Osten. Manche unserer Stücke werden allerdings mehr von Ostklassen besucht als von Westklassen. Das ist so bei dem Stück »Eins auf die Fresse« über Gewalt in den Schulen, dort kommen die Klassen zu über 80 Prozent aus den Ostbezirken und Bran-denburg. Andererseits stammt seltsamerweise in unserer neuen Ost-Spielstätte der Großteil des Publikums aus dem Westteil.

Und warum sind Sie ins Podewil gezogen?
Wir hatten ja lange Jahre eine zweite Spiel-stät-te in der Schillertheater-Werkstatt. Da mussten wir raus, weil die Staatsoper reinkommt. Wir haben uns dann ganz bewusst das Podewil in der Klosterstraße ausgesucht und arbeiten jetzt daran, noch intensiveren Kontakt zu den Schulen in den Ostbezirken zu bekommen, was allmählich auch klappt. Unser erstes Stück dort war »Lilly unter den Linden«, eine Geschichte über eine umgekehrte Flucht – vom Westen in den Osten. Da haben es unsere TheaterpädagogInnen geschafft, 40 Berliner Klassen zusammenzubringen, die sich gegenseitig ihre Biografien erzählen. Die LehrerInnen waren sehr skeptisch, ob das Thema geteiltes Deutschland die SchülerInnen überhaupt interessiert. »Die waren damals noch nicht einmal geboren«, hieß es. Aber das waren dann sehr lebendige und spannende Treffen. Danach haben sich die Klassen zusammen das Stück angeschaut.

Sie planen ein neues Stück mit dem Titel »Linie 2«. Die Linie 2 führt von Ruhleben nach Pankow. Was soll denn da passieren?
Also, das ist erst der Arbeitstitel, außerdem heißt der Untertitel »der Alptraum«. Nach dem Riesenerfolg mit der Linie 1 haben viele erwartet, dass Linie 2 bis 9 nachkommen, so wie Rocky 1 bis 4. Der Ruhm der Linie 1 verfolgt uns wirklich wie ein Albtraum, alles vom Grips wird daran gemessen. Die Linie 2 soll diesen Erfolg und diesen Albtraum auch etwas ironisch behandeln.

Das Erfolgsstück »Linie 1« haben Sie andererseits mal als Lebensversicherung bezeichnet.
Ja, das ist richtig. Weil es das einzige Stück ist, das immer voll ist. Obwohl es das Gerücht immer noch gibt, dass wir immer ausverkauft wären, stimmt das für unsere anderen Stücke leider nicht. Das Gerücht kommt daher, dass sehr viele LehrerInnen mit ihren Klassen im Zeitraum vor Weihnachten ins Theater wollen. Da wird es dann tatsächlich eng. Aber wir spielen ja das ganze Jahr durch und leider müssen wir dann oft im Januar oder September Aufführungen ausfallen lassen. Was wiederum niemand mitbekommt. Glücklicherweise haben wir noch die Linie 1, die uns dann in den Flautemonaten über Wasser hält.

Was wünscht sich GRIPS für die nächsten Jahre?
Natürlich viele ZuschauerInnen im September und Januar! Also gleich anrufen, unser Kartenbüro ist geöffnet! Aber auch: Wir müssen mit der Hälfte des Geldes auskommen, das Erwachsenentheater kriegen, als ob unsere Leute hier nur die Hälfte essen und nur die Hälfte an Miete zahlen. Also die Finanzen könnten schon besser sein. Aber das geht ja allen Kinder- und Jugendtheatern so, da stehen wir eigentlich noch ganz gut da. Aber ein bisschen weniger knausern müssen, wäre nicht schlecht.

Das finden wir auch! Viel Erfolg weiterhin und besten Dank für das Gespräch