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Gerhard Weil: Pro Reli schadet sich selbst

blz 03-04 / 2009

Die Initiative Pro Reli schadet sich selbst

Sechs Nachteile, die sich für die Verfechter des kirchlichen Religionsunterrichtes als Wahpflichtfach ergeben

von Gerhard Weil, Landesausschuss multikulturelle Angelegenheiten, LAMA

  1. Die bisherigen Gruppengrößen des kirchlichen Religionsunterrichtes von 15 Teilnehmern in der Grundschule und 12 in der Oberschule würden bei der von »Pro Reli« geplanten Wahlpflichtfachkonstellation sicher der allgemeinen Frequenzsituation in der Berliner Schule angepasst werden, d.h. die Frequenzen dürften sich verdoppeln, der Lehrkräfteeinsatz würde sich halbieren!
  2. Daraus ergäben sich weitreichende organisatorische Konsequenzen: Schulen im Westteil Berlins mit hohem Migrationsanteil und die meisten Schulen im Ostteil der Stadt mit geringer oder fast keiner Nachfrage nach Religion bzw. Weltanschauung könnten auch auf Jahrgangsebene der Schule keine Angebote für diesen Unterricht organisieren. Das bedeutet die Zusammenfassung mehrerer Jahrgänge (Altersmischung) oder sogar schulübergreifende Angebote.
  3. Bei schulübergreifenden Angeboten ist wegen des Ortswechsels der Schüler fast sicher von einem Unterricht ausschließlich in den Randstunden oder am Nachmittag auszugehen, was Pro Reli bei der gegenwärtigen Regelung beklagt!
  4.  Durch die Aufteilung der SchülerInnen nach Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen oder Ethik schon ab der Grundschule gehen zahlreiche Kinder und Jugendliche ohne Religionszugehörigkeit oder z. B. muslimischer Orientierung, die bislang kaum ein Angebot hatten, nicht mehr in den christlichen Religionsunterricht – dessen Schülerzahl wird auch deshalb wahrscheinlich sinken.
  5. Religionslehrkräfte können bisher wegen ihres Status zu keinem Vertretungsunterricht verpflichtet werden. Religionsunterricht fiel deshalb nur aus, wenn die Lehrkraft erkrankte oder anderweitig fehlte. Als »normale« staatliche Lehrkräfte können diese jedoch jederzeit zu Vertretungen herangezogen werden, was in anderen Fächern leider häufig üblich ist und zu erheblichen Ausfällen führen würde.
  6. Auch die Tatsache, dass Fachlehrkräfte für Religion (Katecheten) entsprechend § 129 Absatz 4 Schulgesetz nur eine persönliche Übergangsregelung mit Stichtag für den von den Glaubensgemeinschaften angebotenen Religionsunterricht aufweisen, nicht aber die mittlerweile nach § 13 Absatz 2 notwendige Lehrbefähigung, führt bei einer Verstaatlichung dieses Unterrichts in eine ungewisse Zukunft. Ob der Finanzsenator der Einstellung von etwa 600 Fachlehrkräften ohne schulgesetzlich erforderliche Lehrbefähigung zustimmen würde, ist fraglich. Die komplette Übernahme der Fachlehrkräfte für Religion nach einer ausdrücklich vom Senat und den Regierungsfraktionen abgelehnten Regelung von Pro Reli ist völlig unrealistisch.


Was sagt der Pro Reli-Chef dazu? Dr. Christoph Lehmann (Vorsitzender Pro Reli e. V.): »Zu Ihrer Frage nach den arbeitslosen Religionslehrern: Das ist mir völlig egal. Ich bin kein Gewerkschaftsvertreter und nicht für die Religionslehrer verantwortlich, sondern ich bin hier, weil wir ein gesellschaftspolitisches Anliegen vertreten. Wie die Kirchen das dann hinterher regeln, ist nicht mein Problem. – Es tut mir leid, Herr Schultz (verantwortlich für den Religionsunterricht in Berlin), aber das ist die harte Realität.« (Fundstelle: www.parlament-berlin.de parlamentarische Materialien Ausschussprotokolle Ausschuss für Bildung, Jugend und Familien Wortprotokoll der Sitzung vom 22. Mai 2008).

Wem ernsthaft an der guten Existenz des Religions- und Weltanschauungsunterrichts und der Beibehaltung seiner organisatorischen Privilegierung gelegen ist, sollte ein Votum für Pro Reli bewusst ablehnen, so komisch das angesichts der lauten Propaganda klingen mag!