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Gerhard Weil: Wir brauchen ein Fach für alle

blz 07-08 / 08

Wir brauchen ein Fach für alle

Die Initiative Pro Ethik setzt sich für gemeinsamen Ethikunterricht ein

von Gerhard Weil, Sprecher der Initiative

Eine Veranstaltung der GEW und des »Forums Gemeinsames Wertefach für Berlin« wurde in Anwesenheit von knapp 70 KollegInnen zum Start der neuen »Initiative Pro Ethik zur Unterstützung des gemeinsamen Ethikunterrichtes in Berlin«. In dieser Initiative arbeiten die bildungspolitischen Sprecher von SPD, Linkspartei und Bündnis 90/ Die Grünen, die GEW, der Bundesfachverband Ethik, die Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union und der Humanistische Verband mit.

Die Teilnehmer waren sich einig: Ethische Allgemeinbildung ist für alle Schülerinnen und Schüler wichtig. Für die Entwicklung von gegenseitigem Verstehen, Akzeptanz und Respekt ist das integrative Berliner Ethikfach unverzichtbar.

Das Forum startete die Initiative Pro Ethik und wird den gemeinsamen Ethikunterricht gegen alle Marginalisierungsversuche verteidigen und zu seiner weiteren Entwicklung beitragen. Das Volksbegehren von »Pro Reli e.V.« ist lediglich an konfessionellen Interessen orientiert. Bestrebungen, die Verbindlichkeit dieses Faches für alle SchülerInnen abzuschaffen, wurden auf der Veranstaltung mit Unverständnis zur Kenntnis genommen.

Die Berichte der Ethiklehrkräfte, Gabriele Lützenkirchen, Rotraud Bergner und Norbert Böhnke, zeigten nachdrücklich die Erfolge des Ethikunterrichts auf, gerade in Schulen in sozialen Brennpunkten. Wichtig sei zu einer gemeinsamen Sprache, zum Dialog zu finden. Norbert Böhnke: »Ein gemeinsames Fach wird gebraucht. Wir brauchen alle.«

Eine materielle Basis ist erforderlich

Es gab zahlreiche Forderungen zur Verbesserung der Qualität und der Unterrichtsbedingungen: Frequenzen von teilweise 30 bis 32 SchülerInnen wurden als zu hoch angesehen, Teilungsstunden für notwendig erachtet. Die Ethiklehrkräfte sollten möglichst ihre Klassen auch in anderen Fächern betreuen, um die Vertrauensbasis zu stärken. Die Senatsverwaltung muss sich endlich dazu durchringen, dass eine Grundausstattung für Lehr- und Lernmittel in den Katalog der Mindestanfor-derungen aufgenommen wird. Ein neues Fach braucht eine materielle Basis, ebenso wie spätestens nach den ersten vier Jahren die Einrichtung von Fachbereichsleitungen an den Oberschulen.

Die kontinuierliche Fortbildung von Absolventen der Einführungsfortbildungen wurde ebenso gefordert wie bezirkliche Fachkonferenzen und weitere Fachbriefe.

GEW und die Initiative Pro Ethik bedauern die zeitliche Verschiebung des Beginns des Weiterbildungsstudiums für Ethiklehrkräfte um ein Jahr aufgrund der universitären Umstellungen im Lehrerbildungsbereich. Gefordert wurden für KollegInnen angemessene Freistellungstatbestände und die besoldungsrechtliche Anerkennung als zweites Wahlfach. Eine weitere Verzögerung des Studienbeginns ist auch im Interesse der hohen Ansprüche dieses Faches nicht hinnehmbar! Insgesamt wurde also ein verstärktes Senatsengagement zugunsten des neuen Faches als notwendig angesehen.

Den Hauptvortrag zur Bedeutung des gemeinsamen Ethikunterrichts »Miteinander sprechen lernen. Von ethischer Verpflichtung und religiös-weltanschaulicher Wahlfreiheit« hielt Michael Bongardt, Direktor des Instituts für Vergleichende Ethik an der FU Berlin. Er sprach von der doppelten Notwendigkeit, die Sprachfähigkeit der Schüler zu fördern. Denn einerseits kennen die meisten Schüler die Sprache ihrer eigenen Tradition kaum. Hier sei der konfessionelle Unterricht gefordert. Andererseits herrscht bei Schülern ebenso eine Sprachlosigkeit, wie zwischen den verschiedenen Gruppen der Gesellschaft. Nur im Ethikunterricht sind die verschiedenen Gruppen aufgefordert, miteinander zu sprechen. Bongardt zog den Schluss: »Das geltende Berliner Schulgesetz trägt dieser doppelten Lehraufgabe in überzeugender Weise Rechnung. Denn es ermöglicht das Erlernen der je eigenen Sprache und es fordert die Mühe, mit den Anderen zu sprechen.«

Der Bundesvorsitzende des Fachverbandes Ethik e.V., Peter Kriesel, befürwortete die im Schulgesetz vorgesehene Kooperation des Ethikunterrichts mit Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Denn so erhalten die Schüler die Möglichkeit zur Begegnung mit der authentischen Selbstdarstellung von Positionen unterschiedlicher Bekenntnisgemeinschaften. Privilegierungen einzelner Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften sind schulgesetz- und verfassungswidrig, wie etwa eine überproportionale Beteiligung evangelischer Lehrkräfte an der Hälfte der Ethikstunden an 60 Schulen, nach Angaben aus Kirchenkreisen. Dazu liegt dem Forum ein ausführliches Rechtsgutachten aus der Humanistischen Union vor, das dem Bildungs- und dem Kultursenator zur Kenntnis gegeben wurde. Seitens der Schulverwaltung sollten pluralistische Kooperationsbemühungen von Ethiklehrkräften stärker als bisher gefördert werden durch finanzielle Mittel für Referentinnen, durch geeignete Unterrichtsmaterialien und eine vollwertige Qualifizierung der Ethiklehrkräfte.

Volksbegehren träfe Religionslehrkräfte

Schon zwei Tage nach dieser Veranstaltung hatte der LAMA-Vorsitzende und Sprecher der Initiative Pro Ethik, Gerhard Weil, Gelegenheit, bei einer Anhörung des Bildungsausschusses des Abgeordnetenhauses zum Volksbegehren von Pro Reli als Sachverständiger die Forderungen der GEW zur Kenntnis zu geben. Er ging aber auch auf Widersprüchlichkeiten dieses Vereins ein und vertrat die Interessen der Religionslehrkräfte: »Ebenfalls lehnen wir die eigenartigerweise ausgerechnet von den Kritikern des Ethikunterrichts per Gesetzentwurf geforderte Ausweitung dieses Faches auf die Grundschulklassen 1 bis 6 und auf die Klassen 11 bis 13 ab. Die Berliner Schule wäre mit einer solchen Ausweitung überfordert und die Qualität eines Ersatzfachs zu Religion, zu dem Ethik dann werden würde, wäre ernsthaft bedroht. Die Verstaatlichung des Religionsunterrichts widerspricht der Berliner Tradition seit der Blockadezeit und würde aus der Sicht der GEW sogar Verschlechterungen mit sich bringen: Glauben die Befürworter ernsthaft, dass Ethik dann mit voller Klassenstärke, der alternative Religionsunterricht aber mit 15er Frequenzen in der Grundschule und 12er Frequenzen in der Oberschule wie bisher weitergeführt würde? Was passiert mit den ca. 700 Katecheten, für die das Schulgesetz zurzeit eine Übergangsregelung in § 129 Abs. 4 mit Stichtag vorsieht? Das Schulgesetz stellt in § 13 Abs. 2 jetzt schon höhere Ausbildungsanforderungen nur für den nichtstaatlichen Religionsunterricht!«

Der Pro Reli-Vorsitzende Christoph Lehmann antwortete darauf mit Ignoranz: Es ginge ihm nicht um gewerkschaftliche Standpunkte und eine drohende Arbeitslosigkeit für Katecheten, sondern um eine Grundsatzfrage. Der Vertreter der Evangelischen Kirche, Oberkonsistorialrat Steffen-Rainer Schultz, zeigte wenig Verständnis für die drohenden Konsequenzen, wenn er wegen der höheren Frequenzen lapidar anmerkte, dann müssten sich die Religionslehrkräfte halt an die Realität der Berliner Schule anpassen.

Den Religionslehrkräften Berlins wird dringend geraten, sich das Wortprotokoll dieser Anhörung zu besorgen, bevor sie sich vor den Karren von Pro Reli und der Kirchen spannen lassen, zum Beispiel bei der demnächst anstehenden Sammlung von Unterschriften zum Volksbegehren!

Dieses Volksbegehrens wird ein nicht einmal zweijähriges neues Schulfach mit guten Entwicklungspotenzialen gefährden, den notwendigen Dialog in der multikulturellen Schülerschaft über Werte und Kulturen abbrechen und, wie es die Fraktionsvorsitzende der Linksfraktion im Tagesspiegel ausdrückte, einen Kulturkampf riskieren.

Die GEW BERLIN wird viel dafür tun, um es zu keinem Volksentscheid kommen zu lassen! Sollte das doch geschehen, werden wir uns engagieren, um die Gesetzesänderung zu verhindern!