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Ulrich Thöne: Heute knechten sie Griechenland, morgen vielleicht uns

bbz 02 / 2016

Heute knechten sie Griechenland, morgen vielleicht uns

Erfahrungen der GEW-Delegation in Athen zeigen Handlungserfordernisse für die europäischen Gewerkschaften auf.

von Ulrich Thöne

Im vergangenen November besuchte eine Delegation der GEW GewerkschafterInnen in Athen. Wir waren der schlechten und unpersönlichen Berichterstattung im medialen Mainstream überdrüssig und wollten uns vor Ort ein eigenes Bild machen. Auch, weil wir uns durch die Maßnahmen gegen Griechenland selbst angegriffen fühlen. Die Resonanz auf unseren Besuch war weit stärker als erwartet. Wir sprachen mit den Kollegien zweier Schulen und wurden von den Vorständen der beiden Bildungsgewerkschaften, von DOE und OLME, empfangen. Die dabei in gemeinsamen Gesprächen entwickelten Ideen können wir nicht alleine verwirklichen. Deshalb wenden wir uns an alle KollegInnen in unserer Gewerkschaft und bitten um Unterstützung.

Bildungsetat wurde um 40 Prozent gekürzt

Im Schulzentrum des Ortsteils Gavra erfuhren wir, was die Kürzung von 40 Prozent im Bildungsbereich seit 2009 angerichtet hat. Festanstellungen gibt es seit drei Jahren nicht mehr. Mittlerweile ist ein Fünftel der KollegInnen befristet für zehn Monate im Jahr beschäftigt. BerufsanfängerInnen bekommen 640 Euro pro Beschäftigungsmonat. Dennoch wird die Anzahl der Beschäftigten weiter gekürzt und der Arbeitsdruck erhöht. Wir sprachen mit einem erfahrenen Kollegen, der entlassen wurde und nur aufgrund mo-natelanger Proteste von der neuen Syriza--Regierung wieder eingestellt worden ist.

In uns wuchs die Empörung. Diese Kürzungen belasten Gegenwart und Zukunft vieler Menschen. Sie erfolgen nicht in unserem Namen und nicht im Auftrag der europäischen ArbeitnehmerInnen. Sie dienen einzig und allein dem Interesse des Finanzkapitals. Leider ist hier nicht der Platz, das näher auszuführen, doch ich denke, dass wir uns um der Zukunft Europas willen damit beschäftigen müssen. Umso erstaunlicher ist die Reaktion der griechischen KollegInnen. Sie haben monatelang hart gekämpft und wurden in Europa abgestraft. Dennoch sind sie wieder aufgestanden, organisieren den Unterricht, machen freiwilligen Förderunterricht und helfen, die zusammengebrochene öffentliche Gesundheitsversorgung in einer Stadtteilinitiative aufrechtzuerhalten.

Vorgehen gegen Griechenland als Modell für Europa

In Griechenland werden über unsere Köpfe hinweg und fernab jeder demokratischen Mitbestimmung neue Standards für Europa gesetzt. Das geht ganz einfach, wenn ein Staat erst einmal auf die Knie gedrückt wurde, in Europa isoliert ist und dann von übermächtigen Kräften unter Druck gesetzt wird. Dagegen hilft aus Sicht der Beschäftigten nur eins: Wir müssen zusammenhalten, wir brauchen die Einheit der ArbeitnehmerInnen in ganz Europa.

Das mag im Moment utopisch klingen, aber es ist eine Tagesaufgabe für uns. Solange wir auf der ArbeitnehmerInnenseite in nationalem Denken aufgespalten bleiben, haben wir keine Chance gegen eine international agierende Finanzlobby. Nur »linke Sprüche«? Dann lest das Papier »Die Wirtschafts- und Währungsunion Europas vollenden« von Jeroen Dijsselbleom, Martin Schulz, Mario Draghi sowie Donald Tusk, vor dessen Folgen der DGB jetzt heftig warnt. Darin ist für jedes europäische Land die Einrichtung von Wettbe-werbs-räten vorgesehen, die zum Beispiel »Empfehlungen« zu einem wettbewerbsfähigen Lohnabschluss – sprich: Vorgaben für stagnierende oder sinkende Löhne – geben.

Es wird höchste Zeit. Wir müssen den Weg frei machen für eine gemeinsame Antwort der ArbeitnehmerInnen in der EU auf eine Politik, die uns gnadenlos in Konkurrenz zueinander hetzen will.

Das gelingt nicht über Nacht, aber auch jeder Marathonlauf fängt mit dem ersten Schritt an. Unsere Reise war für uns der erste Schritt. So haben wir gemeinsam mit den griechischen GastgeberInnen einen Vorschlag für konkrete Mindeststandards im Bildungsbereich entwickelt, um die Diskussion zwischen den Gewerkschaften voran zu bringen. Auf einem geplanten Gegenbesuch der griechischen KollegInnen in Berlin soll diese Idee weiterentwickelt werden.

Gewerkschaftliche Gegenwehr

Aber auch auf der persönlichen Ebene gab es Abmachungen, sich in Zukunft über alle Fragen des Arbeitslebens auszutauschen. Gegenseitige Information ist der erste Schritt, die Isolation zu durchbrechen. Wir wollen hier und jetzt daran mitwirken, die Gewerkschaften in Europa durch länderübergreifende Initiativen neu für die kommenden Auseinandersetzungen aufzustellen: Für ein Europa der ArbeitnehmerInnen. Unser Besuch in Athen hat uns gezeigt, dass das möglich ist.

Wir rufen alle KollegInnen auf, Aktivitäten für eine europäische Ausrichtung der Gewerkschaften zu unterstützen. Wir freuen uns über jede Kollegin und jeden Kollegen, die zukünftig bei unserer Arbeit mitmachen und selbst initiativ werden wollen.

Ulrich Thöne, Mitglied der AG Solidarität mit Griechenland

SOLIDARITÄT MIT GRIECHENLAND
Die AG Solidarität mit Griechenland trifft sich regelmäßig in der Ahornstraße 5. Das nächste Mal am 23. Februar 2016 um 16.30 Uhr. Vielleicht bist du ja bald dabei?