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Passworthilfe

von der BASTA! Erwerbsloseninitiative Berlin: Eine Frage der Wertschätzung und des Vertrauens

bbz 06 / 2017

Erwerbslose und arme Menschen leben in besonders prekären Lebensverhältnissen und sind häufig mit bösen Vorurteilen konfrontiert. Die Initiative BASTA! will sich mit diesen Menschen organisieren und ihnen eine kämpferische Perspektive bieten

In Berlin bekommen 350.000 Haushalte Arbeitslosengeld II. Hunderttausende stocken geringe Löhne auf. Armut und Erwerbslosigkeit sind weit verbreitet. Geht es um Erwerbslose und Menschen mit kleinem Einkommen, haben viele Menschen Vorurteile. Sie betrachten Armut als Randphänomen und Arbeitslosigkeit als selbstverschuldet. Für die Betroffenen haben diese gesellschaftlichen Vorurteile gravierende Folgen. Das Stigma am Rand zu stehen, kann einen verändern. Das Vertrauen in die eigene Gestaltungskraft schwindet, während die eigene »Schuld« übersteigert wird und sich ein schlechtes Gefühl einstellt.

Unsere Erwerbsloseninitiative BASTA! hat zum Ziel, beides umzukehren. BASTA! wird gemacht von Erwerbslosen, Beschäftigten mit geringem Einkommen und Studierenden mit wenig Geld. Wir beraten zu ALGII, begleiten zum Jobcenter oder zum Sozialgericht. Jährlich setzen wir über 100.000 Euro an Rechtsansprüchen gegen Ämter durch, verhindern Zwangsräumungen, kämpfen für höhere Löhne und bieten Seminare zu aktuellen Themen an. In unserer Sozialberatung versuchen wir ein Gefühl von Stärke und Klarheit zu vermitteln. Dabei unterscheidet sich unser Ansatz von dem herkömmlicher Beratungsstellen oder Erwerbsloseninitiativen.

Mehr als nur ein Schema-F

Wir hören in Gesprächen mehr zu, als wir selbst erzählen. Wir sind an den Erfahrungen und den Menschen interessiert. Wir teilen nicht die Sicht der Jobcenter, die ihre »Kund*innen« vor allem als ein Bündel an »Vermittlungshemmnissen« betrachten oder auf exakten Formulierungen in Anlage XY rumreiten. Wir nehmen jede*n ernst und freuen uns auf ihre Geschichten. Wir wollen, dass die Welt sich verändert und dafür müssen wir mehr werden. Es ist eine beißende Ungerechtigkeit, dass so viel und so wichtige Arbeit so schlecht bezahlt wird. Es ist eine Riesensauerei, dass Arbeiter*innen dafür verantwortlich gemacht werden, wenn es keine Arbeit gibt. Der monströse Überfluss an Reichtum auf der einen und die bittere Armut auf der anderen Seite spottet jeder Beschreibung.

Sich zu engagieren ist eine aufwendige Sache, für die viele nur wenig Zeit haben. Das nehmen wir ernst. Wenn jemand interessiert ist, bleiben wir in Kontakt. Wir rufen gelegentlich an, holen Meinungen und Vorschläge ein oder treffen uns. Wir schaffen verschiedene Möglichkeiten mitzumachen und gestalten Treffen kompakt und angenehm.

Die über 400 Menschen, mit denen wir regelmäßig in Kontakt stehen, übernehmen Verantwortung für BASTA! Wir sind aber nicht naiv und überfrachten Leute sofort mit Aufgaben. Wir haben uns mit der Zeit komplexe Zusammenhänge zwischen Sozialgesetzbüchern, Verwaltungsstrukturen, freien Trägern, Parteien und wirtschaftlichen Interessen erschlossen. Diese Erfahrungen geben wir an Interessierte weiter, damit diese nicht bei null anfangen müssen.

Wir entscheiden gemeinsam! Beratung, Begleitung, Kampagne, Weiterbildung und Infrastruktur sind in Arbeitsgruppen organisiert. Wichtige Dinge, die alle betreffen, werden auf einem wöchentlichen Plenum entschieden. Wir glauben an die »Weisheit der Gruppe« und nicht an einzelne Super--Aktivist*innen. Wir schätzen neue Ideen genauso wie jahrzehntelange Erfahrung.

Kleine Schritte zu großen Erfolgen

Wir waren immer dann am besten, je näher wir an diesem Ideal gearbeitet haben. Unsere Besetzung eines Jobcenters oder einer Ferienwohnung, die sechswöchige Erwerbslosenschule, spektakuläre Erfolge bei Begleitungen, die alltägliche Beratung, die köstlichen Buffets, der erfolgreiche Protest gegen ein Dumpinglohn-Hostel oder unser Straßenfest – all das wurde getragen von Erwerbslosen und prekär Beschäftigten aus Berlin. Wir rufen an, laden ein, respektieren die Zeit der Leute, bleiben am Ball und schmieden Pläne.

Organizing heißt auch, die mittelfristigen Aktionen in eine langfristige Strategie für gesellschaftliche Veränderung einzufügen. Interessierte und Betroffene laden wir ein, mit uns die kleinen und großen Schritte zu gehen. Wir können euch versprechen: Wir bleiben ein unbequemer Gegner für Jobcenter, Politik und die herrschenden Wirtschaftsinteressen!

von der BASTA! Erwerbsloseninitiative Berlin