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Anita Burchardt: »Dikh angle« – Nach vorne schauen

bbz 10 / 2017

Junge Rom*nja und Sinti*zze gedenken der Verfolgung und setzen sich für ihre Zukunft ein

von Anita Burchardt

Seit 11 Jahren engagieren sich junge Rom*nja und Sinti*zze im Verein Amaro Drom für gesellschaftliche Teilhabe und gegen Diskriminierung. Vor gut zwei Jahren startete das Projekt »Dikhen amen! Seht uns!«. Basierend auf dem Erfahrungswissen der Jugendlichen werden hier Methoden für Jugendbildungsarbeit zum Thema »Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze« entwickelt und die jungen Menschen zu Multiplikator*innen ausgebildet. Ziel ist es, dass die Jugendlichen selbst Empowerment-Workshops für junge Rom*nja und Sinti*zze und Sensibilisierungs-Workshops für junge Angehörige der Mehrheitsbevölkerung durchführen können. Sie sollen auch an Pädagog*innen ihr Wissen und Vorschläge für Herangehensweisen weitergeben, damit diese an Schulen und anderen Bildungseinrichtungen Rassismus und Vorurteilen entgegentreten können.

Das Bewusstsein schärfen

Es gilt Vorurteile abzubauen und Leerstellen in den Lehrplänen zu füllen, beispielsweise über die Geschichte der Verfolgung und des Völkermords an den Sinti*zze und Rom*nja. Um zu verstehen warum viele Vorurteile bis heute bestehen, hilft ein Blick auf die Nachkriegsgeschichte. Denn der Rassismus gegen sie hörte nach 1945 nicht auf, sondern setzte sich in beiden Teilen Deutschlands nahezu unverändert fort. Im Jahr 1956 entschied der Bundesgerichtshof (BGH) der Bundesrepublik Deutschland, Rom*nja und Sinti*zze seien im Nationalsozialismus nicht aus rassistischen Gründen verfolgt worden. Begründet wurde das Urteil mit genau den rassistischen Bildern, die bis heute kursieren. Erst 2015 entschuldigte sich die Präsidentin des BGH offiziell für dieses Urteil. Die Betroffenen mussten lange kämpfen, um als Verfolgte anerkannt zu werden.

Über den Widerstand diskutieren

Was die Verfolgungsgeschichte und die Kämpfe der Bürgerrechtsbewegung für junge Rom*nja und Sinti*zze heute bedeuten, thematisiert die jährliche Jugendbegegnung zum Genozid-Gedenktag 2. August. In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurde in Auschwitz-Birkenau das Lager, in dem Sinti*zze und Rom*nja inhaftiert waren, aufgelöst. Nachdem alle als arbeitsfähig eingestuften Gefangenen nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert wurden, ermordeten SS-Angehörige in der Nacht auf den 3. August 1944 die fast 3.000 verbliebenen Menschen in Gaskammern – darunter vor allem Frauen, Kinder und ältere Menschen. Aus diesem Grund finden jedes Jahr am 2. August in Berlin und ganz Europa Gedenkveranstaltungen statt. Insgesamt wurden während des Nationalsozialismus 90 Prozent der europäischen Rom*nja, ungefähr 500.000 Menschen, ermordet.

In diesem Jahr kamen unter dem Motto »Dikh angle! Nach vorne schauen!« über 20 junge Menschen aus Berlin und weiteren Bundesländern zusammen. Die Jugendlichen vertieften ihr Wissen über die Geschichte der Verfolgung und diskutierten, was Widerstand für sie bedeutet.

Die fünfzehnjährige Teilnehmerin Vahide erklärte, dass für sie Widerstand auch bedeute nachzufragen, zu diskutieren und aufzuklären: »Ich habe mal erlebt, dass ein Junge mich und meine Freunde immer wieder ›Zigeuner‹ genannt hat«, erzählte sie. »Ich bin hingegangen und habe ihn gefragt, ob er überhaupt weiß, was das bedeutet. Dann habe ich ihm erklärt, dass das Wort eine Beleidigung ist.«

Damals verfolgt, heute diskriminiert

Auf die Frage, warum die Verfolgungsgeschichte heute noch eine Rolle spiele, antwortete der zwölfjährige Teilnehmer Rayyan: »Weil wir damals verfolgt wurden und heute immer noch diskriminiert werden.« Andere Teilnehmende erklärten, es sei für sie wichtig zu verstehen, was ihren Vorfahren damals passiert sei und warum.

Joschla Weiß, die pädagogische Leiterin des Projekts, fasste das Ziel der Jugendbegegnung folgendermaßen zusammen: »Aus dem Blick in die Vergangenheit können wir lernen, wie mit dem Genozid umgegangen wurde, wie er verarbeitet wurde und welche Stärken daraus entstehen mussten. Es ist wichtig, sich zu erinnern und gleichzeitig den Blick nach vorne zu richten.«

Sinti*zze und Rom*nja

Über Sinti*zze und Rom*nja gibt es viele Vorurteile, aber wenig Wissen. »Roma« heißt »Menschen« auf Romanes, der Sprache der Rom*nja. »Roma« ist eine Selbstbezeichnung und der Oberbegriff für viele unterschiedliche Gruppen. Eine dieser Gruppen, die Sinti, leben seit 600 Jahren in Deutschland. Auf den gemeinsamen Namen »Roma« haben sich die verschiedenen Gruppen beim ersten Welt-Roma-Kongress 1971 in London geeinigt.

Unter Rom*nja gibt es eine große religiöse Vielfalt. Heute leben laut Schätzungen ungefähr 3 Millionen in Europa. Sie sind die größte europäische Minderheit. Die Sprache, das Romanes, wird in vielen unterschiedlichen Dialekten gesprochen. Die Dialekte unterscheiden sich durch die Einflüsse der Sprachen, die in den Herkunftsländern gesprochen werden. Alle Romanes-Dialekte haben einen großen Hindi-Wortstamm gemein. Darum wird angenommen, dass Rom*nja einen historischen Ursprung im indischen Raum haben. Seit über 1000 Jahren leben sie im heutigen Europa. Heute leben Schätzungen zufolge ungefähr 120.000 Rom*nja in Deutschland. Viele Rom*nja flohen während der Balkankriege in den 90er Jahren nach Deutschland. In den letzten Jahren flohen viele aus Südosteuropa vor Diskriminierung und Verfolgung. Seit den Asylrechtsverschärfungen in 2014 und 2015 werden immer mehr dieser Geflüchteten und ihre Kinder in ihre angeblich »sicheren Herkunftsstaaten« abgeschoben. Viele von ihnen sind in Deutschland geboren und aufgewachsen.

Für unsere Leser*innen, die über die Bezeichnung Rom*nja und Sinti*zze gestolpert sind, anbei ein kleines Glossar:
Männlicher Singular: Sinto / Rom   Männlicher Plural: Sinti / Roma
Weiblicher Singular: Sintiza / Romni Weiblicher Plural: Sintizze / Romnja
Geschlechterbewusste Form Singular: Sint*iza / Rom*ni
Geschlechterbewusste Form Plural: Sint*izze / Rom*nja

Rassismus bekämpfen

Um das Bewusstsein gegen Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung zu schärfen unterstützt der Verein Amaro Drom e.V. Schulen, andere Bildungseinrichtungen und Träger der Jugend- und Sozialarbeit. Referent*innen bieten Seminare, Workshops und Referate zu den Themen Rassismus gegen Sinti*zze und Rom-*nja, Migration, Geschichte und Aufarbeitung des Nationalsozialismus und europäische(n) Erinnerungskultur(en) an. Die jugendlichen Multiplikator*innen aus dem Projekt »Dikhen amen! Seht uns!« bieten Workshops auch vor Ort an Schulen an. Aufwandsentschädigungen oder Honorare für die Multiplikator*innen sind erwünscht.