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Gerhard Weil: Das fängt ja gut an

blz 04-05 / 2007

Das fängt ja gut an

Die GEW fragte auf einer Veranstaltung nach der Akzeptanz des Ethikunterrichts.

von Gerhard Weil, Mitglied im Vorstand des Landesausschusses für multikulturelle Angelegenheiten ( LAMA)

Die Erleichterung der Bildungspolitiker aus dem Berliner Abgeordnetenhaus war nicht zu übersehen. Dass der Ethikunterricht von den SchülerInnen, den meisten Eltern und Lehrkräften nach gut einem halben Jahr in den 7. Klassen offensichtlich akzeptiert wird, machte Dr. Felicitas Tesch (SPD), Steffen Zillich (Linkspartei/PDS) und Roland Otte (Bündnis 90/Die Grünen) erkennbar locker. Nach all der Schelte, all den Anfeindungen von Seiten der Konservativen, Neoliberalen und Kirchenvertretern noch im letzten Wahlkampf bekamen die drei Erfreuliches gemeldet.

Konkrete Forderungen

Dennoch gab es auf der Veranstaltung der GEW gemeinsam mit dem „Forum Gemeinsames Wertefach für Berlin“ Ende Februar zum Thema „Ethikunterricht auf gutem Weg? – eine erste Zwischenbilanz aus der Praxis“ auch eine Reihe recht konkreter Forderungen von insgesamt elf Ethiklehrkräften aus den 7. Klassen von zehn Berliner Schulen: nach Halbierung der Klassengröße von über 30 SchülerInnen, nach mehr Geld zur Anschaffung von notwendigen Unterrichtsmaterialien und nach mehr qualifizierten Lehrkräften. Ein bildungspolitischer Hinweis auf die schwierige Finanzlage der Stadt und die Unerbittlichkeit der Finanzpolitiker fand angesichts der Bedeutung von Bildung keine Akzeptanz. Auch hatte die eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn mit fünf Schulbuchverlagen organisierte Ausstellung mit neuen Schulbüchern für das Fach Ethik das Interesse der etwa 80 TeilnehmerInnen geweckt.

Kopflastig und beliebig?

Eines wurde im Veranstaltungsverlauf recht bald deutlich: Die Chancen des Ethikunterrichts zur Vermittlung eine offenen Gesprächsatmosphäre werden offenbar an vielen der 355 Berliner Oberschulen genutzt. Das Fach hat sich in kurzer Zeit gut etabliert. An einzelnen Gymnasien oder Gesamtschulen bestritten anfangs einige Eltern das Recht des Staates auf eine Werteerziehung, konnten aber offensichtlich mit Hinweis auf die ersten drei Paragraphen des Schulgesetzes überzeugt werden.

Dagegen wurden Schwierigkeiten an einigen Hauptschulen und Realschulen, aber auch an Gesamtschulen mit vielen Migranten benannt, die anspruchsvollen Materialien und Themenstellungen des Rahmenlehrplans sprachlich zu bewältigen. Dennoch wurde der unter anderem von der GEW als zu kopf- und philosophielastig kritisierte Rahmenlehrplan als immerhin offen genug verteidigt, den jeweiligen Unterricht auch mit HauptschülerInnenn zu gestalten. Kritik kam eher an der Beliebigkeit der Themenwahl innerhalb einer Zweijahresstufe auf, die bei Schulwechseln für die SchülerInnen   Nachteile mit sich bringen kann, so Ursula Müller-Wißler vom Kreuzberger Hermann-Hesse-Gymnasium.

Mehr als Religionskunde

Im Ostteil der Stadt stoßen laut Rotraud Bergner von der Merian-Oberschule in Treptow-Köpenick, religiöse Fragen vor dem überwiegend atheistischen Hintergrund auf Desinteresse, Religionskunde werde wie Geschichtsunterricht angesehen. Das Fehlen von Migranten an den Schulen begünstige Vorurteile über den Islam. Dagegen hätten viele Jungen Interesse an Beziehungsfragen und Konfliktlösungen.

Gabriele Lützenkirchen von der Kreuzberger Lina-Morgenstern-Gesamtschule hatte wie viele andere KollegInnen an Schulen mit hohem Migrantenanteil erst einmal Schwierigkeiten, einen respektvollen Umgangston im Unterricht zu schaffen und die Wirkung der ständigen Schimpfworte, Ausdrücke mit selbst antisemitischer Konnotation bewusst zu machen. Dafür böte der Ethikunterricht eine gute Möglichkeit mit seiner angstfreien, offenen Kommunikation, einem irgendwie doch „weichen“ Unterrichtsfach. In die gleiche Richtung gingen die Erfahrungen von Norbert Böhnke von der Lichtenrader Carl-Zeiss-Oberschule, der darauf hinwies, dass es bei dem hohen Anteil konfessionsloser SchülerInnen in Berlin wichtig sei, außer religiösen Feiertagen auch weltliche wie z.B. den Frauentag im Unterricht zu behandeln.

Eine Zusammenarbeit mit Religionslehrkräften wurde bisher an nur wenigen Oberschulen praktiziert, meist in Ermangelung eines entsprechenden Religionsunterrichtes.

Übereinstimmend bestand die Forderung an die Schulorganisation, die Ethiklehrkräfte nicht nur mit den zwei Stunden in Klassen einzusetzen, sondern mindestens mit noch einem weiteren Fach, um die Vertrauensbasis zu den SchülerInnen zu erweitern. Als abschreckendes Beispiel nannte Frau Dillmann- Schlösser die Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule, an der zwei KollegInnen neun siebte Klassen mit Frequenzen von 30 bis 32 Kindern in Ethik unterrichten, ansonsten aber in ganz anderen Klassenstufen eingesetzt werden!

Weiterbildung und Studiengang

Alle Ethiklehrkräfte waren der Auffassung, dass von der Bildungsverwaltung oder den Unis eine Kommunikationseinrichtung, z. B. ein Internetforum, eingerichtet werden sollte, in dem Erfahrungen und Materialien aus der Praxis ausgetauscht werden können, auch nachdem die Weiterbildungskurse absolviert sind.

Der Vertreter der Bildungsverwaltung, Manfred Zimmermann, kündigte für den Sommer fünf neue Weiterbildungskurse an. Es gebe zur Zeit genügend Ethiklehrkräfte, allerdings nicht immer an den Schulen, wo sie gebraucht würden. Prof. Dr. Michael Bongardt von der Freien Universität Berlin und Prof. Dr. Thomas Schmidt von der Humboldt Universität berichteten von der Planung grund-    ständiger Ethik-Studiengänge, die an beiden Einrichtungen im kommenden Wintersemester mit deutlich unterschiedlichen Akzenten beginnen sollen. Dr. Helga Ludwig-Steup wies darauf hin, dass die Theorielastigkeit zu Beginn der Ethiklehrerweiterbildung zugunsten einer Hinwendung zu mehr Fachdidaktik und Modularisierung im weiteren Verlauf und bei den neuen Lehrgängen überwunden wurde. Dies war im Vorfeld von vielen referierenden Lehrkräften als hilfreich hervorgehoben worden. Dass moderne schülerorientierte Unterrichtsmethoden als Ergebnis von Weiterbildungsbemühungen unter SchülerInnen auch Verwirrung stiften können, wusste Sabrina Dziedzioch-Teuscher aus der Charlottenburger Pommern-Hauptschule zu berichten. So war sie von dem verunsicherten Ibrahim aus der 7. Klasse gefragt worden: „Wollen Sie uns therapieren?“

Die Frage, was mit den weitergebildeten Lehrkräften passiere, wenn die voll ausgebildeten Ethiklehrkräfte von den Unis an die Schulen kämen, ob man sie dann gar aus dem Unterricht abziehen würde, erregte am Ende die Gemüter. In Brandenburg hätten, so Peter Kriesel, Bundesvorsitzender des Fachverbandes Ethik, von 800 weitergebildeten LER-Lehrkräften 750 eine besoldungsrelevante Prüfung absolviert. Für Berlin scheint dagegen alles offen. An nachträgliche Staatsprüfungen in Ethik als zweites Wahlfach ist zurzeit nicht ernsthaft gedacht (denn das könnte wohl Geld kosten!) Hier gibt es für das Wertefach-Forum und die GEW noch einiges zu tun.