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Passworthilfe

M. Nové/ G. Weil: Alles ist möglich bei DaZ

blz 05/ 2006

Alles ist möglich bei DaZ*

Dilemma zwischen Autonomie und Kontrolle.

von Michael Nové und Gerhard Weil, Landesausschuss für multikulturelle Angelegenheiten

Im Schuljahr 2003/2004 verließen 23,9 Prozent der ausländischen AbgängerInnen die allgemeinbildende Schule ohne Schulabschluss. Ihr Anteil lag damit dreimal so hoch wie bei den deutschen AbsolventInnen (8,9 Prozent).“ „Als Ursache für die geringen Bildungserfolge spielt die Sprachkompetenz eine zentrale Rolle“, sagt nicht die GEW Berlin, sondern der Berliner Senat im Kapitel „Integration durch Bildung“ des Senatsbeschlusses „Vielfalt fördern – Zusammenarbeit stärken. Integrationspolitik für Berlin“, veröffentlicht im September 2005.

Wer wollte dieser Analyse eines grandiosen schulischen Scheiterns ernsthaft widersprechen? Gescheitert ist damit unseres Erachtens auch die jahrzehntelange Haltung der Schulaufsicht, Förderstunden für DaZ ohne weitere Kontrolle und nur mit kleinen bürokratischen Auflagen an die Schulen zu geben. Nur ein Bruchteil des Unterrichts kam bei den Migrantenkindern an, und das nach undurchschaubaren, willkürlichen Grundsätzen; die Schulen nutzten das Stellenpotenzial in vielen Fällen als willkommene Vertretungsreserve, manche wenigstens zur Betreuung von Nicht-Religionskindern.

Gescheitert ist anscheinend auch der Versuch, Transparenz und Effizienz in die Verwendung der DaZ-Mittel durch das Rundschreiben II Nr.35 „Deutsch als Zweitsprache in der Berliner Schule“ vom 25. November 1998 zu bringen. Mit der Forderung „Jeder Unterricht ist DaZ-Unterricht“, einem System der bezirklichen Fachkonferenzen und der Berichtspflicht über die Verwendung der DaZ-Stunden im jeweiligen Schuljahr sollte sichergestellt werden, dass Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache Sprachförderung in dem Umfang und von der Qualität zukommt, die Ihnen zusteht. Nachdem den Schulleitungen klar wurde, dass auch ehrliche Angaben über Unterrichtsausfälle bei DaZ bis zu 50 Prozent wie gehabt zu keinen ernsthaften Konsequenzen vonseiten der regionalen oder zentralen Schulaufsicht führen und die Forderung des Rundschreibens, der DaZ-Unterricht dürfe proportional nicht mehr als jeder sonstige Fachunterricht ausfallen, als nettes und zahnloses Postulat entlarvt wurde, änderte sich in der Schulrealität wenig.

Leider ändern sich auch die hohen Quoten der migrantischen Abgänger ohne Schulabschluss nicht. Hier stellt sich zudem die Frage, ob die tatsächlichen Zahlen nicht deutlich höher als das oben zitierte Viertel sein müssen, das sich nur auf die ausländischen Schüler bezieht. Bis heute verweigert die Schulverwaltung nämlich hartnäckig eine Schulabgängerzahl der sonst in der Statistik überall auftauchenden Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache zu veröffentlichen, gewiss nicht wegen der Tatsache, dass sich Schulerfolg und verbesserte Deutschkenntnisse mit dem Prozess der Einbürgerung quasi automatisch einstellte.

Obwohl man aus PISA für Migrantenkinder ableiten kann, dass eigentlich jeder Fachunterricht ausfallen könnte, bloß nicht DaZ, weil der Spracherwerb als Schlüssel zum Schulerfolg angesehen werden muss, sind die Konsequenzen erstaunlich: Statt genau darauf zu achten, dass der DaZ-Unterricht gemäß der Zuteilung an die Schulen auch den Weg in den Stundenplan findet (s.o. – nicht überall eine Selbstverständlichkeit!) und vom Papier auch in der täglichen Unterrichtspraxis zumindest – sagen wir zu 80 bis 85 Prozent – zu den betroffenen SchülerInnen gelangt, geht man „moderne“, altbekannte Wege: Als Erstes verdonnert man die DaZ-Lehrkräfte vielerorts, die Hauptlast der diversen Überprüfungen und Tests zu übernehmen, selbstverständlich zulasten des noch erteilten DaZ-Unterrichts, allerdings ohne dass der ermittelte Förderbedarf in der Regel zu Konsequenzen mit mehr erteiltem Förderunterricht führt. Aber Tests und Leistungseinschätzungen sind ja schließlich angesagt!

Entsprechend dem neuen Schulgesetz hat man zweitens die Eigenständigkeit der Schulen vor allem für den DaZ-Unterricht schon Anfang 2005 mit der neuen Grundschul- und der Sekundarstufe I-Verordnung gesichert. Fast wortgleich heißt es da in § 17(3) der Grundschulverordnung und in § 15(4) der Sek I-Verordnung: „In Regelklassen erfolgt die Förderung im Rahmen der organisatorischen und personellen Möglichkeiten der Schule nach einem schuleigenen Förderkonzept. Die Förderung kann unterschiedlich organisiert werden, insbesondere durch zusätzlichen Teilgruppenunterricht, temporäre Lerngruppen mit definierten Zielen, niedrigere Frequenzen oder den zeitnahen Einsatz von zwei Lehrkräften in einer Klasse. Die Formen der Förderung können auch kombiniert werden.“ Na bitte, anything goes! Für Schulen mit einem wirklich klaren Förderkonzept wunderbar. Es wird an diesen Schulen sicher gut ausgebildete Lehrkräfte geben, die sich der Anpassung und Umsetzung des entsprechenden Rahmenplans DaZ an das schuleigene Konzept widmen können. DaZ als Unterrichtsprinzip auch im Fachunterricht, schulinterne DaZ-Fortbildungen für die LehrerInnen und systematische, sprachstandsbezogene Sprachfördersequenzen für die SchülerInnen sind hier selbstverständliche Alltagspraxis.

Solche Schulen aber, die am Schulerfolg der Migranten nicht sonderlich interessiert sind, können bei Unterversorgung mit Lehrkräften, Dauerfehlenden etc. auf die nicht vorhandenen „personellen Möglichkeiten“ verweisen. Mitunter nur mit Klassenauflösungen zu vermeidende Unterfrequenzen erhalten mit diesen Verordnungen auch noch das Feigenblatt der gezielten Migrantenförderung. Und die zweite Lehrkraft im Unterricht kann als prima Vertretungsfeuerwehr umgedeutet werden! Eine Schule also, die nicht eine Stunde DaZ ausweist und mit den zugeteilten Stunden allein Unterfrequenzen finanziert, kann dies sogar als schuleigenes Förderkonzept ausweisen (weil die Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache ja so viel besser in kleineren Klassen Deutsch lernen)!

Welche Schulaufsicht kann gegen DaZ-Ausfälle von 50 Prozent oder gar mehr vor diesem rechtlichen Hintergrund die Stirn runzeln, gar die bald in die Schulen ausschwärmenden Schulinspektoren?

Die Verantwortung für weitere Integrationsmisserfolge ist erfolgreich an die Schulen delegiert, die schließlich ein DaZ-Förderkonzept entwickeln sollen, da kann man sogar die weitere DAZ-Weiterbildung am LISUM einstellen, wie es sich abzuzeichnen scheint. Die Folgen sind ja erst nach der 10. Klasse festzustellen, oder erwartet jemand ernsthaft, dass mit den aufs Schriftliche fixierten Prüfungen des Mittleren Schulabschlusses die Schüler mit Migrationshintergrund nun erfolgreicher abschneiden werden?

Wer sich intensiver mit Fragen zu DaZ vom Kindergarten bis zur Lehrerbildung beschäftigen möchte: Die von der GEW BERLIN erstellte Dokumentation der 2. Berliner Fachtage „Perspektiven zu DAZ“ kann unter http://www.gewberlin.de/5710.htm herunterladen werden.

 * Deutsch als Zweitsprache