Mitgliederbereich

Passworthilfe

Gerhard Weil: Wege zur Konfliktlösung (Buchbesprechung)

blz 02 / 2006

WEGE ZUR KONFLIKTLÖSUNG

"Mediation - durch Konflikte lotsen" von Ortrud Hagedorn

von Dr. Gerhard Weil, Landesausschuss für Multikulturelle Angelegenheiten der GEW Berlin

Das Nachvollziehen der Gefühle gehört zur Dialogfähigkeit. Diese ist im Gegensatz zur Diskussion an einer gegenseitigen Verständigung orientiert. Der Dialog hilft besonders Jugendlichen, mit Freunden durch die Pubertät zu kommen." (S. 73) Auf diesem durch jahrelange Lehrertätigkeit, Lehrerfortbildung und Erwachsenenbildung gereiften Erfahrungsschatz basiert Ortrud Hagedorns Mediationskonzept, das am Berliner Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) von der Autorin und ihren Mitstreitern wie Walter Taglieber über viele Jahre in der Ausbildung von Konfliktlotsentrainern erprobt wurde, und nun, konzentriert und mit dem neuesten Ergebnissen der Lernforschung untermauert, in Buchform vorgestellt wird.

Besonders das Konfliktlotsenprogramm im Teil I ist sowohl als Grundlehrgang für die Pädagogen selbst, als auch als Lernen am Modell und als Trainingshilfe für die SchülerInnen gedacht. Es werden zahlreiche Übungen und Beispiele vorgestellt und mit Zeichnungen, Lernkarten, Anschauungsmaterialien und praktischen Vordrucken sowie Urkunden auf den Materialseiten der CD-Rom ergänzt. Das ergibt insgesamt eine gute Grundlage für zahlreiche Unterrichtsstunden, die in der Abfolge eine Konfliktlotsenausbildung darstellen, aber auch für sich genommen als Einzelaspekte sinnvoller Trainingsmodule im Bereich des sozialen Lernens ihre Anwendung finden können.

Darin besteht der Vorzug dieses Buches, dass es einerseits künftige Mediatoren unterstützt, aber andererseits auch denjenigen KollegInnen erprobtes und bewährtes Material zum sozialen Lernen an die Hand gibt, die zwar an einer Mediationsausbildung kein Interesse oder keine Einsatzmöglichkeit haben, die aber der immer einseitigeren kognitiven Ausrichtung des Schulalltags ein Engagement beim sozialen Lernen zur Seite stellen wollen. Dieser Aspekt ist von der Autorin, die eine konsequent gestufte Lehrgangsform entwickelt hat, nicht unbedingt intendiert, lässt aber den potenziellen Nutzerkreis des Buches deutlich anwachsen.

Dagegen richtet sich der wesentlich kürzere Teil II zunächst an diejenigen Schulmediatoren, die ihre Grundausbildung abgeschlossen haben und nun das Konfliktlotsenmodell an ihren Schulen zum Erfolg führen wollen. Hier sind wertvolle Hinweise zur Mentorentätigkeit und zur Begleitung im Lehrerkollegium zu finden. Ab der 4. Übung gelangt das Material zu "Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung: Soziales Training" mit Liedtexten, theater- und kunstpädagogisch inspirierten Übungen, die wiederum jede Lehrkraft, jede ErzieherIn mit zahlreichen Anregungen unterstützen können.

Im Teil III "Erwachsenenautorität" werden Fälle, die unter der Leitung Erwachsener bearbeitet werden müssen - also in der Regel schwerwiegende Konflikte, die sich der Klärung durch die gleichaltrigen Konfliktlotsen entziehen - behandelt. Hier bietet die Autorin Beispiele, Übungen und Gesprächspläne, die nach schwerwiegenden Anlässen hierarchisiert sind, und die Einbeziehung der Eltern und der Schulleitung nicht ausschließen.

Im Teil IV "Mobbing" von Walter Taglieber wird es Lehrkräften erleichtert, die Fälle von Mobbing in ihren Klassen erst einmal zu erkennen. Walter Tagliebers Darstellung zeigt, wie hilflos dieses Phänomen von vielen Pädagoginnen übersehen oder unterschätzt wird. Nun wird ja allenthalben vom Mobbing geredet, aber Taglieber macht klar, dass nicht jeder Streit gleich Mobbing ist. Er definiert Mobbing u.a. so:

"Mobbing ist eine asymmetrische Beziehung, gekennzeichnet durch Macht und Willkür einerseits sowie Ohnmacht andererseits. Es ist die Lust am Quälen und die Lust am Missbrauch von Macht. Mobbing ist vorsätzlich und heimtückisch. Durch Angriffe auf das soziale Ansehen und die seelische Gesundheit einer Person beschädigt Mobbing Selbstvertrauen, Lernmotivation, Gesundheit und Menschenwürde. Mobbing dient als Entlastungsventil für Aggression, es ist die Möglichkeit, sich zu den Starken zu gesellen und hilft der eigenen narzisstischen Aufwertung. Mobbing hilft gegen Langeweile und vergeht nie allein." ( S. 156)

Sehr hilfreich sind die praxisbezogenen Darstellungen der Methoden, Mobbing in verschiedenen Alterstrufen zu begegnen: Klassenmediation, No Blame Approach, Farsta-Methode und Staffelrad. Sie helfen auch wenig geübten KollegInnen, Probleme zu lösen und Opferhilfe und Versöhnung auf den Weg zu bringen.

Bevor Sie aber aufgrund dieser Rezension das Buch von Ortrud Hagedorn bestellen, sei noch ein Hinweis erlaubt: Die beigefügte CD-ROM macht grundlegende PC-Kenntnisse und den Zugang zu einem Computer erforderlich. Ohne die vielen auf der CD-ROM dargestellten Materialien bleibt der Leserin, dem Leser des Buches der Sinn mancher Übung verschlossen, weil praktischerweise nicht alles doppelt dargestellt wird!


Ortrud Hagedorn: "Mediation - durch Konflikte lotsen", mit einem Anhang zum Thema Mobbing von Walter Taglieber, Ernst Klett Schulbuchverlag, Leipzig 2005, ISBN-13: 978-3-12-924440-1,ISBN-10:3-12-924440-9, 19,90 Euro