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Ulrich-Johannes Kledzik und Wilfried Seiring: Wir trauern um Erich Frister

blz 12 / 2005

Wir trauern um Erich Frister

Nachruf auf den ehemaligen GEW-Vorsitzenden.

von Ulrich-Johannes Kledzik und Wilfried Seiring

Der Abschied von Erich Frister trifft uns Kollegen seiner jahrelangen Arbeit in Berlin sehr unmittelbar und nachhaltig, obwohl wir von seinem langen Leiden wussten. Sein Tod wird auch viele Berliner LehrerInnen berühren, selbst die, die ihm nicht so nahe standen.

Erich Frister war Lehrer und Gewerkschafter, Schulrat, Stadtrat und Funktionär einer Bildungsgewerkschaft, die er formte. Die Berliner Schule hat ihm viel zu verdanken. Sein Beitrag zu Fortschritten in der bildungspolitischen Landschaft der Bundesrepublik ist noch heute erkennbar: das 10. Pflichtschuljahr in der allgemeinbildenden Schule, die Frequenzen in der Grundschule, der Aufbau der Gesamtschule, die Reformbemühungen um Unterrichtsinhalte und Lehrerbildung - in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gibt es kein schulpolitisches Thema, dass Erich Frister als GEW-Vorsitzender nicht angenommen, beeinflusst, ja mitbestimmt hat. Die der staatlichen Schule anvertrauten Mädchen und Jungen, ihre Erziehung und Ausbildung standen dabei stets im Mittelpunkt. Die Schüler aus bildungsfernen Elternhäusern konnten seines pädagogischen Engagements besonders sicher sein.

Auf Erich Frister konnte man sich verlassen, eine Feststellung, die im gegenwärtigen politischen Feld schon Seltenheitswert besitzt. Er war ein Mann des treffenden Wortes. Er regte an, gab Handlungsimpulse und kämpfte in bewegten Jahren überzeugend, leidenschaftlich und mutig für mehr Chancengleichheit und Demokratie im Bildungswesen. Mit der Kraft seiner Argumente konnte er die Dinge klären und die Menschen stärken, mithilfe seiner mitreißenden Rhetorik gewann er Mitstreiter und internationale Anerkennung.

Es ist sein Verdienst, dass Lehrer, Erzieher und Hochschullehrer heute fest in der Gewerkschaftsbewegung verankert und vereint sind. Ihm ist die Statushebung der Lehrerschaft zu verdanken, wenngleich die Statusakzeptanz des Berufs weiterhin täglich neu erarbeitet werden muss.

Als Präsident der Internationalen Vereinigung Freier Lehrergewerkschaften unterstützte er den Aufbau demokratischer Bildungsgewerkschaften mit gleicher Konsequenz wie er sich für den bedrängten Einzelnen einsetzte.

Einem solchen Mann bleibt man immer etwas schuldig. Es sind die vielen persönlichen Begegnungen und Gespräche, die wir nicht vergessen können. Und so werden wir auch ihn nicht vergessen.

 

Kasten

ERINNERUNG AN ERICH FRISTER

Erich Frister hat mich in meinem gewerkschaftlichen und beruflichen Denken und Handeln nachhaltig beeindruckt, geprägt und gefördert.

Während meines Studiums von 1962 bis 1965 war Erich Frister Vorsitzender des Berliner Verbandes der Lehrer und Erzieher, dem Vorläufer der GEW. Er hat die Studentengruppe des BVL in jeder Hinsicht gefördert und uns Wege geöffnet, in dem er uns den organisatorischen Rahmen für unsere Arbeit verschaffte und uns darüber hinaus mit richtungsweisenden Impulsen unterstützte, die er in die gewerkschaftliche Arbeit der Studentengruppe einbrachte. Unseren Ideen gegenüber war er stets aufgeschlossen und gab uns die Möglichkeit, sie innerhalb und außerhalb der gewerkschaftlichen Einrichtungen zu publizieren.

Als ich 1968 26-jährig ausgewählt wurde die Grundstufe der Walter-Gropius-Gesamtschule zu leiten, setzte er sich in seiner Funktion als Volksbildungsstadtrat in Neukölln gegen alle Widerstände durch und machte es möglich, dass ich diese Tätigkeit ausüben konnte, obwohl ich die laufbahnrechtlichen Bedingungen noch nicht erfüllte.

Von ihm habe ich gelernt, dass man seine Ziele konsequent und beharrlich verfolgen muss und man Rückschritte hinnehmen kann, ohne seine Ziele aus dem Auge zu verlieren oder sie gar aufzugeben.                                                      Susanne Pape