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Tilo Ballien: Analphabetismus - das ignorierte Problem

blz 10 / 2005

Analphabetismus - das ignorierte Problem

Hilfsprojekte in Berlin sind angeblich nicht mehr förderungswürdig.

von Tilo Ballien

Bei den Diskussionen über Bildung, in der Spannbreite von Elite-Universitäten bis PISA-Studien, haben sie keine Lobby: Die mehr als vier Millionen deutschsprachigen Menschen in Deutschland, die nicht oder nicht ausreichend lesen und schreiben können.

Für die in Berlin lebenden mehrheitlich funktionalen gut 160.000 Analphabeten gibt es ganze drei Einrichtungen, die ihnen bei ihrem Problem helfen, das ihren Alltag extrem kompliziert macht: Wie orientiert man sich in der Stadt, wie kauft man ein, bezahlt Rechnungen, schließt notwendige Verträge ab, füllt man für Behörden Formulare aus? Zumal es peinlich ist zuzugeben, dass man, trotz allgemeiner Schulpflicht, nicht lesen und schreiben kann, obwohl man es, mehr schlecht als recht, doch einmal gelernt hat. Man findet die pfiffigsten Ausreden, denn dumm sind diese Menschen nicht, sie haben nur ein kleines, dummes Problem: "Könnten Sie mir bitte helfen, ich habe meine Brille vergessen." Oder man umschlingt das Handgelenk mit einer dicken Binde. Vor allem aber haben Analphabeten größte Schwierigkeiten, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden. Selbstachtung und Selbstbewusstsein leiden.

Seit 1983 hat der gemeinnützige "Lesen und Schreiben e.V." Tausende Analphabeten beraten und vielen von ihnen nicht nur lesen und schreiben gelehrt, sondern darüber hinaus ihnen eine praxisorientierte Vorbereitung auf die Arbeits- und Berufswelt ermöglicht. Diese Praxisarbeit reichte von Tischlerei über Gärtnerei mit eigenen Gewächshäusern und Catering im vereinseigenen Café "Leib + Seele" bis zur Mitarbeit an der Vereinszeitung. Viele von ihnen konnten in eine Anstellung vermittelt werden. Selbstachtung und Selbstbewusstsein steigen: Viele der AbsolventInnen der Kurse schreiben eigene Geschichten und tragen sie, gerade erst alphabetisiert, zum Beispiel am Welttag der Alphabetisierung, dem 8. September, oder im Rahmen des Kulturfestivals "48 Stunden Neukölln" öffentlich vor (es sind sogar etliche davon in Büchern veröffentlicht worden), oder sie treten in Rundfunkinterviews vor die Mikrofone, um über die Arbeit des Vereins und ihre persönlichen Erfolge zu berichten.

Diese wertvolle Arbeit des Vereins "Lesen und Schreiben" ist nun akut gefährdet. Denn in den letzten Jahren wurden die Kurse für die überwiegend jungen KursteilnehmerInnen von den Agenturen für Arbeit finanziert. Damit ist es aber nach den neuesten Richtlinien vorbei: Alphabetisierung gehöre zur Allgemeinbildung, die nicht gefördert werden dürfe, heißt es, und: "in Berlin gibt es gar keine Analphabeten."

Sämtliche MitarbeiterInnen mussten entlassen werden. Die Arbeit wird rein ehrenamtlich fortgesetzt, auf minimalster Sparflamme. Dennoch gibt es laufende Kosten, die einfach nicht vermieden werden können; das geht von der Raummiete übers Telefon bis zu Lehr- und Lernmaterialien. An allen Ecken und Enden fehlt nun das Geld - es sei denn, man resignierte angesichts der Ignoranz der öffentlichen Stellen und gäbe auf.

Und genau das haben Marie-Luise Oswald und ihre MitstreiterInnen nicht vor - ganz im Gegenteil. Sie und viele ehrenamtliche Unterstützerlnnen des gemeinnützigen Vereins versuchen hartnäckig, die Behörden erneut von der Notwendigkeit der Arbeit und ihrer Förderungswürdigkeit zu überzeugen und Stiftungen und private Sponsoren zu finden, die sich über finanzielle Hilfen oder Sachspenden längerfristig engagieren möchten. Auch Tipps und Hinweise, an wen man sich wenden könnte, sind natürlich willkommen.

Zunächst gilt es aber, die akute Notlage zu überwinden. Dafür sind viele kleine und große Spenden nötig!

Ausführliche Informationen erhält man auf der Website des Vereins: www.lesen-schreiben.com Wer zunächst Kontakt aufnehmen möchte, die Mail-Adresse ist Info@lesen-schreiben.com. Und die Anschrift: Lesen und Schreiben e.V., Herrnhuter Weg 16, 12043 Berlin; Tel.: 030 / 687 40 81 Fax: 030 / 686 93 92 Ansprechpartnerin ist DipI.-Päd. Marie Luise Oswald. Und nun noch das Spendenkonto: Lesen und Schreiben e.V. Deutsche Bank, BLZ 100 700 24 Kto.-Nr.: 2200 4000 1 Weitere Infos: www.ich-will-schreiben-lernen.de