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Michael Cramer: Nachruf auf Ursula Schaar

blz 07 - 08 / 2005

"Mit und gegen den Strom"

Ein Nachruf auf Ursula Schaar.

von Michael Cramer, Europaabgeordneter von Bündnis 90/ Die Grünen

Ursula Schaar ist tot. Sie starb im Alter von fast 82 fahren am 28. April 2005. Für die GEW BERLIN und auch für die Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz, dem Vorläufer der Grünen, repräsentierte Ursula Schaar die zahlenmäßig sehr kleine Eltern-Generation der aufmüpfigen 68er-Bewegung. "Mit und gegen den Strom" war das von ihr selbst gewählte Motto ihres Lebens. Sie stritt mit uns gegen die von der SPD zu verantwortenden Berufsverbote und Unvereinbarkeitsbeschlüsse, gegen den Napalm-Krieg der USA in Vietnam. Sie unterstützte die Hausbesetzerbewegung, die sich für eine andere Wohnungspolitik einsetzte.

Sie stritt auch für "Atomkraft? - Nein Danke!" Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir Neuköllner SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen nach Bonn zur großen Anti-AKW-Demo am 14.10.1979 fuhren und in meiner Heimatstadt Ennepetal übernachteten. Nur so war es zu Mauerzeiten möglich, von West Berlin aus rechtzeitig zur Demo zu kommen. An dieser Demonstration nahmen übrigens mehr als 100.000 Menschen teil. Die Menschenrechte, insbesondere das Recht auf freie Meinungsäußerung, verteidigte sie, auch und gerade wenn sie die Meinung der anderen nicht teilte. Beim Einfordern von demokratischen Freiheiten blieb sie "zweiäugig", in der DDR und Osteuropa fand sie nur die Dissidenten interessant.

Als die GEW BERLIN 1977 aus der GEW Bund und aus dem DBG rausflog, weil sie sich als Einheitsgewerkschaft und nicht als sozialdemokratische Richtungsgewerkschaft verstand, blieb Ursula Schaar nicht in der GEW BERLIN, sondern trat in die GEW im DGB ein. Es muss ihr schwer gefallen sein, denn inhaltlich vertrat sie die Position der GEW BERLIN im Kampf gegen Unvereinbarkeitsbeschlüsse und Berufsverbote. Nach der 1979 erfolgten Fusion der gespaltenen Berliner GEW wurde sie dann in Neukölln Bezirksvorsitzende.

Sie hatte die Fähigkeit, uns aufbrausende und freche Youngsters gewähren zu lassen und uns Schutz zu geben. Niemals werde ich vergessen, wie der Stadtrat in den Gesprächen mit der Bezirksleitung immer wieder versuchte, Ursula Schaar auf seine Seite zu ziehen. Es ist ihm nicht gelungen.

Es waren bewegte Zeiten und Ursula ging zusammen mit der Bezirksleitung voller Elan und nach dem Motto "freche Lehrer jammern nicht" an die Arbeit. Bezirksinfos wurden herausgegeben, Missstände an der Neuköllner Schule publik gemacht und die Beschränkung der Meinungsfreiheit öffentlich kritisiert. Neben dem Einsatz für bessere Bedingungen für benachteiligte Schüler waren die Themen auch immer wieder die politischen Disziplinierungs- und Einschüchterungsversuche durch den Volksbildungs-Stadtrat Böhm. Auch der Kampf gegen das "Plakettenverbot" hatte in Neukölln seine Urheberschaft. Kolleginnen der 9. Sonderschule weigerten sich, bei einem Stadtratsbesuch die Plakette "Atomkraft? - Nein Danke!" abzunehmen und wurden mit einem Plakettenverbot belegt. Die dagegen angestrengte Klage war erfolgreich: Der damalige Richter Peter Strieder entschied zugunsten der Meinungsfreiheit, der liberale Schulsenator Walter Rasch akzeptierte diese Entscheidung.

Den größten Erfolg verzeichnete die GEW Neukölln aber im Juni 1980 mit der Herausgabe der Broschüre "Schwarzbuch Böhm - dieser Stadtrat muss weg". In nicht weniger als 16 Fällen hing das Damoklesschwert eines Berufsverbots über Neuköllner KollegInnen. Als Vorsitzende übernahm Ursula Schaar zusammen mit ihren Vorstandsmitgliedern die Verantwortung für die Veröffentlichung. Das Bezirksamt stellte Strafantrag und das Amtsgericht Tiergarten verurteilte die Herausgeber zu einer Geldstrafe von mehr als 30.000 DM. Daraufhin haben sich 200 Neuköllner Lehrkräfte solidarisch und öffentlich zur Herausgabe des Schwarzbuchs bekannt. Die Berufungs-Verhandlung wurde ein voller Erfolg für die GEW Neukölln. Der Richter stellte das Verfahren gegen eine Geldbuße von 50 DM für das Berliner Frauenhaus ein, worin die Presse eine schallende Ohrfeige für den Stadtrat und die ihn bis zuletzt stützende SPD sah. Böhm ist dann bei den nächsten Wahlen 1981 nicht mehr angetreten. Dafür zog nun Ursula Schaar als schulpolitische Sprecherin für die erste Fraktion der Alternativen Liste ins Abgeordnetenhaus.

Die sozialdemokratisch und kommunistisch geprägte Familie des Arbeiterkindes Ursula Schaar lebte in sehr beengten Wohnverhältnissen in Neukölln, war "arm wie eine Kirchenmaus". Aber sie haben ihre Tochter bewusst in eine der wenigen "weltlichen" Grundschulen geschickt. Ursula Schaar ist ihrer Heimatstadt Berlin treu geblieben, in der sie die Weimarer Republik, den Faschismus, den Krieg, die Nachkriegszeit, die Spaltung und die Wiedervereinigung erlebt hat. In ihrem reichen Leben folgte sie immer ihrem selbst gewählten Motto "mit und gegen den Strom". Ihre Ideale hat sie weitergegeben an die vielen, die sie kannten und die mit ihr zusammengearbeitet haben, und an ihre Kinder Katrin und Peter. Ursula, du wirst uns fehlen.


Ein weiterer Nachruf ist im Tagesspiegel erschienen: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/12.08.2005/1984191.asp