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Günter Steppich: Ab in die Zukunft

bbz 01 / 2018

Deutschland ist ein digitales Entwicklungsland, anderen Ländern Lichtjahre hinterher, wenn es um die personelle und technische Ausstattung von Schulen geht. Es wird Zeit, das zu ändern

von Günter Steppich

In den Jahren 1999 und 2001 habe ich Schüler*innen zum Austausch nach England und in die USA begleitet. Die IT-Situation an den Schulen dort war damals bereits besser als heute an den meisten deutschen Schulen, denn sie verfügten bereits über hauptamtliche Systemadministrator*innen und Techniker*innen. Die Lehrkräfte konnten sich auf ihre pädagogische Arbeit mit den digitalen Arbeitsmitteln konzentrieren.

Ausstattungsmäßig steht meine eigene Schule relativ gut da, es fehlt aber professioneller IT-Support auf einem Niveau, das in Firmen und Behörden der Standard ist. Das wäre eine Vollzeitkraft auf etwa 100 Geräte. Davon sind unsere Schulen Lichtjahre entfernt. In der Regel ist ein*e beim Schulträger angestellter IT-Techniker*in für mehr als 1.000 Endgeräte zuständig. Entsprechend lange dauert es, bis Supportanfragen bearbeitet werden. Die Schulen versuchen, diese Personallücke mit medienaffinen Lehrkräften auszubügeln, aber mit der Reduzierung von ein bis zwei Unterrichtsstunden oder Mehrarbeitsgeld für Lehrkräfte mit solchen Zusatzaufgaben ist das nicht ansatzweise zu schaffen. Keine Firma oder Behörde käme auf die Idee, Mitarbeiter*innen zusätzlich zu ihren regulären Jobs zu de facto ehrenamtlichen Administrator*innen zu ernennen. Im Schulbereich ist das nach wie vor der Standard.

Dass dieses Konzept nicht funktionieren kann, ist offensichtlich, denn Lehrkräfte sind nun einmal Pädagog*innen und keine Techniker*innen.

Da studierte Informatiker*innen an den Schulen eine Seltenheit und im Grundschulbereich gar nicht zu finden sind, sehen sich schulische IT-Beauftragte in der Regel gezwungen, sich die nötigen Kenntnisse fachfremd und autodidaktisch anzueignen.

Milliarden verdampfen im digitalen Nirwana

Zusatzinvestitionen wie die angedachten fünf Milliarden Euro aus dem Bildungspakt von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka sind zwar dringend nötig, werden aber keine Wirkung erzielen, wenn sie, wie avisiert, nur in neue Hardware investiert werden dürfen, aber nicht in professionellen Support. Nach den digitalen Whiteboards hätten wir nur ein weiteres digitales Milliardengrab. Schon bei den Whiteboards stellt sich die Frage, wie viele davon in deutschen Schulen hängen und nicht mehr funktionieren. Problematisch wirken hier auch verteilte Zuständigkeiten.

Der Bund will in schnelles WLAN und stationäre Hardware investieren. Für mobile Endgeräte und Support sollen die Schulträger sorgen, also Städte und Gemeinden. Für didaktische Konzepte sowie Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte sind wiederum die Kultusministerien der Länder zuständig. Wenn also ein Schulträger sich wegen knapper Kassen den Support für die neue Hardware nicht leisten kann und das pädagogische Personal nicht ausreichend geschult ist, um einen Mehrwert aus der digitalen Ausstattung zu ziehen, verdampfen Milliarden im digitalen Nirwana. Schüler*innen in finanzstarken Regionen werden außerdem deutlich besser auf die digitale Welt vorbereitet als andere.

Ein Beispiel aus der Praxis: An meinem Wiesbadener Gymnasium gibt es vier Tablet-Wagen mit jeweils einem Klassensatz. Die Wagen können für den Unterricht gebucht werden. Dann müssen die Tablets anschließend einsortiert, mit dem Ladegerät des Wagens verbunden und dieses an eine Steckdose gehängt werden. Das wird gerne vergessen. Techniker*innen vor Ort, die sich um die Geräte kümmern, gibt es nicht. Die nächste Lehrkraft findet dann nicht aufgeladene Tablets vor und kann seine*ihre geplante Stunde vergessen. Also greift Plan B, die analoge Umsetzung der Stunde. Es muss immer doppelt geplant werden, was auf Dauer nicht geht. Unsere Arbeitsbelastung hat auch abseits der Digitalisierung stark zugenommen. Arbeitszeit und Verwaltungsaufgaben wurden erhöht, die Kinder sind nicht einfacher geworden, die Eltern auch nicht. Da wird dann sehr genau abgewogen, wofür Zeit investiert werden kann. Nicht zuverlässig funktionierende digitale Endgeräte sind ein K.O.-Kriterium.

Deutsche Lehrkräfte sind unterdurchschnittlich medienkompetent

Der zunehmende Ruf nach »BYOD« (bring your own device) – zu deutsch: Schüler*innen nutzen ihre eigenen mobilen Geräte im Unterricht – ist keine Lösung, weil dieses Konzept eine ganze Reihe eklatanter Schwachpunkte aufweist und keinesfalls gleichwertigen Ersatz für schuleigene IT darstellt. Zum einen arbeiten die Schüler*innen dabei unter extrem unterschiedlichen Voraussetzungen bezüglich Hard- und Software. Zum anderen bieten die, auf privaten Geräten installierten, populären Apps ein gigantisches Ablenkungspotential, gegen das auch die beste Lehrkraft auf verlorenem Posten steht.

Neben den technischen Voraussetzungen müssen die medienpädagogischen stimmen. In allen internationalen Vergleichsstudien erweisen sich deutsche Lehrkräfte als unterdurchschnittlich medienkompetent. Grundsätzlich sind wir schon immer eine wenig technikaffine Berufsgruppe, was aktuell sowohl eine Studie von Ralf Biermann, als auch meine Erfahrungen mit ungefähr 150 Referendar*innen pro Schuljahr belegen. Von daher sind digitales Interesse und Medienkompetenz nicht primär altersbedingt. Auch viele junge Kolleg*innen haben einen digitalen Horizont, der kurz hinter WhatsApp und Facebook endet. Was bei Kindern und Jugendlichen aktuell populäre Apps wie Snapchat, Instagram oder musical.ly betrifft, ist die große Mehrheit der Lehrkräfte diesbezüglich absolut szenefremd und fällt daher auch als Beratungsinstanz in Sachen Medienerziehung aus. Die wird aber immer wichtiger, da die große Mehrheit der Eltern mit diesen Themen heillos überfordert ist und die Schulen sich schon aus »Notwehr« damit befassen müssen, weil digitale Konflikte und Probleme immer stärker in den Schulalltag hineinwirken.

Fundiertes digitales Fachwissen bringen nur wenige Nachwuchskräfte mit, denn auch über 20 Jahre nach dem Einzug des Internets an den Schulen ist digitale Lehrkräftebildung an den Universitäten ein fakultatives Randthema, obwohl sie längst obligatorisch sein müsste. Fraglich ist allerdings, ob dafür ausreichend medienkompetente Dozent*innen zur Verfügung stünden. An den Studienseminaren ist das definitiv nicht der Fall, da hier fast alle Ausbilder*innen selbst Lehrkräfte sind. Dass Kritiker*innen der Digitalisierung auf diverse Studien verweisen können, die keinen Nutzen des Lernens und Lehrens mit digi-talen Medien aufzeigen konnten, liegt schlicht daran, dass der Großteil der Lehrkräfte mangels Medienkompetenz nicht in der Lage ist, deren Mehrwert auszuschöpfen.

Die Evaluation eines zweijährigen, wissenschaftlich begleiteten Tablet-Projekts an vier Wiesbadener Schulen ergab ein eindeutiges Fazit der Schüler*innen: »Wenn Lehrer*innen sich auskennen, ist es cool, macht Spaß und man lernt mehr. Bei Lehrer*innen, die schon mit der grundlegenden Bedienung von Beamer, Notebook, Tablet und Whiteboard kämpfen, ist es reine Zeitverschwendung.«

Auf der pädagogischen Seite mangelt es insbesondere an intensiver, fachspezifischer Fortbildung, die unabdingbar ist, wenn bei der Arbeit mit digitalen Arbeitsmitteln ein Mehrwert herausspringen soll. Andernfalls wird ein digitales Whiteboard zur Anzeigefläche für YouTube-Videos und Präsentationen degradiert. Das ist deutlich billiger zu haben! Effizient sind hier vor allem Schulungen durch medien- wie fachkompetente Lehrkräfte, die dafür aber entsprechend freigestellt werden müssten. Externe Referent*innen haben leider häufig zu wenig Einblick in unsere Berufswirklichkeit und zu geringe fachdidaktische Kenntnisse.

Wenn wir nicht zeitnah deutlich mehr Ressourcen in professionellen Support sowie fachspezifische digitale Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte investieren, treten wir weiterhin auf der Stelle und verlieren international immer mehr den Anschluss im IT-Sektor. Eine Bildungs- und Industrienation kann sich das nicht leisten, die Welt ist nun einmal digital und sie wird immer weiter digitalisiert werden.

Beruflicher Erfolg ohne fundierte digitale Kompetenzen wird zunehmend unwahrscheinlicher werden. Auf diese digitale Zukunft, beruflich wie privat, müssen wir unsere Kinder optimal vorbereiten!