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Ilse Schimpf-Herken: Gute Nachrichten aus Honduras

bbz 02 / 2018

Auf Einladung des Berliner Paulo Freire Instituts tauschten sich Pädagog*innen aus Lateinamerika und Deutschland über ihre Vision einer kindgerechten Erziehung aus. Die Arbeit von Kolleg*innen in Honduras zeigt, wie die »Bildung als Praxis der Freiheit« aussehen kann, die der brasilianische Pädagoge Paulo Freire beschrieben hat

von Ilse Schimpf-Herken

Der Militärputsch gegen den Präsidenten von Honduras, Manuel Zelaya, fand 2009 unter den Augen und mit Duldung der vorgeblich so um Demokratie und Menschenrechte bemühten Obama-Administration statt. Seitdem sind Gewalt durch Sicherheitskräfte, die Einschüchterung von Oppositionellen und die Einschränkung der Bürger*innenrechte in Honduras an der Tagesordnung. Wenige hat es deshalb verwundert, dass die im November 2017 durchgeführten Präsidentschaftswahlen mit einem offensichtlichen Betrug endeten. Der Kandidat des nationalkonservativen Lagers, Juan Orlando Hernandez, wurde nach einer langen Hängepartie von der Wahlbehörde zum Sieger ausgerufen – und umgehend von der US-Regierung als Präsident anerkannt.

Aber es gibt nicht nur schlechte Nachrichten aus dem kleinen Land in Mittelamerika. Eine Gruppe von Pädagog*innen arbeitet, inspiriert von den Ideen Paulo Freires, am Aufbau einer Zivilgesellschaft, die sich der Militärherrschaft mutig entgegenstellt und die Basis legt für eine friedliche und solidarische Zukunft. Die Mathematiklehrerin Lupita Muñoz Cruz ist eine von ihnen. Sie arbeitet an einer Schule in Erandique, einem kleinen Dorf, gelegen in einer idyllischen Hügellandschaft zwischen Kaffeeplantagen und dichtem Urwald.

Der Schulleiter fürchtete den Autoritätsverlust

Es führen nur Sandpisten nach Erandique, das neben zwei Kirchen und einer staatlichen Grund- und Sekundarschule keine größeren Handwerksbetriebe oder andere Einnahmenquellen besitzt. Die 4.000 Einwohner*innen arbeiten im Kaffeeanbau oder im Kleingewerbe oder werden durch Überweisungen aus dem Ausland unterstützt.

Im Jahr 2007 war Lupita Muñoz Cruz nach einem Jahr Studienaufenthalt am Paulo Freire Institut in ihr Heimatdorf Erandique zurückgekehrt, um hier gemeinsam mit ihren Kolleg*innen und den Schüler*innen den Unterricht lebensnäher und interaktiver zu gestalten. Der Rahmen war eng gesteckt, denn der Schulleiter befürchtete einen Autoritätsverlust. Er schüchterte die Lehrkräfte so ein, dass sich drei von ihnen in psychiatrische Behandlung begeben mussten. So reifte bei mehreren Kolleg*innen der Entschluss, die Schule zu verlassen, auch wenn sie hierfür ihren Beamt*innenstatus und ihr sicheres Gehalt aufgeben mussten. Im Jahr 2014 kam es endgültig zum Bruch und die neue Schule wurde mit den Papieren einer kurz zuvor geschlossenen Privatschule gegründet. Ein Geschenk des Himmels sozusagen!

Als die Kolleg*innen in der schwersten Zeit der Repression ängstlich und depressiv geworden waren, forderten ehemalige Schüler*innen sie auf, Mut zu schöpfen und eine andere Schule zu denken. Sie begannen, sich im Haus von Lupita zu treffen, um über ihre Träume von einem besseren Leben zu sprechen. Viele von ihnen hatten aufgrund der Armut ihrer Familien die Schule vorzeitig verlassen müssen und träumten von einer Weiterbildung. Andere sprachen über die Gewalt in ihren Familien und die damit verbundene Ausweglosigkeit, besonders für die Frauen.

All diese Gespräche und Selbstzeugnisse wurden gespeist von dem Wunsch, selber eine Schule auf der Grundlage eigener Lebenserfahrungen zu begründen. Es sollte eine Schule der Vielfalt sein, eine Schule, in der den Anderen zugehört und vertraut würde, damit sie ihr »Wort entdecken« (Freire) können. Unterricht in diesem Kontext kann nicht frontal sein. Szenisches Spiel, Kunst und Musik sind wichtige Hilfen, um jedem Kind den Zugang zu sich selbst und den Anderen zu ermöglichen. Das kann genauso gut im Fachunterricht stattfinden, wie das folgende Beispiel aus dem Englischunterricht zeigt, das eine Besucher*innengruppe aus Berlin an Weihnachten 2016 erleben durfte.

Eine Schule der Vielfalt

Felipe ist ein gehörloser Junge voller Lebenslust und Fröhlichkeit. Er spielt Flöte, tanzt in einer Folkloregruppe und hat seine Mitschüler*innen durch seine intensive Kommunikationsbereitschaft angesteckt, die Zeichensprache zu erlernen. Als die Kinder jetzt vor Weihnachten für uns zur Begrüßung etwas vorsingen sollten, wählten sie »Silent Night« aus und begleiteten ihr Singen mit der Zeichensprache. Felipe stand in einer Reihe mit ihnen und schwang die Melodie mit den Armen mit. Die Lehrerin ergänzte später, dass dieses Kind durch seine vielseitige Beziehungsfähigkeit eine große Bereicherung für das Lernen der anderen Schüler*innen sei. Die traditionelle Schule versteht sich als Ort der Wissensvermittlung, die Lehrkraft weiß alles und der*die Schüler*in wird belehrt. Dafür gibt es Unterrichtsfächer, die ihrer eigenen Logik entsprechen. Dafür gibt es einen zeitlichen Rhythmus, in dem gelernt werden soll. Disziplinierung im Ordnunghalten und im Sich-Unterordnen sind wichtige Sozialisierungsmuster der »Bankierserziehung«, wie Freire sie kritisiert. Mit dieser Oktroyierung schulischen Lernens geht eine Verdrängung beziehungsweise Negierung des Eigenen, der familiären Werte, des kulturellen Wissens einher. Sie haben im Unterricht kaum einen Platz und stellen keine Verbindung zu der Lebenssituation der Lernenden her.

Ein Beispiel hierfür gibt Carlota, deren Eltern zu der indigenen Ethnie der Lenca gehören, die zum Studium in die Stadt geschickt worden war und sich seither kaum mit ihrer Herkunft auseinandergesetzt hatte. Erst wegen ihrer kleinen Tochter ist sie nach Erandique zurückgekehrt und übt ihren Beruf mit großem Engagement aus. Bei einer kleinen Fortbildung, die drei Kolleg*innen des Paulo Freire Instituts im Dezember 2016 in Erandique zum Thema »Dekolonialisierung des Wissens« durchgeführt haben, kam es zu einer bedeutungsvollen Begegnung. Weil wir die Pädagog*innen nach dem Lernen in ihrer Kindheit befragten und uns in der Gruppe gegenseitig zuhörten, entstanden Geschichten und Erinnerungen, die niemand erwartet hätte. Die Erzählungen wurden immer dichter und emotionaler, und es war spürbar, welch ein großes Glück es für Carlota war, sich der eigenen Vergangenheit anzunähern.

Ein selbstgebautes Schulhaus als Ausdruck des »buen vivir«

Da die Schule in Erandique nie über ein eigenes Schulgebäude verfügt hat und das provisorisch angemietete Wohnhaus aus allen Nähten platzt, hat die Suche nach anderen Räumen höchste Priorität. So haben sich die Kolleg*innen mit den Schüler*innen auf den Weg gemacht, ein Schulgebäude zu erdenken, das ihrer Pädagogik entspricht und mit eigener Tatkraft in gemeinsamer Arbeit entstehen kann. Die Wände sollen aus Lehmziegeln (adobe) gebaut werden, das Gebäude soll offen für die Umwelt bleiben. Es soll nur noch wenig Unterricht in geschlossenen Klassenzimmern stattfinden. Die Kinder sollen im eigenen Garten Gemüse anbauen können und nach und nach alles erleben, erfahren und theoretisch und praktisch lernen, was notwendig für ein glückliches Leben ist.

»Buen vivir« nennen die Menschen in Lateinamerika dieses Lebenskonzept. Es ist ein Ausdruck des Zusammenwirkens von lokalem Wissen mit dem dialogisch sich entwickelnden pädagogischen Konzept der Schulgemeinschaft. Seit Wochen entwerfen die Schüler*innen selber ein Bild ihrer idealen Schule, die Eltern werden hinzugezogen, sodass ganz unterschiedliches Know-how zusammenkommt. Mitte Dezember 2017 haben sich 30 Freund*innen Paulo Freires aus Honduras, Guatemala, El Salvador und Deutschland für vier Tage in Erandique getroffen, um den Ort für den Schulbau vorzubereiten und die ersten adobe-Ziegel unter Anleitung fachkundiger lokaler Handwerker herzustellen.

Es ist der Beginn eines langen Prozesses, in dem auch Berliner Pädagog*innen und Studierende erwünscht sind und gebraucht werden. Dekolonialisierung beschränkt sich nicht nur auf die Menschen in den Ländern des Südens, sondern ist auch eine Chance für uns alle, uns der Unterdrückungsstrukturen in unserer eigenen Gesellschaft bewusst zu werden und im Lernen und im Austausch mit den Menschen in Erandique in einen fruchtbaren Dialog zu treten. Dieser Globalisierungsprozess von unten wartet auf Mitgestalter*innen.