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Anita Burchardt: Schaut durch meine Augen

bbz 12 / 2018

»Schaut durch meine Augen«

Auf ihrer Bundesjugendkonferenz schaffen sich Rom*nja und Sinti*zze Raum für Entfaltung und Zusammenhalt

von Anita Burchardt

Ende Oktober fand in Berlin-Wannsee die Bundesjugendkonferenz der Rom*nja und Sinti*zze 2018 statt. Die Bundesjugendkonferenz ist das größte bundesweite Zusammenkommen junger Rom*nja und Nicht-Rom*nja in Deutschland und war auch dieses Jahr ein großer Erfolg. In den zweitägigen Workshops und einer öffentlichen Podiumsdiskussion diskutierten die Teilnehmer*innen ihre Ziele und Visionen für eine solidarische Gesellschaft der Vielen und vernetzten sich, um dieser Vision gemeinsam näherzukommen.

Unser zentrales Anliegen für die Bundesjugendkonferenz 2018 war die Schaffung eines Raumes zur persönlichen Entfaltung und politischen Teilhabe der Jugendlichen. Das ist uns gelungen. Ein solcher Raum ist keine Selbstverständlichkeit. Das verdeutlichen die Geschehnisse seit August 2018 in Sachsen ebenso wie die sich verschärfenden rechtspopulistischen Debatten. Die rassistische Mobilisierung durch organisierte Neonazis und deren Unterstützer*innen in Politik und Gesellschaft schüren eine Stimmung der Angst. Dies betrifft alle Menschen, die nicht in ihr Menschenbild passen. Mit unserer Bundesjugendkonferenz setz-ten wir auch dieses Jahr ein deutliches Zeichen für ein Miteinander, das durch Solidarität statt gesellschaftliche Spaltung gekennzeichnet ist.

Die Individuen sehen

Das Motto der Bundesjugendkonferenz 2018 lautete: »Dikhen palal mire jakha!«, was sinngemäß mit »Schaut durch meine Augen!« übersetzt werden kann. Dies ist eine Einladung an Andere, die Welt vom Standpunkt junger Rom*nja und Sinti*zze aus zu betrachten und die eigene Perspektive zu erweitern. Wörtlich übersetzt bedeutet das romanessprachige Motto »Schaut hinter meine Augen!« und zielt stärker auf die individuellen Erfahrungen ab, welche junge Rom*nja und Sinti*zze machen. Die Wahrnehmung und Reduzierung von Rom*nja und Sinti*zze als Teil einer homogenen Gruppe aufzubrechen und zu differenzieren, ist eines unserer Anliegen. Denn nur so werden Stereotype und Vorurteile abgebaut.

Zu einem Ort des Empowerments für junge Rom*nja und Sinti*zze wurde die Bundesjugendkonferenz durch gemeinsames Lernen, kreative Prozesse, die Schaffung selbstbestimmter Selbstdarstellungen und nicht zuletzt jede Menge Spaß. Beispielhaft sei hier der Workshop »Deine Meinung zählt: Politische (Jugend)Partizipation« genannt. In dem sich die Teilnehmenden mit der Frage danach befassten, welche politischen Strategien zur Einbeziehung von Rom*nja es gebe und wie sinnvoll sie seien. Auf der öffentlichen Podiumsdiskussion am Sonntagabend disku-tierten sie dann als Expert*innen mit Susanna Kahlefeld (MdA Berlin, Bündnis 90/Die GRÜNEN). Die Jugendlichen fragten nach geplanten Maßnahmen gegen rassistische Diskriminierung von Rom*nja und Sinti*zze und nach einem Wahlrecht für in Deutschland lebende Rom*-nja ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Deutlich zeigte sich einmal mehr, wie viele Hürden es für eine politische Beteiligung junger Rom*nja und Sinti*zze gibt, unabhängig davon wie engagiert sie sind.

Am Montagmorgen präsentierten dann alle Teilnehmenden, was sie in den zweitä-gigen Workshops erarbeitet hatten. Zu Beginn erzählte die Überlebende des Nationalsozialismus und Aktivistin Rita Prigmore aus ihrem Leben. Alle Anwesenden waren tief bewegt und bedankten sich von Herzen.

Im Anschluss hieß es Abschied nehmen. Die Jugendlichen fuhren mit neuen Erfahrungen, schönen Erinnerungen und der Vorfreude auf ein Wiedersehen nach Hause. Aus Sicht der Teamer*innen und Organisator*innen bleibt vor allem das Gefühl der Dankbarkeit und Wertschätzung für das große Engagement der Jugendlichen. Viele von ihnen befinden sich aufgrund von drohender Abschiebung und dem andauernden Kampf um ihr Recht auf einen Aufenthalt in einer überaus schwierigen Situation.

Dennoch bringen sie die Kraft auf, sich bei Amaro Drom e.V. und ihren lokalen Initiativen politisch zu engagieren. Wir werden die Jugendlichen mit großer Freude weiter dabei unterstützen, ihre Motivation und Stärke zu behalten.

Die Bundesjugendkonferenz findet jährlich im Rahmen des Amaro Drom-Projekts »Dikhen amen! Seht uns!« statt. 2018 wurde die Veranstaltung in Kooperation mit Amaro Foro e.V. organisiert und mit großer Unter-stützung durch Terne Rroma Südniedersachsen e.V., die Roma-Jugend Initiative Northeim sowie Romano Sumnal e.V. aus Sachsen umgesetzt.