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U. Höpfner / D. Mücke: Gewerkschaftliches Engagement lohnt sich

bbz 12 / 2018

Gewerkschaftliches Engagement lohnt sich

Sich gegen die Diskriminierung von weiblicher und männlicher Homosexualität einzusetzen – so lautete das Ziel der AG Schwule Lehrer bei ihrer Gründung. Was hat sich in 40 Jahren getan?

von Ulf Höpfner und Detlef Mücke

Die »AG homosexuelle Lehrer« war bei ihrer Gründung vor 40 Jahren die er-ste ihrer Art in ganz Deutschland. Im Oktober 1980 erreichte sie einen bundesweit wegweisenden Beschluss des Gewerkschaftstages der GEW. Wir haben uns unsere Forderungen von damals noch einmal genauer angeschaut.

Der Beschluss war in drei Teile gegliedert: Der Teil A sollte das Selbstverständnis der GEW bezüglich der damals noch sehr stark umstrittenen Akzeptanz von Homosexualität und natürlich erst recht von homosexuellen Lehrkräften klären. Viele Menschen damals, auch Kolleg*innen, gingen wie selbstverständlich davon aus, dass einvernehmliche Homosexualität von Erwachsenen krankhaft sei. Die Weltgesundheitsorganisation strich »Homosexualität« erst 1992 als Krankheit. Strafrechtliche Relevanz hatte sie in eingeschränkter Form immer noch bis 1994. Der Kontakt von Homosexuellen mit Kindern und Jugendlichen, erst recht in der Schule, war hochgradig vorurteilsbelastet. In diesem Klima sollte für die GEW ab sofort gelten: »Die GEW sieht es als ihre Aufgabe an, sich für den Abbau der bestehenden Diskriminierung von weiblicher und männlicher Homosexualität und von lesbischen Frauen und homosexuellen Männern im Erziehungsbereich einzusetzen.« Von dieser grundsätzlichen Feststellung hingen alle weiteren Detailforderungen ab.

Teil B richtete sich nach innen an die GEW-Landesverbände selbst. »Die GEW unterstützt Initiativen von homosexuellen Lehrern und Erziehern/lesbischen Lehrerinnen und Erzieherinnen, sich in der GEW in Arbeitsgruppen zu organisieren.« Gibt es heute fast 40 Jahre später diese Arbeitsgruppen? Jein! Während in Berlin die AG Schwule Lehrer kontinuierlich seit 40 Jahren arbeitet, kam es im Laufe der Jahre zu immer mehr AG-Gründungen. In Berlin und in Baden-Württemberg folgten bald AGs lesbischer Lehrerinnen. In vielen anderen Bundesländern dauerte es noch sehr lange: Erst innerhalb der letzten 20 Jahre etablierten sich in Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Hessen und Rheinland-Pfalz stabile Arbeitsgruppen, vor kurzem erst schwule AGs auch in Baden-Württemberg und Bayern. Besonders stolz kann die GEW jedoch auf eine sehr wichtige Arbeitsgruppe sein: Die Bundes-AG Lsbti*, angesiedelt direkt beim Hauptvorstand, in der ehrenamtliche Aktive aus vielen Bundesländern arbeiten, kann auf ein stattliches Arbeitspensum innerhalb der letzten 20 Jahre zurückblicken. Im Teil C wurde es dann konkret. Die GEW formulierte neun Forderungen. Sind diese heute umgesetzt?

  1. Gleichberechtigte, gleichwertige und nicht abwertende Darstellung von Hetero- und Homosexualitäten in den Rahmenlehrplänen: Das ist bis heute keineswegs vollständig umgesetzt. Die diskriminierungsarme Anpassung der Rahmenpläne an den aktuellen Stand der Sexualwissenschaft bleibt eine Daueraufgabe. Grundsätzlich jedoch stellt die derzeitige Rahmenplan-Situation einen deutlichen Fortschritt dar.
  2. Diskriminierende Schulbücher und Medien raus aus der Schule: Ja, üble oder hetzerische Dar-stellungen von Homosexualität gibt es heute nicht mehr. Lehrfilme, in denen Pädophilie und Homosexualität gleichgesetzt werden, auch nicht. Allerdings sind bis heute Darstellungen von lsbti*Personen sowohl in Text als auch im Bild häufig nicht diskriminierungssensibel, stigmatisierend und vorurteilsfördernd.
  3. Verfolgung von lsbti*-Personen in der nationalsozialistischen Diktatur im Unterricht vermitteln: Bis heute ist es keineswegs selbstverständlich, dass Schüler*innen im Schulunterricht erfahren, dass lsbti*-Personen im Nationalsozialismus schwersten Verfolgungen, bis hin zur systematischen Ermordung ausgesetzt waren und vor allem in der Bundes-republik die Verfolgung auf Grundlage des Naziparagraphen §175 gegen homosexuelle Männer noch jahrzehntelang fortgesetzt wurde. Es bleibt weiterhin dem Engagement der einzelnen Lehrkräfte überlassen, ob ihre Schüler*innen diesen Bereich der deutschen Geschichte kennenlernen. Das Bewusstsein dafür ist jedoch gestiegen, Lehrmaterialien und Schulbuch-texte stehen dafür zur Verfügung.
  4. Lesbische und schwule Referent*innen in die Schule: In den meisten Bundesländern gibt es heute verschiedene lsbti*-»Aufklärungs-projekte«. In der Regel arbeiten diese nach dem Peer-to-Peer-Prinzip, also junge lsbti*Personen werden nach modernen Bildungsstandards ausgebildet, um mit Schüler-*innen zu lsbti*Themen methodisch-sinnvoll, sensibel und altersgemäß in Workshops arbeiten zu können. Oft sind diese Projekte stark nachgefragt und sind in vielen Schulen fester Bestandteil des Schullebens.
  5. Ausbildung der Lehrkräfte zu diskriminierungssensiblem Unterricht: Im Ausbildungshandbuch für das Referendariat ist inzwischen endlich vorgesehen, dass auch im Bereich von lsbti*-Themen gearbeitet wird. Eine entsprechende Evaluation müsste zeigen, ob dies tatsächlich in ausreichender Weise passiert und die neu ausgebildeten Lehrkräfte hinreichende lsbti*-Kompetenzen erwerben. In der Universitätsausbildung ist das Thema immer noch nicht obligatorisch. Das Angebot hierzu ist selbst an den Berliner Hochschulen dünn.
  6. Homosexualität darf kein Anlass für dienstrechtliches Vorgehen sein: Das ist heutzutage ganz klar ausgeschlossen! Nicht ausgeschlossen ist leider, dass Vorgesetzte Kolleg*innen schikanieren oder unter Druck setzen. Die GEW-Personalräte sind hierzu geschult und wissen, wie in solchen Fällen zu handeln ist.
  7. Vorgesetzte müssen lesbische Lehrerinnen und schwule Lehrer im Rahmen ihrer Fürsorgepflicht schützen: Rechtlich eindeutig ja! Sollte es zu Diskriminierungen oder Angriffen auf eine Lehrkraft auf Grund ihrer sexuellen Orien-tierung oder geschlechtlichen Identität kommen, müssen die Schulleitung und die Schulaufsicht handeln. Dass es zu Verletzungen dieser Fürsorgepflicht kommt, ist leider immer noch der Fall. Die GEW-Personalräte sind die richtigen Ansprechpersonen.
  8. Schwulen und lesbischen Schüler*innen muss erlaubt sein, sich in der Schule als Gruppe zu finden und ihre Probleme zu artikulieren: Rechtlich steht dem heutzutage nichts im Weg. Überschätzt wurden damals vermutlich der Wille und die Kraft zum Engagement der lsbti*-Schüler*innen. Obwohl es nach fast 40 Jahren einfacher ist, kommt es sehr selten dazu, dass Schüler*innen von sich heraus organisierte Gruppen an der Schule bilden. Ein Grund ist sicher auch, dass auch heute in den Schulen häufig ein diskriminierendes, nicht akzeptierendes Klima konserviert geblieben ist. Die meisten lsbti*-Personen haben zwar ihr Comingout während der Zeit des Schulbesuchs, in der Schule outen sie sich aber immer noch nicht.
  9. Keine Zensur der Schüler*innen-Initiativen durch Kultusbehörden, sondern Unterstützung: Es gibt wohl keine nennenswerte Zensur durch die Kultusbehörden mehr, aber auch wenige eigene Aktivitäten von lsbti*-Schüler*innengruppen. Politisch aktive lsbti*-Schüler*innen engagieren sich häufig eher außerhalb der Schule. Und nicht zu unterschätzen: an immer mehr Schulen finden im Rahmen von AGs, Queer-Straight-Alliances, Queer-History-Month oder Projekttagen Veranstaltungen mit der Sichtbarmachung schwulen, lesbischen, queeren Lebens statt. Es wurde also wirklich erreicht, dass hier ein Paradigmenwechsel stattfindet.

Wichtigste Erkenntnis bei der Auswertung des alten Beschlusses: Viele der Forderungen von vor 40 Jahren haben Früchte getragen. Gewerkschaftliches Engagement lohnt sich! Dennoch haben einige Forderungen an Aktualität kaum eingebüßt, weil sich zwar die Rechtslage geändert hat, aber noch immer nicht die gesellschaftliche Akzeptanz. Heute protestieren die AfD und »besorgte Eltern« auf der »Demo für Alle« gegen »Frühsexualisierung« und »Genderwahn«. Aber auch die CDU distanziert sich: »Fragen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt gehören nicht in die Berliner Kindertagesstätten", begründet im Februar 2018 der CDU-Fraktionsvorsitzende Florian Graf den Antrag, die Verteilung einer Handreichung für Kita-Fachkräfte zum Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt zu stoppen.

Eine Weiterentwicklung der alten Forderungen ist nötig, bedenkt man, dass die For-mulierungen von damals eine stark an bi-näre Geschlechtsmodelle geknüpfte Denkweise reflektieren. Nonbinäres, queeres Denken und intersektionale Erziehungskonzepte waren damals außerhalb des »homo-politisch« Denkbaren. Sie stehen aber keineswegs im Widerspruch zu den Forderungen von damals.