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Hans-Wolfgang Nickel: Theateraufführung kritisch gesehen

bbz 01-02 / 2019

 

»Dschabber« im Grips: Fatima, ein »Kopftuchmädchen« ist neu in die Schule von Jonas gekommen, weil es an ihrer Schule Angriffe gegen Muslim*innen gab. In vorzüglich formulierten und zauberhaft-berührend gespielten Dialogen zwischen den beiden Jugendlichen entwickelt sich eine »Romeo und Julia«-Geschichte. Während wir aber bei Shakespeare Mercutio und Julias Amme, die Montagues und Capulets auf der Bühne erleben, werden die wichtigen Bezugspersonen und Lebensereignisse der beiden Jugendlichen in »Dschabber« nur genannt, aber nicht dargestellt, nicht vor Augen und Ohren der Zuschauenden gebracht: weder die Freundinnen des Mädchens, die sich selbst die »Dschabbers« nennen, auch nicht die Angriffe in ihrer alten Schule; nicht die streitenden Eltern des Jungen, nicht dessen Vater im Knast ... So bleiben die Hauptfiguren relativ »ortlos«, »unbestimmt«; ähnlich ortlos wie der »Park«, in dem sie sich treffen. Das heißt aber auch: Erscheinung und Verhalten der Jugendlichen können die Zuschauenden nicht auf deren Herkunft und Erfahrungen beziehen, mit ihnen zu denken, ist schwierig (ab 13).

»Vier sind hier« im Grips-Podewil: Groß und klein als Thema; ein Piano auf der Bühne und ein Mini-Klavier, das auch Töne produziert; eine Hose so groß, dass in jedes Hosenbein ein Schauspieler einsteigen kann, und – vor allem – ein riesiger Tisch auf der Bühne, auf den mit Hilfe von Stangen in akrobatischer Aktion ein Tischtuch platziert wird – und unter dem sich gegen Ende der Aufführung ein Großteil der kleinen Zuschauer*innen versammeln darf. Insgesamt ein großer Spaß mit vielen ungewöhnlichen Erfahrungen (ab 2).

»You are not the hero of this story« im Gorki: lauter gut gekleidete, ansehnliche »Herren« auf der Bühne, gespielt von Schauspielern und Schauspielerinnen. Munter miteinander parlierend kommen sie auf der schräg gestellten Spielfläche immer wieder ins Rutschen, nehmen erneut Anlauf, standfest zu werden, und verlieren wiederum ihre feste Position – vorbei mit der männlichen Herrlichkeit: in dieser »story« gibt es keinen »hero« mehr.

»Außer sich« im Gorki: eine verwirrende Welt aus Spiegeln und Glasscheiben (Bühnengestaltung Magda Willi), ein Ich auf der Suche nach sich selbst und seiner Geschichte (nach dem Roman von Sasha Marianna Salzmann), faszinierend inszeniert (Sebastian Nübling) und gespielt – ein bewegender Einblick in unsere Gegenwart am Beispiel einer jüdischen Familie und ihrer erzwungenen Wanderungen (beide Stücke ab Sek II).
Hans-Wolfgang Nickel