Mitgliederbereich

Passworthilfe

Lilo Martens: Unsere Doku: Lehrkräftemangel in Deutschland

bbz 01-02 / 2019

 

Szene 1: »Unterrichten statt Kellnern«
Ort: Eine Grundschule im sozialen Brennpunkt
Protagonistin: Sara (22) studiert Grundschulpädagogik an der FU; 1. Semester im Masterstudiengang

Regieanweisung: Sara immer noch recht nervös (Nahaufnahme zuckendes Augenlid) – heute 8. Schultag in der Grundschule – große Herausforderung! verständlich! Sara hat noch nicht das Praxissemester absolviert. Das kommt jetzt umso heftiger! Und bei so vielen lebhaften Kindern! – sind doch recht motorisch, die Kleinen – das wird schon! – Sara bittet hin und wieder echte Profis im Kollegium um Unterstützung – muss Sara erstmal suchen, da zwei Drittel Quereinsteiger im neuen »QuerBer-Programm« – »Quers« haben auch keine Erfahrung und immer viel zu tun – ganz schön anstrengend alles! fast noch mehr als Kellnern im Start-up Café »Durchstarten« – aber Anstrengung lohnt sich: 10 Wochenstunden Unterricht bringen mehr als Kellnern zum Mindestlohn – kleine Wohnung statt immerzu WG wäre auch nicht schlecht – jetzt also Lesen, Schreiben, Rechnen beibringen – Sara erinnert sich an jüngere Geschwister (Foto einblenden) – hat ihnen bei den Hausaufgaben geholfen, war gar nicht sooo schwer: Schreiben nach Gehör – na, geht doch! – Hauptproblem: Kommunikation mit Kindern, die zuhause nur Arabisch sprechen, und nicht in der Kita waren – Geflüchtete halt! – O-Ton von Saras Kollegin: »Ist hier normal. Das wird schon.« – leider keine Lehrkraft im Kollegium mit arabischer Erstsprache! könnte hilfreich sein! – Was tun? – Schülerin B. (7 Jahre) hilft manchmal mit Übersetzen, total süß! – ob’s korrekt ist, ist eine andere Frage – kann keiner wissen –– Sara steht eigentlich mit Mathe auf Kriegsfuß – Mathe muss aber sein – gut, dass Sara Grundrechenarten beherrscht, reicht hier wohl – Hoffnung, vielleicht aufs Neigungsfach Musik umzusteigen – spielt ja gerne Gitarre – das wird schon!

- CUT –

Szene 2: »Kellnern statt Unterrichten«
Ort: Café »Durchstarten« (Prenzlauer Berg)
Protagonist: geflüchteter Pädagoge Herr Bari (41) aus Aleppo (Syrien), Fach: Mathe mit langjähriger Berufserfahrung; seit 3 Jahren in Deutschland

Regieanweisung: Herr Bari beim Kellnern – dabei lernt man auch Deutsch – nette Kolleginnen und Kollegen, aber große Hektik – Bari hatte Glück mit dem Job, Studentin namens S. hat kurzfristig gekündigt, unterrichtet jetzt in der Grundschule – Flucht aus Syrien im letzten Augenblick (überlebensnotwendig), immerhin mit Dokumenten – nützen hier nicht viel – O-Ton Bari, stolz: (Nahaufnahme Gesicht): »Bin schon bei C1.« – langer Weg dorthin: BAMF-Kurse, Volkshochschule – Anstrengung lohnt sich! – Bari wohnt in einer WG in einem Zimmer, hat da auch viel Deutsch gelernt, sehr nette Mitbewohner – die konnten ihm auch nicht erklären, wann man integriert ist – eine kleine Wohnung wäre schon ein Traum, aber das geht nicht in Berlin mit Mindestlohn, es gibt zu wenig finanzierbare Wohnungen – für Syrer noch schwieriger – könnte er sich ja teilen mit einem Freund – Bari hilft manchmal mit der Sprache, wenn arabische Gäste im Café nicht klarkommen, die freuen sich dann – das tut gut! – würde seine pädagogische Berufserfahrung so gerne in der Schule einbringen – wie früher – Kindern Mathe beibringen ist seine Sache – andere Zeiten halt (Fotos einspielen: Aleppo früher und heute) – Bari wundert sich: es sollen so viele Lehrkräfte in Berlin fehlen, sogar in Mathe – Bari hat gehört, dass Arabisch als muttersprachlicher Unterricht und sogar als Fremdsprache angeboten werden soll – Super! Passt doch! – aber QuerBer nur für Leute mit C2 – O-Ton Bari: »Das ist das höchste Niveau, aber ich schaffe das schon. Carpe diem! Anstrengung lohnt sich!« – Bari irrt: Es gibt -keinen Anpassungslehrgang mit Sprachkurs für geflüchtete Lehrkräfte – wird wohl doch nichts ...

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht zufällig. Der Verdacht, es könne sich hier um institutionelle Diskriminierung handeln, wäre nicht ganz unbegründet.

Lilo Martens, LAMA der GEW BERLIN