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Thea Nesyba: Kooperationszeit ist Arbeitszeit

bbz 01-02 / 2019

Es ist wichtig, endlich die notwendigen Rahmenbedingungen für multiprofessionelle Teamarbeit zu schaffen

von Thea Nesyba

Unterrichten, diagnostizieren, beraten, korrigieren, koordinieren – an inklusiven Schulen fallen viele Aufgaben an. Multiprofessionelle Teamarbeit wird als Lösung gesehen, um der Vielfalt in der Schule gerecht zu werden. Zudem ist die Kooperation ein Faktor, der zur Gesundheit von Lehrkräften beitragen kann. Doch wie kann man die Zusammenarbeit in der Praxis stärken?

Formen der Kooperation von Lehrkräften werden in der Forschungsliteratur in drei Niveaustufen eingeteilt. Auf der niedrigsten Stufe der Kooperationsbeziehungen steht der Austausch von Materialien, also wenn Lehrkräfte Arbeitsblätter weitergeben oder sich gegenseitig Literatur ausleihen. Eine engere Zusammenarbeit findet auf der zweiten Stufe statt. Diese ist erreicht, wenn Lehrkräfte sich die Arbeit aufteilen, also zum Beispiel arbeitsteilig bei der Erstellung und Korrektur von Prüfungen vorgehen. Die höchste Stufe der Zusammenarbeit wird als Ko-Konstruktion bezeichnet. Wie im Namen bereits anklingt, bringen sich bei dieser Form alle Beteiligten mit ihrer jeweiligen Expertise ein, um die Lösung eines Problems gemeinsam zu gestalten. Das passiert, wenn Lehrkräfte ihren Unterricht gegenseitig besuchen und sich Feedback geben, wenn sie die Förderplanung im Team durchführen oder wenn sie ganze Unterrichtseinheiten gemeinsam planen. Da es bei dieser Form der Zusammenarbeit zu einem Wissensaustausch kommt, gilt sie als besonders produktiv, allerdings geht sie auch mit einem höheren Arbeitsaufwand einher.

Unterrichtsermäßigung für Teamarbeit

Für die inklusive Schule wäre eine Zusammenarbeit auf allen drei Stufen notwendig. Meistens werden aber nur die ersten beiden Stufen erreicht. Woran liegt das? Die Zusammenarbeit im Team scheitert oft daran, dass schlicht die Zeit dafür fehlt. Zeit ist im hektischen Schulalltag ein knappes Gut. Zwischen Klassenfahrten, MSA-Prüfungen und Zeugnisvergabe gibt es oft so viel zu erledigen, dass wenig Zeit übrig bleibt, um sich in Ruhe im Team zusammenzusetzen und die Kräfte zu bündeln.

Zeiten für die Absprache werden bisher praktisch nie bei der Stundenanrechnung berücksichtigt, sondern laufen »on top« aufs Deputat. Wenn überhaupt Stunden abgegolten werden, dann basiert dies meist auf schulinternen Regelungen. Diese sind aber aus zwei Gründen problematisch. Zum einen ist für Anrechnungsstunden in der Regel von der Schulverwaltung genau festgelegt, wofür sie verwendet werden dürfen, wie zum Beispiel für die Klassenleitung. Schulen haben somit keine komplette Entscheidungsfreiheit. Sie können lediglich über die Anwendung dieser Stunden entscheiden, nicht aber über die inhaltliche Ausgestaltung. Damit bewegen sich die internen Vereinbarungen, die eine Unterrichtsermäßigung speziell für die Teamarbeit vorsehen, rechtlich in einer Grauzone.

Zum anderen sind schulinterne Regelungen für die involvierten Kolleg*innen oft wenig verlässlich, weil sie von der Entscheidung der Schulleitung abhängig sind. Ein festes Zeitkontingent, das für die Kooperationsarbeit zur Verfügung steht, könnte hier Sicherheit schaffen.

Wenn multiprofessionelle Zusammenarbeit schulpolitisch gewollt ist, dann muss auch anerkannt werden, dass das nichts ist, was man mal eben auf dem Schulflur, auf dem Weg zum Auto oder zu Hause am Telefon erledigt. Dafür braucht es eine rechtlich verankerte Teamstunde. Längst überfällig ist daher die Kooperationsstunde an Schulen und zwar eine Stunde Unterrichtsermäßigung aufs Deputat. Kein Unterricht, sondern eine Stunde, die allen zu Gute kommt. Eine Stunde für teaminterne Absprachen oder für die gemeinsame Förderplanung im Team. Eine Stunde, in der schwierige Fälle besprochen werden können oder der Unterricht fürs nächste Halbjahr weiterentwickelt wird.

Wenn wir uns all diese Aufgaben vor Auge führen, merken wir, dass eine Stunde pro Woche dafür das absolute Minimum ist. Unleugbar ist aber auch, dass die Kooperationsstunde das Potenzial hat, zum Motor der inklusiven Schule zu werden.