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Vanessa Jahn: Neue Herausforderungen im Ganztag

bbz 01-02 / 2019

Der Wegfall der Bedarfsprüfung wird für Probleme sorgen

von Vanessa Jahn

Ab dem 1. August 2019 fallen in Berlin die Bedarfsprüfung sowie die Kostenbeteiligung für die ergänzende Förderung und Betreuung im Ganztag (Hort) und in den Ferien bis 16 Uhr für Grundschüler*innen der ersten und zweiten Klasse weg. Diese sinnvolle Investition stellt uns vor größere Herausforderungen, denn bereits heute rechnet die Senatsverwaltung mit über 9.000 zusätzlichen Schüler*innen im Nachmittagsbereich. Diese Zahl wird sich, auch wegen der ebenfalls neuen Kostenbefreiung für das Schulmittagessen, eher noch erhöhen.

Für einige Schulen beginnt die Schwierigkeit mit den räumlichen Gegebenheiten. Nicht jede Schule hat die Kapazitäten, alle Kinder, die dann einen Betreuungsanspruch haben, unterzubringen. Manchen Schulen fehlt sogar eine Mensa. Eine Doppelnutzung der Räume kommt auch nicht automatisch in Betracht. Viele Klassenräume sind so ausgestattet, dass sich die ergänzende Betreuung schwierig gestaltet.

Die Kinder brauchen am Nachmittag etwas anderes als einen Sitzplatz am Tisch. Zu dem kann am Nachmittag ein Raum, der zum Beispiel im Sommer mittags für den Unterricht als zu heiß befunden wurde, nicht plötzlich für den Ganztag genutzt werden. Wer auf die angekündigten baulichen Maßnahmen hofft, dem sei gesagt: selbst wenn das Geld zur Verfügung gestellt würde, werden zum Schuljahr 2019/20 die nötigen Räume bestimmt nicht bereitstehen.

Mit offenen Fragen in die Ferien

Nicht nur der Schulalltag wird herausfordernd werden, sondern auch die Ferienbetreuung. Bisher arbeiteten zwei, drei Grundschulen im Verbund zusammen. Das bedeutet konkret: in den Ferien ist eine Schule offen, die anderen geschlossen. Alle Kinder werden von den Kolleg*innen aus den Verbundschulen an der geöffneten Schule betreut. Dieses System garantiert, dass die Erzieher*innen ihre Urlaubsansprüche in den Ferien wahrnehmen können, da immer genug Kolleg*innen für die Ferienbetreuung zur Verfügung stehen.

Die Ungewissheit, wie viele Eltern ab dem neuen Schuljahr für ihre Kinder tatsächlich eine Ferienbetreuung beanspruchen werden, sorgt für große Planungs- und Personalunsicherheiten. Können wir uns auf die Ferienabfragen verlassen? Wenn sich aufgrund der steigenden Schüler*innenzahl, jede Schule selbstständig um die Ferienbetreuung kümmern muss, dann werden die Kolleg*innen den Urlaub nicht mehr ausschließlich in die Ferien legen können. Im Umkehrschluss bedeutet es, dass verstärkt Erzieher*innen während des Schulalltags ihren Urlaub nehmen müssen. Das verschärft die ohnehin schon angespannte Personalsituation.

Es kann dem Senat nicht entgangen sein, dass wir einen äußerst brisanten Fachkräftemangel an Erzieher*innen haben und daher nicht mal eben so die benötigten Kolleg*innen einstellen können. Alleine in den Kitas sind derzeit mindestens 5.000 Plätze trotz Betriebserlaubnis ungenutzt, weil keine Erzieher*innen vorhanden sind. Auch wenn die Personalsituation in den Schulen noch besser ist, wird sich die Erzieher*innenkrise auch hier verschärfen. Bei der Arbeitsbelastung und Entlohnung ist die Besetzung der offenen Stellen ein utopisches Ziel.

Ich würde mir wünschen, dass der Senat neue Beschlüsse fasst, die nicht nur auf dem Papier gut klingen und für den Wahlkampf relevant sind, sondern sich im Vorfeld darüber Gedanken macht, wie diese umgesetzt und finanziert werden können.

Gemeinsam mit Neuköllner Kolleg*innen hat die Autorin ihre Forderungen auch in einem offenen Brief formuliert, den der Personalrat Neukölln unterstützt.