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Martin Mnich: Geht Inklusion am Gymnasium?

bbz 01-02 / 2019

Das Gymnasium bildet gemeinsam mit dem Förderzentrum Geistige Entwicklung die beiden extremen Pole des Inklusionsspektrums ab. Ihre Gemeinsamkeiten sind dabei nicht sofort sichtbar

von Martin Mnich

Auch an Gymnasien ist zieldifferenzierter Unterricht die Regel, durch die große Heterogenität der Schulpflichtigen werden Toleranz und Rücksichtnahme en passant eingeübt. Auch hier arbeiten genügend Sozialarbeiter*innen, Sonderpädagog*innen und andere Fachkräfte. Alle Lernenden und Lehrenden profitieren von kleineren Klassen und auch Hochbegabte können nun kontinuierlich gefördert werden. Burnout bei Lehrkräften kennt man wie die Pocken nur noch aus medizinhistorischen Lehrbüchern. Wann wird man das alles sagen können, ohne lügen zu müssen?

Während Annedore Sprengels wegweisendes Werk »Pädagogik der Vielfalt« schon vor weit über 20 Jahren veröffentlicht wurde, erleben wir in Berliner Gymnasien anno domini 2018 folgende Situation: Im kleinen Klassenraum sitzen dem Schulgesetz entsprechend 32 Schüler*innen, Abweichungen nach oben sind keine Seltenheit. Dass so viele Tische in viele Räume gar nicht hineinpassen und außerdem Brandschutzbestimmungen ad absurdum führen können, scheint irrelevant. Meistens fehle ja doch irgendjemand, scheint das Motto der Verantwortlichen zu sein. Und wenn eines schönen Tages tatsächlich alle Kinder gleichzeitig anwesend sind, kann die Lehrkraft wenigstens ihre Kreativität und ihre Improvisationskunst unter Beweis stellen. Aber eine Didaktik, die Gruppentische, Räume der Stillarbeit und Räume des Austausches vorsieht, wird an diesem Tag scheitern.

Vielleicht wird es Teilungs- und Ausweichräume geben, wenn all die wunderschönen und ausreichend dimensionierten neuen Schulbauten errichtet und bezogen worden sein werden. Das ist so wahrscheinlich, wie die Verwendung des Futur II im Passiv häufig ist. Aber zumindest den Traum von barrierefreien Gebäuden als Regel und Grundbedingung für Inklusion wollen wir noch nicht aufgeben.

Dass es an Gymnasien kaum Sonderpädagog*innen gibt, ist dem Umstand geschuldet, dass an Grundschulen und integrierten Sekundarschulen der entsprechende Bedarf noch viel größer ist und auch dort nicht gedeckt werden kann. Diese Belastungen sind weder Schüler*innen noch Personal zuzumuten.

Dass Studienrät*innen und Assessor*innen des Lehramts über keine sonderpädagogische Qualifikation verfügen, ist bekannt. Vielleicht richten es ja Quereinsteiger-*innen, die neuerdings auch Seiteneinsteiger*innen genannt werden – nur damit niemand auf die Idee käme, die Bildungssenatorin arbeite nicht täglich an den grundlegenden Problemen der Berliner Schulen. Auch Schulhelfer*innen werden die pädagogische Lage nicht verbessern können, da es in der VV Schule Nr. 7/2011 eindeutig heißt: »Schulhelfer übernehmen keine erzieherischen oder pädagogischen Aufgaben.« Ihre Aufgabe ist die körperliche Pflege.

Gegen die Abschaffung des Gymnasiums durch die Hintertür

Dass die verkürzte Zeit zum Abitur und die vorgeschalteten Prüfungen zum MSA für Lehr- wie Schüler*innenschaft mit großen Belastungen verbunden sind, ist ebenso bekannt wie kontraproduktiv, wenn das Abitur humaner als das survival of the fittest sein soll. Wir wollen eine gelingende Inklusion an menschenfreundlichen Schulen, wie sie in Bezug auf eine heterogene Schüler*innenschaft an vielen Gymnasien bereits gelingt. Wir wollen uns aber nicht gegenseitig in die Taschen lügen, Inklusion simulieren und dabei eigentlich doch nur den Mangel verwalten.

Wogegen wir uns wehren, ist eine ideologische Abschaffung des Gymnasiums durch die Hintertür: Der wertvolle Inklusionsgedanke darf nicht als Trojanisches Pferd missbraucht werden. Dies führte nur zu Unzufriedenheit, Gewerkschaftsaustritten und damit einer Schwächung der GEW.

Warum die notwendigen personellen, sachlichen und räumlichen Bedingungen für gelingende Inklusion nicht geschaffen werden, sollte man in Berlin zunächst diejenigen fragen, die trotz unterschiedlicher Regierungskonstellation seit 1996 den Bildungssenat politisch führen. In all diesen Jahren gab es zwar diverse Umbenennungen der Senatsverwaltung (SenSJP, -BJS, -BWF, -BJW, -BJF), allein die Situation in den Klassenräumen hat sich zugespitzt. Was getan werden muss, ist hinlänglich bekannt und politisch oft genug versprochen worden. Eine Wiederholung wäre müßig. Die Kolleg*innen der Berliner Gymnasien warten wie alle anderen Lehrer*innen, Erzieher*innen, Sonderpädagog*innen und Sozialarbeiter*innen auf grundsätzliche Verbesserungen der Lernbedingungen. Dann klappt's auch mit der Inklusion.