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Passworthilfe

Stimmen aus der Praxis

bbz 01-02 / 2019

Anne Albers hat im Auftrag der bbz ihre Kolleg*innen an Berliner Gemeinschaftsschulen befragt. Wie erleben sie Inklusion im Unterrichtsalltag? Welchen Stellenwert messen sie der Inklusion bei? Was belastet, was entlastet sie? Was wünschen sie sich für die Zukunft?

Juliana Kattchin
hat ihr Referendariat in den Fächern Chemie und Politik am Gymnasium absolviert. Danach wurde sie 2014 von der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule gecastet.

Bei uns lernen alle Schüler*innen weitestgehend gemeinsam. Die Akzeptanz der Kinder untereinander und das Sozialverhalten innerhalb der Klassen sind meistens gut. Kinder mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung oder Lernen arbeiten temporär auch in der schuleigenen Lernwerkstatt. Es gibt pro Jahrgang meistens einen oder zwei Sonderpädagog*innen sowie Schulhelfer*innen. Die doppelt gesteckten Kolleg*innen machen den Kindern in Absprache mit den Fachkolleg*innen ein differenzierendes Unterrichtsangebot. Dadurch sind die Schüler*innen mit festgestelltem Förderbedarf ganz gut versorgt. Es ist für alle Beteiligten sehr schwierig, wenn die doppelt gesteckten Kolleg*innen anderswo Unterricht vertreten müssen und so für die Kinder mit Förderstatus nicht da sind. Das passiert leider viel zu oft!

Es belastet mich, dass ich zu wenig Zeit für Unterrichtsentwicklung und das Erstellen von gutem, differenziertem Unterrichtsmaterial habe. Mir fehlen an einigen Stellen geeignete Diagnoseinstrumente, leider war da die alte Lehramtsausbildung nur wenig hilfreich. Es fehlt auch die Zeit für Absprachen mit den doppeltgesteckten Kolleg*innen, obwohl ich die Teamarbeit eigentlich als entlastenden Faktor wahrnehme.

Um einen gut geplanten, differenzierenden Unterricht durchzuführen, wünsche ich mir mehr Zeit und Raum für eine gemeinsame Vorbereitung. Es braucht Luft im Alltag, um sich auch mal zur vertiefenden Planung zusammensetzen zu können. Diagnostik und Differenzierung müssen Schwerpunkt in der Ausbildung sein, auch für das Gymnasium. Ich wünsche mir, dass gemeinsames Lernen der Regelfall an allen Schulen wird.

Hannah Humboldt*
war schon als Zehnjährige von der Gesamtschule überzeugt und hat bei ihren Eltern durchgesetzt, dass sie nicht auf ein Gymnasium gehen muss. Heute arbeitet sie an einer Gemeinschaftsschule in Berlin.

In meiner neunten Klasse sind sehr starke Schülerinnen und Schüler, die ein gutes Abi machen werden. Und dann die ganze Bandbreite bis zu einer Schülerin, die bei uns das Einmaleins gelernt hat, Brötchen ordentlich zu schmieren und nicht in jeder Stunde einen Konflikt vom Zaun zu brechen, um zu überspielen, dass sie die Aufgaben der anderen nicht versteht.

Ich halte inklusive Schulen für die einzig richtige Schulform. Wichtig vor allem für diejenigen Kinder, die später Entscheidungsträger*innen werden. Ich denke, sie können keine guten Entscheidungen treffen, wenn sie nicht Freunde in der Klasse hatten, die auf Sozialleistungen angewiesen waren, Mitschüler*innen geholfen haben, die das Einmaleins auch mit 15 nicht kapiert haben und aushalten mussten, dass ein Kind einmal singend unter dem Tisch saß. Katastrophal ist es, Inklusion einführen zu wollen und gleichzeitig Gelder und Personal zu sparen und alle einfach allein zu lassen.

Es belastet mich, so viele Gespräche mit Eltern, Therapeut*innen und Kolleg*innen zu führen, den Unterricht auf drei oder fünf verschiedenen Niveaus vorzubereiten und trotzdem das Gefühl zu haben, den Kindern nicht gerecht zu werden. In den seltensten Fällen haben wir Unterstützung von einer zweiten Person im Unterricht. Es entlastet mich, mit Kolleg*innen zu sprechen, die mir offen sagen, dass sie mich verstehen und dass es ihnen genauso geht.

Vor vier Jahren hatten wir sechs Kinder mit festgestelltem Förderstatus im neunten Jahrgang. Jetzt haben wir oft schon so viele in einer Klasse. Inklusion funktioniert nur, wenn eine große Gruppe einige wenige Kinder integriert. Damit das klappt, müssten gleichzeitig mit den Förderschulen auch die Gymnasien abgeschafft werden, und es dürfen nicht mehr als zwei Kinder mit Förderstatus in einer Klasse sein.

Klaus Kielhorn*
hat eine sonderpädagogische Ausbildung und ist seit vier Jahren im Schuldienst. Er schätzt es, dass an der Gemeinschaftsschule besonders Wert auf seine Haltung als Pädagoge gelegt wird. Deshalb hat er sich bewusst für diese Schulform entschieden.

Für mich gibt es gar keine Alternative zur inklusiven Schule. Es ist ja ausreichend erforscht, wie stark vieles, was lange als »Behinderung« begriffen wurde, Ergebnis von Ausgrenzung und behinderten Entwicklungschancen ist. Ich freue mich immer sehr, wenn es mal gelingt, dass Schubladen wie Förderbedarfe oder Hintergründe keine Rolle spielen im Miteinander der Klasse. Aber wenn Inklusion weiter ein Sparmodell bleibt, die Förderzentren und Gymnasien erhalten werden und es kaum verbindliche Qualitätsstandards mit entsprechender personeller und struktureller Ausstattung gibt, wird es schwer.

»Inklusive« Schule fühlt sich in der Praxis manchmal nach »survival of the fittest« an. Für einige Jugendliche funktioniert das toll, weil sie unterstützende Lehrer*innen haben und tolle Freund*innen finden, die ihnen auch beim Lernen helfen. Da spielen die Förderbedarfe Lernen oder emotional-soziale Entwicklung dann manchmal kaum noch eine Rolle. Aber die meisten haben weniger Glück. Die sitzen dann jahrelang mit im Raum, verstehen nix, werden auffällig und verlassen die Schule im schlimmsten Fall ohne Abschluss und Perspektive.

Meine Arbeitsbedingungen sind leider sehr schlecht. Und das trotz großer Unterstützung durch das Kollegium. Ich bin als Sonderpädagoge alleine in einer vierzügigen Mittelstufe. Ich arbeite permanent zu viel und habe trotzdem ständig das Gefühl, zu versagen und Jugendliche »zu verlieren«. Der Schlüssel ist fast immer Beziehung. Und dafür habe ich einfach zu wenig Zeit. Nach Inklusion, nach einer spürbaren pädagogischen Vision, fühlt sich das nicht an.

Entlastet werde ich durch tolle Kolleg*innen, die Schüler*innen als Menschen sehen, mit Wünschen, Hoffnungen und oft sehr konkreten Sorgen. Durch Schüler*innen, die erstaunlich oft sehr sensibel wahr-nehmen, dass man sich in diesem starren System Schule für sie einsetzt.

Ich wünsche mir mehr Mut und mehr Wut bei den Kolleg*innen. Inklusion ist eine pädagogische Vision von sozialer Gerechtigkeit, die Schule wieder zu einem Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung macht. Armut und Ungerechtigkeit lassen sich nicht wegpädagogisieren. Dafür braucht es die Abschaffung aller Sondereinrichtungen, also der Gymnasien und der Förderzentren und eine auskömmliche sonderpädagogische Grundausstattung. Bessere Lernbedingungen für die Schüler*innen sind auch bessere Arbeitsbedingungen für die Pädagog*innen. Ich habe total Lust, dafür zu kämpfen. Inklusion ist so eine schöne Idee von Schule und Gesellschaft!

Heike Rosenmüller-Fichthorst
ist seit 1991 Lehrerin an der James-Krüss-Grundschule in Moabit. Im Jahr 2013 ist diese mit der Moses-Mendelssohn-Oberschule und dem Theodor-Heuss-Gymnasium zur neuen Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule fusioniert. Dadurch wurde Heike Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule.

Es gab schon in den 1990er Jahren sogenannte Integrationskinder an der Grundschule. Die Moses-Mendelssohn-Gesamtschule war eine der ersten Oberschulen, die Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen aufgenommen und gefördert hat. Trotzdem würde ich meine Schule nicht als inklusiv bezeichnen, denn dazu reicht das Engagement des pädagogischen Personals allein nicht aus.

Ich habe es immer wieder erlebt, dass Kinder, um die ich mich intensiv kümmern kann, eine besondere Lernmotivation entwickeln. Das führt oft zu regelrechten Leistungssprüngen. Dies wiederum spornt auch andere Kinder in der Klasse an und ist auch für mich motivierend. Außerdem gefallen mir die solidarische Komponente und der soziale Anspruch sowie das hohe Engagement vieler Kolleg*innen an meiner Schule.

Die Schulleitung bemüht sich redlich. Dennoch gibt es eine recht hohe Fluktuation beim Personal und wegen der Senatsvorgaben praktisch keine Vertretungsreserve und insgesamt zu wenig unterstützendes Personal. Bei den Räumen und deren Ausstattung sieht es noch schlimmer aus. Die Flure sind kalt, obwohl sie zeitweise für Einzelförderung genutzt werden müssen. Das täglich benötigte Arbeitsmaterial stapelt sich überall, es ist dreckig und teilweise marode. Die unnötige Bürokratie verstärkt die Belastung noch.

Die Bedingungen für inklusives Lernen waren schon immer schlecht, sind aber in letzter Zeit noch schlechter geworden. Die Klassen sind zu groß, es gibt zu wenig Unterstützung durch zusätzliches pädagogisches Personal. Es fehlt eine ausreichende Vertretungsreserve, damit nicht immer wieder Doppelsteckungen, Förderstunden und Teilungsunterricht wegfallen. Schließlich muss die Unterrichtsverpflichtung von 28 Stunden pro Woche unbedingt runter!