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Manuel Honisch im Interview mit Maren Loeppke: Eine ausgezeichnete Schule und die Last des Alltags

bbz 01-02 / 2019

Ein Interview mit der koordinierenden Sonderpädagogin Maren Loeppke

Interview: Manuel Honisch

Liebe Maren, die Erika-Mann-Schule liegt tief im Wedding. Für eure Arbeit im Brennpunkt wurdet ihr vielfach ausgezeichnet und im Jahr 2008 sogar für den deutschen Schulpreis nominiert. Was ist das besondere an eurem Konzept?
Loeppke: Wir haben ein theaterpädagogisches Schulprofil. Dieses Konzept betrachtet gerade die Vielfalt und Verschiedenheit unserer Kinder als Schatz. In der Improvisation machen die Kinder die Erfahrung »ich kann« und »jede*r kann etwas anderes«. Sie bringen sich mit ihren Gedanken und Gefühlen in die Theaterstücke ein. Durch Gestik, Mimik, Tanz und Sprache lernen die Kinder ihren Körper als ganzheitliches Element wahrzunehmen und sich auszudrücken. Und diese Erfahrung können die Kinder wiederum auf ihr schulisches Lernen übertragen. Wichtig ist auch unser Raumkonzept. Mit einer Architektin, ihren Studierenden und den Kindern wurden die Räume gemeinsam so geplant und gestaltet, dass sie im Unter-richt und in den Pausen vielfältig genutzt werden können.

Wie geht ihr mit der sprachlichen und sozialen Vielfalt im Kiez um?
Loeppke: Wir gehen davon aus, dass jeder Unterricht auch Sprachlernen ist. Nach dem Prinzip »von der Sache zur Sprache« arbeiten die Kinder im Werkstattunterricht an für sie relevanten Inhalten auf unterschiedlichen Niveaustufen. Ein Thema wird lernbereichsübergreifend und handlungsorientiert aus den verschiedensten Blickwinkeln behandelt. Unterschiedlichste Organisationsformen werden genutzt, um so möglichst nachhaltiges Lernen zu ermöglichen. Wir arbeiten jahrgangsübergreifend und können so jedes Kind da abholen, wo es steht. Bis zur vierten Klasse verzichten wir auf Noten.

Was versteht ihr unter Inklusion und wie fördert ihr die schwächeren Schüler*innen?
Loeppke: Inklusion heißt, dass jedes Kind auf seinem individuellen Leistungsniveau gesehen und gefördert wird. Jedes Kind soll in seinen Stärken wahrgenommen werden. Ob es ein Kind mit schwierigem Sprachhintergrund ist, ob es ein Kind ist, das in prekären Verhältnissen aufwächst, ob es sonderpädagogischen Förderbedarf hat oder nicht, spielt dann eine nachgeordnete Rolle.

Für die Förderung der Kinder ist Teamarbeit entscheidend. Lehrkräfte und Erzieher*innen arbeiten eng zusammen, die Schulsozialarbeit ist uns eine wichtige Stütze und die Eltern beziehen wir intensiv mit ein. Morgens in der ersten Stunde machen alle Kinder ihre Hausaufgaben, die so zu Schulaufgaben werden. Die Eltern sind eingeladen, ihre Kinder dabei zu begleiten. Sie sehen so, wie ihre Kinder arbeiten und unterstützen ihre eigenen und die anderen Kinder dabei.

Der Bezirk Mitte wollte noch vor vier Jahren eine ganze Schule schließen, um dadurch Geld zu sparen. Inzwischen herrscht massiver Platzmangel an den Grundschulen. Die Politik scheint völlig überrascht davon, dass vor sechs Jahren geborene Kinder heute einen Schulplatz brauchen. Wie ist die Lage bei euch?
Loeppke: Die jahrgangsübergreifenden Klassen 1/2/3 sind übervoll. In den letzten drei Jahren mussten immer wieder zusätzliche jahrgangshomogene Klassen eröffnet werden, weil so viele neue Erstklässler*innen untergebracht werden mussten. Der dafür notwendige Platz wurde durch die Rückführung von Räumen gewonnen, betroffen waren unter anderem die Lernwerkstatt, unser Computerraum und die Schulstation. Die Schließung der Lernwerkstatt stellt unser handlungsorientiertes Konzept in Frage. Der Umzug der Schulstation in kleinere Räume wirkt angesichts der wachsenden Schüler*innenzahl wie ein schlechter Witz.

Die Mensen befinden sich an ihrer Auslastungsgrenze, und auch die Pause wird immer mehr zu einer weiteren sozialen Herausforderung. Die Pausen wurden versetzt gestaltet, so dass sich die Zahl der Kinder auf dem Pausenhof halbiert. Dennoch besteht auf dem Pausenhof drangvolle Dichte, die immer mehr zu Konflikten aber auch Unfällen führt. Eine wesentliche Arbeitsbelastung, da die Aufsichten personell verstärkt werden müssen, um dieser Fülle zu begegnen.

Man muss leider sagen, dass von unserem ehemals ausgezeichneten Raumkonzept aktuell nicht mehr viel übrig ist.

Wie sieht es mit dem Personal aus?
Loeppke: Immer mehr Lehrer*innen verlassen den Bezirk, da die Belastungen kontinuierlich steigen. Eingesetzt werden jetzt viele Quereinsteigende, die ins kalte Wasser geworfen werden und in einer sogenannten Brennpunktschule wirklich Herausforderndes leisten müssen. Angeleitet werden müssen sie von den anderen Pädagog*innen, um nicht eine ganze Kindergeneration vor die Wand fahren zu lassen. Nicht anders sieht es bei den Erzieher*innen aus. Der Markt für Fachkräfte ist leergefegt. Inzwischen ist das Kollegium auf ungefähr 130 Personen gewachsen. Immer weniger lernt man sich kennen, da Ruhe und Zeit zum Austausch fehlen. Räume oder Arbeitsplätze, an denen in Ruhe, allein oder in Kleingruppen gearbeitet werden kann, stehen nicht zur Verfügung.

Du bist koordinierende Sonderpädagogin an deiner Schule. Was sind deine Aufgaben, und wie arbeitest du mit den anderen Pädagog*innen zusammen?
Loeppke: Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf müssen von den unterrichtenden Lehrkräften besonders im Blick behalten werden, in einer Gruppe von 25 Kindern oder mehr. Das ist ein sehr ambitionierter Auftrag. Ich berate die Kolleg*innen dabei und führe Hospitationen, Diagnostikverfahren und Beratungsgespräche durch. Ich helfe auch beim Schreiben der Förderpläne.
Die Senatsverwaltung hat einen neuen Leitfaden für die Überprüfung sonderpädagogischen Förderbedarfs veröffentlicht. Dadurch ist der Zeitaufwand für die Bearbeitung von Formularen sehr gestiegen. Ebenso benötigen Pädagog*innen und Eltern mehr Beratung. Als Sonderpädagogin habe ich auch die Aufgabe, die vielen an der Förderung eines Kindes beteiligten Fachkräfte innerhalb und außerhalb der Schule zu koordinieren. Dafür sind aber vom Senat keine zusätzlichen Zeitressourcen vorgesehen.

Die Erika-Mann-Schule war vom Senat als »inklusive Schwerpunktschule« vorgesehen. Ihr habt euch aber gegen diesen Plan ausgesprochen. Kannst du dazu etwas mehr erzählen?
Loeppke: Als inklusive Schwerpunktschule hätten wir uns auf einen Förderschwerpunkt spezialisieren müssen. In der Gesamtkonferenz haben wir diese Idee sehr intensiv diskutiert und uns am Ende dagegen entschieden. Zum einen hat uns die Festlegung auf einen Förderschwerpunkt nicht behagt, da dies unserer Definition von Inklusion widerspricht. Zum anderen waren wir nicht sicher, ob die vom Senat versprochenen Ressourcen auch so in der Schule ankommen würden und nicht wieder irgendwann zurückgenommen werden. Es hat sich ja leider an vielen anderen Stellen gezeigt, dass man sich auf die Zusagen der Verwaltung nicht verlassen kann.

Hast du denn wenigstens einen optimalen Arbeitsplatz und moderne Arbeitsmittel? Die Kassen des Finanzsenators sind prall gefüllt und es dürfte also an Laptop, Drucker und aktuellem Diagnostikmaterial nicht fehlen.
Loeppke: Als koordinierende Sonderpädagogin sitze ich im ehemaligen Schulleiterzimmer mit den Konrektoren und der Verwaltungsleiterin zusammen. Alle drei Kolleg*innen haben Publikumsverkehr. Nebenbei klingeln drei Telefone. Die Durchführung von Diagnostikverfahren ist hier nicht möglich, dafür suche ich mir jedes Mal zufällig leerstehende Räume. Das gleiche gilt für Elterngespräche, Gutachten schreiben oder Tests auszuwerten. Letztlich gelingt mir das auch gar nicht, da mein Bildschirm kaputt gegangen ist. Auf Anfrage in der Senatsverwaltung wurde gesagt, dass Bildschirme auf absehbare Zeit nicht zu haben sind.

Evaluation der sonderpädagogischen Diagnostik
Seit 2017 gilt ein neues Verfahren für die Überprüfung sonderpädagogischen Förderbedarfs. Dadurch ist die Arbeitsbelastung an den Schulen stark gestiegen, weil Aufgaben vom Schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrum (SIBUZ) auf die Kollegien übertragen wurden. Bis 15. Februar kann man sich an der Evaluation des Verfahrens beteiligen: https://befragung.lisum.de/Diagnostik.Personal.html