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Ralf Schiweck, Mitglied der bbz-Redaktion: Digital- oder Verkehrspakt

bbz 01-02 / 2019

Die Milliarden für digitale Schulinfrastruktur dienen vor allem den Herstellern. Das Geld wäre an anderer Stelle sinnvoller investiert

Ralf Schiweck, Mitglied der bbz-Redaktion

Über fast alle Parteigrenzen hinweg wird die Öffnung des sogenannten Kooperationsverbotes im Bildungsbereich begrüßt. Vor allem, weil damit eine dringend benötigte Geldspritze in die Bildung verbunden wird. Fünf Milliarden Euro sollen als erstes in ein Digitalpaket fließen, mit dem die technische Ausstattung der Schulen im Land auf Vordermann gebracht werden soll.

Die Nerds in den Schulen reiben sich bereits die Hände. Noch größer dürfte die Freude aber bei den Aktionär*innen der großen IT-Firmen sein. Nur gut, dass das deutsche Bildungswesen im internationalen Ranking so schlecht abschneidet, da muss doch so eine Investition das Bildungsgewissen beruhigen. Die Hoffnung, dass eine schnellere Netzverbindung auch das Denken der Schüler*innen beschleunigt, ist zwar noch nicht nachgewiesen, man kann sie aber getrost in die Tradition der ungeprüften »Schulversuche« einreihen.

Von den Grünen und der FDP kommen Ansätze, dass die Gelder durchaus auch »in Köpfe« investiert werden könnten. Ich interpretiere dies zumindest als einen Versuch, eine dazugehörige Didaktik für den Gebrauch digitaler Technik zu entwickeln, verbunden mit der Qualifizierung des pädagogischen Personals. Es macht die Schüler*innen nicht klüger, wenn sie die Ilias auf einem Tablet lesen statt in einem Buch, oder die Funktionsweise des Viertakt-Otto-Motors in einem zweidimensionalen Film auf dem Smartboard sehen, anstatt sie an einem dreidimensionalen Modell zu entwickeln.

Die Euphorie der Händler, nun endlich Tablets für jede Wissensdurstige und jeden Verspielten verkaufen zu können, lässt sich mir den Magen umdrehen. Nicht weil ich ihnen das Geschäft nicht gönne, nein, weil die Hirnforschung warnt: Zahlreiche wissenschaftliche Studien halten digitale Medien als Lernmittel für wenig geeignet. Die ohnehin schon omnipräsenten Begleiter beeinträchtigen das Sozialverhalten, reduzieren die Konzentrationsfähigkeit und fördern Depressionen. Selbst wenn man diese Kritik nicht teilt, bleibt die nüchterne Frage, ob es den Kindern und Jugendlichen hilft, wenn sie auch noch in der Schule einen Großteil ihrer Zeit vor dem Bildschirm verbringen.

Um die Anwendung von Geräten kann es ja nur vordergründig gehen, denn selbst die Befürworter*innen von Digitalisierung im Unterricht gehen davon aus, dass die Schüler*innen den Lehrkräften immer um Längen voraus sein werden. Und dass wir sie auf die Gefahren in der digitalen Welt hinweisen, ist selbstverständlich. So machen wir es auch mit den Gefahren beim Sexualverkehr oder denen im Straßenverkehr. Fünf Milliarden geben wir hierfür jedoch auch nicht aus. Dabei hielte ich diese Investition für notwendiger. Denn auch 2017 verunglückten noch circa 30.000 Kinder und 63.000 Jugendliche im Straßenverkehr, 455 davon ließen ihr Leben.

Ein Verkehrspakt wäre ein Pakt, der Kinder retten würde – und nicht Aktiengewinne.