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Bücher

bbz 03 / 2019



Kampf gegen den „Hollow“ der Arbeitslosigkeit
Bekannt durch The Circle (2013) hat Dave Eggers nach dem Roman zum Film „Wo die wilden Kerle wohnen“ (2009) erneut einen Kinderroman publiziert. „The Lifters“, so der Titel der US-amerikanischen Ausgabe, entführt wieder in ein fantastisches Szenario. Dieses wird von schwarz-weißen Illustrationen von Aaron Renier visuell verdichtet. In der deutschen Übersetzung, „Die Mitternachtstür“, fehlen die wirkungsvollen Zeichnungen allerdings. Geblieben sind lediglich kleine holzschnittartige Vignetten an jedem Kapitelanfang. Auch sprachlich kommt die Geschichte schnörkellos daher. Knapp bei Kasse und von Arbeitslosigkeit betroffen, müssen Gran und seine Eltern in die kleine Stadt Carousel, in ein kleines schiefes Haus umziehen. Überhaupt sind alle Häuser in Carousel irgendwie schief. Die Kleinstadt entpuppt sich als ehemaliger Mittelpunkt der Karussellproduktion. Jedoch verlor die Kleinstadt in der Konkurrenz mit Achterbahnen komplett an Bedeutung. Das wirkte sich auf die Bewohner*innen aus. Deren „Verzweiflung, Leere und Hoffnungslosigkeit“ ruft auf der fantastischen Erzählebene die „Hollows“ auf den Plan, die die Zerstörung aus dem Untergrund vorantreiben. An der Seite der unerschrockenen Catalina findet sich Gran bald dagegen ankämpfen. Zusammen setzen sie sich dafür ein, dass die Bewohner*innen in Carousel den Boden unter den Füßen zurückgewinnen. Damit greift Eggers in seinem fantastischen Roman den psychischen und ethischen Diskurs im Hinblick auf Arbeitslosigkeit auf und vermittelt gleichzeitig eine Botschaft: Empathie hilft nicht nur, sondern verpflichtet zum Handeln. Diese Maxime setzte Dave Eggers u.a. in dem gegründeten Creative Writing Center in San Francisco um. Hier werden seit 2002 Schüler*innen von 6 bis 18 Jahren im kreativen Schreiben gefördert. Daraus entwickelte sich 826 National, ein Netzwerk, das sich zu einem US-weiten Jugend-Literatur-Programm entwickelt hat.
Dave Eggers: Die Mitternachtstür. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Ilse Layer. Fischer Sauerländer 2018, 368 Seiten.
Farriba Schulz, AG Jugendliteratur und Medien der GEW Berlin

LesePeter
Im März 2019 erhält den LesePeter das Sachbuch „Wanderungen“ von Mike Unwin und Jenny Desmond. Jedes Jahr unternehmen Tiere Wanderungen und legen dabei tausende von Kilometern zurück. Gründe dafür sind die Suche nach Nahrung oder sichere Fortpflanzungsplätze. Insgesamt haben 20 interessante und durch den Autor Mike Unwin sehr gut recherchierte Tierwanderungen einen Platz im Buch gefunden. Diese werden durch beeindruckende großflächig gezeichnete Naturbilder von Jenni Desmond würdigend ergänzt. A. Fischer Verlage, Frankfurt 2018. ISBN 978-3-7373-5599-5. 48 Seiten, 16,99 Euro. Ab 5 Jahren.

100 Jahre Novemberrevolution
Der Erste Weltkrieg, von der systematisch aufgebauten Propaganda der Regierung Bethmann Hollweg anfangs als Verteidigungskrieg gegen den „russischen Despotismus“ dargestellt, offenbarte sich immer deutlicher als ein Krieg, der wegen annexionistischer Kriegsziele geführt wurde. Millionen Menschen bezahlten diese Politik mit ihrem Leben, Tausende kehrten als Krüppel oder traumatisiert von den Schlachtfeldern heim. Es entwickelte sich eine breite Friedensbewegung, die forderte: Wir wollen keinen Krieg! Die tragenden Schichten des Kaiserreiches, die den mörderischen Krieg unterstützt hatten, waren in der Novemberrevolution weitgehend entmachtet. Vielerorts übernahmen die Arbeiter*innen- und Soldat*innenräte die Verwaltungen. Es herrschte eine demokratische Aufbruchsstimmung. Doch nach zweieinhalb Monaten war von der Volkserhebung nur wenig übriggeblieben. Die Autoren gehen der Frage nach, warum die Ziele der deutschen Revolution nicht oder nur sehr unvollkommen verwirklicht werden konnten, obwohl es eine breite Volksbewegung für diese Ziele gegeben hat. Der Januaraufstand in Berlin, oft auch „Spartakusaufstand“ genannt, war die zentrale Auseinandersetzung der Novemberrevolution. In seiner detaillierten Analyse des „Spartakusaufstandes“ zeigt Bernhard Sauer, dass es sich bei diesem Aufstand um eine spontane Erhebung handelte. Weder die »Revolutionären Obleute«, noch die USPD, noch der Spartakusbund haben ihn geplant oder initiiert. Was aber hat so viele Menschen auf die Straße getrieben? Große Teile der Arbeiter*innenschaft waren mit der Entwicklung nach Kriegsende unzufrieden. Nach vier Jahren Krieg erwarteten sie einen wirklichen Neubeginn, den Bruch mit einem System, das ihnen diesen mörderischen Krieg eingebracht hatte. Sauer zeigt auf, dass damals die Möglichkeit bestand, gestützt auf eine breite Volksbewegung eine stabile demokratische Ordnung mit sozialistischen Zügen aufzubauen, die auch das Aufkommen des Nationalsozialismus hätte verhindern können. Diese historische Chance wurde nicht genutzt.
Vom »Kriegssozialismus« zur Novemberrevolution, von Heiner Karuscheit, Bernhard Sauer und Klaus Wernecke. VSA: Verlag 2018. ISBN 978-3-89965-887-3. 144 Seiten, 12,80 Euro.