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Passworthilfe

Gabriele Frydrych: Kinderpanzer

bbz 03 / 2019

 

Türenschlagen, Hupen, lautes Geschrei, stampfende Musik direkt unterm Fenster. Ich falle erschrocken aus dem Bett. Dabei hat nur die Schule wieder angefangen. Gegenüber befinden sich eine Grundschule, ein Kindergarten und ein Hort. So gut wie keins der armen Kinder kann laufen. Sie werden deshalb im »Elterntaxi« transportiert. Mittlerweile ein fester Begriff bei Wikipedia. Genauso wie der Begriff »Generation Rücksitz«. Die Elterntaxis verstopfen morgens und nachmittags unsere kleine Straße. Sie versperren ungeniert die Ausfahrten und pflügen die Gehwege auf. Keiner kann vor oder zurück. Statt den Verstand oder den Rückwärtsgang zu benutzen, wird gehupt, bis auch der letzte Anwohner wach ist. Und bis endlich jemand nachgibt und aus dem Weg fährt. »Total loser«…

Ist das eigene Kind samt Gepäck sicher im Schulhafen gelandet, heulen die Motoren auf und die Gefährte donnern die Straße entlang. Falls ihnen niemand im Weg steht. Ob sie dabei anderer Leute Kinder gefährden oder ein paar Eichhörnchen platt fahren, spielt keine Rolle.

Dreihundert Meter weiter ist eine breite, freie Straße. Viele Sportplätze reihen sich aneinander. Gegenüber ruht ein großer Friedhof. Hier stehen seit Monaten nur zwei Wohnwagen und ein Bootsanhänger rum. Hier könnte man sein Kind samt Gepäck ungestört aus dem Auto laden. Allerdings müssten Torben und Emma dann dreihundert Meter zu Fuß gehen. Wer weiß, welche Gefahren auf diesem endlosen Marathon lauern? Frustrierte Rentnerinnen mit Heckenscheren, die sich gegen Motorenlärm und Gehupe zur Wehr setzen. Riesige Hunde mit Reißzähnen. Wildschweinhorden, Wölfe und Bären. Dann lieber doch mit dem SUV direkt vors Schultor fahren.

Die Anschaffung eines Kindes scheint heute unweigerlich mit der Anschaffung eines SUV verbunden zu sein. Ich habe den Verdacht, dass manche Leute sich nur deshalb vermehren, weil sie einen Vorwand brauchen, sich so ein Riesenauto zuzulegen. Einen Geländepanzer, mit dem man spielend Savannen, Gletscherwüsten und Trockenwadis durchqueren kann, die es in jeder Großstadt reichlich gibt.

In diesen Panzern werden die eigenen Kinder wie Trophäen herumgefahren. Samt Kindersitz, Kinderwagen, Windelpaketen, Trockenmilchdosen, Trampolins, Laufrädern, Rucksäcken und was Kinder noch so alles dringend brauchen. Das geht schließlich nicht mit einen Smart oder einem Bollerwagen.

Unsere Nachbarn haben zwei kleine Kinder und logischerweise zwei SUVs. Einen für Vati und einen für Mutti. So ein Riesenauto passt weder in die 50er-Jahre-Garage noch auf die Auffahrt, es sei denn, man lässt das Gartentor offenstehen und das Heck des Geländewagens auf den Bürgersteig rausragen. Die Fußgänger schlagen gern einen ehrfürchtigen Bogen um das teure Gefährt. Der zweite SUV der Nachbarn steht auf der Straße, immer halb auf dem Radweg und immer entgegen der Fahrtrichtung. So ein großes Auto zu wenden, muss Vati erst noch auf einem Truppenübungsplatz lernen. Auch andere Elterntaxis haben große Probleme beim Rangieren und Einparken. Und manchmal einen Aufkleber an der Rückscheibe: »Bruce-Sören an Bord«. Der Transport eines Kindes rechtfertigt jedes Fehlverhalten im Straßenverkehr…

Im Internet finden sich zahlreiche Studien und Kontroversen zum Thema SUV. Jede Menge freier Bürger, die freie Fahrt fordern. Ein »Kenner« behauptet: Wenn der Staat seine Bürger so gängelt, müssen sie sich halt beim Autofahren austoben. Und wer anderen den SUV nicht gönnt, ist einfach nur ein »Umweltnazi«, vom Sozialneid zerfressen. Die SUV-Kritiker wehren sich: Sie stellen boshafte Korrelationen zwischen steigendem Übergewicht und SUV-Dichte in Deutschland her. Sie bezeichnen die Panzerfahrzeuge als »kulturell geförderte Selbstgerechtigkeit«, als reine Klimasünde, als Preisschild auf Rädern. Sie mokieren sich besonders über die SUV-Muttis, die gar nicht Auto fahren könnten. Überhaupt bräuchten nur Förster, Feuerwehrleute und Berghüttenbesitzer so einen Geländewagen mit dem Kraftstoffverbrauch eines Kleinlasters. Alle anderen SUV-Besitzer würden nur von Imponiergehabe und Selbstbezogenheit getrieben. Oder von einem Bedürfnis nach kokonartiger Geborgenheit.

In Berlin haben sich Elterntaxis so rücksichtslos verhalten, dass eine Schule in der Innenstadt die Schülerlotsen abgezogen hat, weil sie für deren Unversehrtheit nicht mehr garantieren konnte. Der Senat hat das Projekt »Tausendfüßler« ins Leben gerufen. An übersichtlichen Stellen sollen die Kinder aus dem SUV gesetzt werden und dann gemeinsam zur Schule laufen. Eine Schule will sogar »Küsschen-Haltestellen« einrichten, damit sich alle Helikoptereltern ausdauernd und demonstrativ vom Nachwuchs verabschieden können, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden.

(Mich korrumpiert es übrigens auch, dass man beim Besteigen eines SUV nur das Gesäß ein wenig eindrehen muss. Außerdem haben wir neuerdings eine Enkelin, die wir mit ihrem Spielzeug sicher durch die Stadt kutschieren wollen. Wir lassen gerade unsere Garage tiefer legen und vergrößern…)
Gabriele Frydrych

Die Autorin weigert sich hartnäckig, ihre satirischen Texte gendern zu lassen. Beschwerden bitte direkt an sie.