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Robert Peiser, Hans-Jürgen Heusel und Gerhard Elsbach im Interview mit Nikos Kaligiros: Schlechte Aussichten für Griechenlands Schulen

bbz 03 / 2019

In Griechenland geht der neoliberale Kahlschlag weiter, inzwischen allerdings weitgehend unbeachtet von der europäischen Öffentlichkeit. Mitglieder der Griechenland-Soli-Gruppe der GEW BERLIN trafen im vergangenen Oktober Nikos Kaligiros, ehemaliger Grundschullehrer und -leiter und heute hauptamtlich tätig für ADEDY, den Dachverband der Öffentlichen Dienst-Gewerkschaften. Sie sprachen mit ihm über Sparmaßnahmen, Täuschungsmanöver und Privatisierungen

Das Interview führten Robert Peiser, Hans-Jürgen Heusel und Gerhard Elsbach

Nikos, seit 2015 regiert in Griechenland ein Bündnis aus linker SYRIZA und rechtspopulistischer ANEL, unter Führung des Ministerpräsidenten Alexis Tsipras. Trotz anderslautender Versprechen ist es Tsipras nicht gelungen, den Abbau sozialer und demokratischer Rechte der Griech*innen zu stoppen. Wie ist das Verhältnis der Gewerkschaften zu einer »Regierung der radikalen Linken«?
Nikos: Wir sehen natürlich, dass die Regierung sich in einer Zwangslage befindet. Aber erstens hat sich SYRIZA durch das Umfallen nach dem »Nein« des Volkes zu den Memoranden der »Troika« selbst in diese Lage manövriert. In einem Referendum hatte die Bevölkerung das Spardiktat klar abgelehnt. Die Vorgaben der »Troika« wurden dennoch umgesetzt. Zweitens greift die Regierung zu Maßnahmen, die nicht allein dem Druck von außen geschuldet sind, sondern dem politischen Willen der Kabinettsmitglieder entstammen.

Uns interessiert natürlich besonders, was für Maßnahmen das im Schulbereich sind. Kannst du einige Beispiele nennen?
Nikos: Die Regierung setzt nicht nur ihren harten Sparkurs fort. Sie versucht auch immer wieder, den Menschen Sand in die Augen zu streuen. Bildungsminister Costas Gavroglou hat zum Beispiel beschlossen, den Schulbeginn auf 9 Uhr zu verlegen, »damit wir morgens länger schlafen können«. Bei etlichen Eltern scheint dieser Vorstoß gut anzukommen. Unsere Erfahrungen aus der Vergangenheit lassen uns allerdings andere Motive vermuten, als die Sorge um den Schlaf der Eltern und der Kinder.

Welche Motive könnten das sein?
Nikos
: Gavroglous Amtsvorgänger hat bereits den Unterrichtsschluss an Grundschulen um eine Stunde auf 13.15 Uhr verlegen lassen. Das hatte damals vor allem den Sinn, Personallücken ohne Neueinstellungen und Überstunden zu schließen. Wenn nun der Unterricht später beginnt, kann morgens weiteres Personal eingespart werden, denn nur wenige Eltern nutzen die Frühbetreuung vor dem Unterricht. Die morgens ausgefallene Unterrichtszeit soll zwar nach hinten geschoben werden. Aber am Nachmittag fallen oft Stunden aus, zum Beispiel durch Hitzefrei. So fallen am Ende eben doch Lehrer*innenstunden weg, denn die ausgefallenen Stunden werden mit dem Pflichtdeputat verrechnet.

Apropos Pflichtstunden, wir haben gehört, dass griechische Schüler*innen aufgrund von Personalkürzungen sowieso schon weniger Unterricht bekommen als ihre Gleichaltrigen in anderen Ländern. Stimmt das?
Nikos: Griechische Grundschüler*innen haben laut OECD im Schnitt 757 Pflichtstunden im Jahr gegenüber dem Durchschnitt der 36 OECD-Länder von 793. Bei Mittelschüler*innen sind es sogar 791 gegenüber 910 Stunden jährlich. In den Schulen wurde seit 2012 niemand mehr fest eingestellt. Jedes Jahr werden tausende Kolleg*innen zu Beginn des Schuljahres, oft genug auch mit Verzögerung, befristet eingestellt. Im letzten Juni wurden 24.000 Lehrkräfte entlassen und mussten Arbeitslosengeld beantragen. Das beträgt aktuell 380 Euro im Monat. Ob sie nach den Ferien wieder eingestellt werden, ist fraglich, weil die öffentlichen Arbeitgeber mehr und mehr dazu übergehen, nach dem Prinzip zu verfahren, wer länger arbeitslos ist, muss Vorrang haben. Es ist zu befürchten, dass auch das Bildungsministerium demnächst so verfahren wird. Jedes Jahr werden also tausende Lehrkräfte ausgetauscht. Aus der Praxis weiß eigentlich jede*r, dass eine derartige Fluktuation weder den Kindern noch der Schule nützt.

Wieviel verdient eine Lehrkraft denn in Griechenland?
Nikos: Fristbeschäftigte verdienen je nach Ausbildung zwischen 780 Euro und 1037 Euro im Monat, alles brutto. Höhere Steuern und Sozialabgaben als früher summieren sich auf bis zu 300 Euro. Seit 2015 sind die Gehälter eingefroren und eigentlich vorgesehene, geringfügige Steigerungen werden trickreich hinausgezögert.

Spätestens im Herbst 2019 stehen Parlamentswahlen an. Wie schätzen die Gewerkschaften die weitere politische Perspektive ein?
Nikos: Die Reduzierung der öffentlich angebotenen Bildung ist auch ein Schritt zu weiterer Privatisierung im Bildungsbereich. Schon vor der Krise hatten wir eine lange Tradition der privaten Nachhilfe, weil die schulische Ausbildung von vielen Eltern als nicht ausreichend angesehen wird. Die Entwicklung während der Krise wird noch mehr Eltern nötigen, privat für die Bildung der Kinder und Jugendlichen zu sorgen. Sollte die konservative Nea Demokratia (ND) die nächste Wahl gewinnen, so wird sie wohl für weitere Privatisierungen sorgen. ND-Spitzenkandidat Mitsotakis hat schon angekündigt, dass die Verwaltung Bildungsgutscheine vergeben würde, die dann auch für Privatschulen gelten. ND wird die Autonomisierung der Schulen vorantreiben.

Und wenn SYRIZA wieder gewinnt?
Nikos: Gewollt oder ungewollt kommt Syriza den Konservativen bereits entgegen. Um Lehrer*innenstunden einzusparen, hat die Regierung die Grundschulen verpflichtet, alle Klassen mit einer Frequenz von 25 Kindern einzurichten. Zu diesem Zweck mussten die Schuleinzugsbezirke aufgehoben werden. Das spielt denjenigen in die Karten, die den Schulen mehr Entscheidungsspielraum bei der Zusammensetzung ihrer Schülerschaft eröffnen und damit die Konkurrenz unter den Schulen fördern wollen. Die Aussichten sind also so oder so nicht besonders gut.