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Ryan Plocher im Interview mit Katrin Wagner: Keine Blumen, sondern Streik

bbz 03 / 2019

Der Internationale Frauentag am 8. März ist ein Tag der feministischen Kämpfe. Katrin Wagner ist Sprecherin der jungen GEW BERLIN, Mitinitiatorin des Frauen*streiks und seit 2013 im Bündnis Frauen*kampftag aktiv. Mit uns spricht sie über den Frauen*streik, ihre Ziele und erklärt, was Männer tun können, um zu unterstützen

Das Interview führte Ryan Plocher

Aus dem Frauen*kampftag ist ein Frauen*streik geworden. Was ist der Unterschied?
Wagner: So ganz stimmt das nicht. Wir haben in Berlin immer noch das Bündnis Frauen*kampftag und in anderen Städten gibt es Bündnisse, die sich in Anlehnung an dieses gegründet haben und am 8. März Demonstrationen organisieren. Der 8. März ist in erster Linie der »Internationale Frauentag«, ein Tag, an dem international Frauenbewegungen und feministische Kämpfe besonders sichtbar werden können und sollten.

Und was ist dann der Frauen*streik?
Wagner: Frauen*streik ist eine Form, in der die feministischen Kämpfe gekämpft werden können. Einige meiner Mitstreiter*innen sehen dies als die »nächste Eskalationsstufe.« Ich denke, dass dieser Name vor allem die starken Verbindungen von geschlechtsbezogenen Diskriminierungen und Hierarchien und Arbeitsverhältnissen deutlich macht. In Ländern wie Spanien, Argentinien oder Polen haben Organisation und Mobilisation zum Frauen*streik bereits Massendemonstrationen von mehreren Millionen auf die Straße gebracht, vielleicht gerade deshalb, weil mit »Streik« auch immer eine Drohung mitschwingt, die Forderungen bestärkt. Zudem ist die Organisationsform etwas anders. Es gibt weniger klare Strukturen und der Anspruch an Mitstreitende, selbst aktiv zu werden, ist größer und konstanter. Das birgt Vor- und Nachteile, die sich hier von den »klassischen« Bündnissen unterscheiden.

In Berlin ist der Internationale Frauentag jetzt ein Feiertag. Was bestreikt frau, wenn frau nicht arbeiten muss?
Wagner: Auch an Feiertagen wird gearbeitet. Zum einen gibt es zahlreiche Berufe, vor allem in Pflege oder Gastronomie, die auch an Feiertagen nicht pausieren. Gerade in diesen Berufen ist die Bezahlung eher gering, die Beschäftigungsverhältnisse prekär und diejenigen, die diese ausüben, sind überwiegend Frauen.

Zudem ist da natürlich noch all die unbezahlte Arbeit. Hausarbeit, emotionale Arbeit oder auch private Pflege und Erziehung. Ohne diese Arbeit würde unsere Wirtschaft nicht funktionieren und auch hier sind es überwiegend Frauen, die diese übernehmen. Bestreikt werden könnte zudem auch der Konsum. Müssen wir an diesem Tag unbedingt etwas kaufen? Oder das tägliche Schminkritual, wenn frau das vor allem für die Schönheitserwartungen der Umwelt tut.

Was davon wie bestreikt wird, ist selbstverständlich jeder* selbst überlassen. Theoretisch wäre es aber möglich, auch an einem Feiertag bei vielem einfach mal nicht mitzumachen. Und wenn das nicht geht, dann ginge wenigstens ein Zeichen der Solidarisierung – ein Anstecker oder Aufkleber – und das offene Gespräch mit Kolleg*innen über den Frauen*streik.

Das Ziel eines Frauen*streiks ist wohl kein »Frauentarifvertrag«, oder? Was soll stattdessen erreicht werden?
Wagner: Unser Forderungskatalog ist lang und wächst quasi täglich. Da jede feministische Forderung zunächst eine Frauen*streikforderung sein kann, gehören hier neben Klassikern wie »Weg mit dem Gender Pay Gap!«, »bessere Maßnahmen gegen Altersarmut«, die ebenfalls vor allem Frauen betrifft, oder »Weg mit dem Ehegattensplitting!« auch die Forderungen nach der Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und der Abschaffung von Lagern für asylsuchende Frauen dazu. Einige haben sogar die alte »Lohn für Hausarbeit«-Forderung wieder ausgegraben. Dazu kommen eben noch viele andere Forderungen, die teilweise auf www.frauenstreik.org gesammelt werden. Nicht alle fordern immer alles. Wofür deine Nachbarin, Mutter, Freundin, Bekannte streiken würde, fragst du sie am besten selbst. Mein grob formuliertes Ziel ist die Veränderung von Arbeitsbeziehungsweise Ausnutzungsverhältnissen und Geschlechterhierarchien.

Die GEW und die GEW BERLIN rufen zu »vielfältigen Aktionen« am internationalen Frauentag auf, jedoch nicht zum Streik. Welche Rolle können die GEW oder die DGB-Gewerkschaften spielen?
Wagner: DGB-Gewerkschaften hätten dort, wo der 8. März kein Feiertag ist, die Möglichkeit Betriebsversammlungen oder Frauenvollversammlungen an diesem Tag anzusetzen. Sie könnten ihre Kanäle nutzen, um ihre Mitglieder über die politischen Forderungen des Frauen*streiks zu informieren. Ich meine, sie täten gut daran, genau hinzuhören und hinzusehen, wer hier was fordert.

Frauen*streik mobilisiert gerade viele Frauen und auch viele junge Frauen, auf die die Gewerkschaften auf lange Sicht angewiesen sein werden. Ich befürchte, wenn hier zu Gunsten alter Strukturen darauf verzichtet wird, sich bei der Politisierung und Mobilisierung der jungen und zukünftigen Arbeiter*innen zu beteiligen, werden Gewerkschaften für zukünftige soziale Fragen zunehmend irrelevanter. Dem Trend der sinkenden Mitgliederzahlen wird so sicher nicht entgegengewirkt.

Was bedeutet eigentlich das Sternchen in Frauen*streik?
Wagner: Das Sternchen (*) kommt ursprünglich aus der Computersprache und wird beispielsweise bei Suchanfragen hinter einen Wortstamm gesetzt, um alle Worte mit diesem Wortstamm mit zu suchen. In den 2000er Jahren wurde in einigen angloamerikanischen queer-theoretischen und feministischen Kontexten das Sternchen (*) hinter Geschlechterkategorien gesetzt, um eine Vielfalt an Varianten zu betonen. Über Parteijugenden und Gender Studies-Kurse hat sich diese Praxis auch in deutschen queer-theoretischen und einigen feministischen Szenen etabliert.

Ich selbst bin kein Fan davon, da ich »Frau« schon immer als einen offenen Begriff verstanden habe. Für mich ist »Frau«, wer sich als solche einordnet. Die konservative Meinung, dass Trans*frauen keine Frauen seien, halte ich für falsch. Ich will Menschen mit dieser Meinung keine Deutungshoheit über einen sternchenfreien Begriff lassen.

Dennoch hat die Schreibweise Frauen* sich eben in einigen Kreisen so durchgesetzt und »Frauen*streik« wurde so als Name abgestimmt. Bei Frauen*streik sollen sich auch die Menschen angesprochen fühlen, die von besagten Konservativen meistens nicht mitgemeint werden.

Wie können Männer einen Frauen*streik unterstützen?
Wagner: Männer können in diesem Projekt gerne die ungesehene Arbeit machen, die allzu häufig in anderen politischen Kontexten von Frauen getragen wird. Bei unseren Treffen die Kinderbetreuung übernehmen oder beim Kochen helfen ... was halt so anfällt. Dies gilt auch für den privaten Bereich. Wer die Frauen in seinem Leben beim Frauen*streik unterstützen will, fragt am besten, was diese dafür braucht, tut dies und erwartet dafür keine Auszeichnung.

Wir wurden bereits bei unserem ersten Bundestreffen von tatkräftigen Männern* unterstützt. Sowas gibt uns dann die Möglichkeit, uns mehr auf politische Diskussionen und Inhalte zu konzentrieren. Profitipp: Männergruppen für den Frauen*streik gründen und sich selbstkritisch mit gesellschaftlichen Ordnungen und unserer Kritik daran auseinandersetzen. Eventuell entstehen dabei auch eigene Ideen zur Unterstützung oder eine Unterstützer-Struktur, auf die wir schnell zurückgreifen können.

Website: www.frauenkampftag.eu