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Ralf Schiweck: QuerBer, ein Projekt nur in Berlin

bbz 03 / 2019

Das Unterstützungsprojekt für die Quereinsteiger*innen in Berlin kann nach dem ersten Schulhalbjahr eine positive Bilanz ziehen

von Ralf Schiweck

Dass die Einstellungssituation für vollausgebildete Lehrkräfte bundesweit nur mit ungenügend bewertet werden kann, darüber werden sich alle einig sein. Und das unsere Gewerkschaft schon seit Jahrzehnten vor genau dieser Situation gewarnt hat, werden auch alle aktuellen wie ehemaligen Senator*innen schamhaft eingestehen müssen. Nur nützt diese Erkenntnis niemandem. Die Schüler*innen in den Klassen wollen und müssen jetzt unterrichtet werden. Ihre persönliche Entwicklung wird von ihrem Schulbesuch geformt. So musste denn eine Lösung gefunden werden, wie mit dem eklatanten Lehrkräftemangel umzugehen ist. In Berlin und anderen Bundesländern stellte man sogenannte Quereinsteiger*innen und/oder Seiteneinsteiger*innen ein. Was Berlin zum Beispiel von unserem Nachbarland Brandenburg unterscheidet, ist das Verfahren, wie man die Quereinsteiger*innen begleitet. Es lohnt sich daher, einmal genauer auf das zu schauen, was in QuerBer geschieht.

Bei QuerBer bekommen alle Quereinsteiger*innen eine Patin oder einen Paten an die Seite gestellt. Diese begleiten »ihre*n Quereinsteiger*in« über acht Wochen, nehmen dabei an jeweils zwei Unterrichtsstunden die Woche teil und reflektieren diese anschließend gemeinsam. Es folgt noch eine Doppelstunde für ein offenes Beratungsgespräch pro Woche. Die Pat*innen sind ohne Berichts- und Informationspflicht an die jeweiligen Vorgesetzten. Das heißt, man kann ein gesichertes Vertrauensverhältnis eingehen. Diese Phase wird First Steps genannt.

Stand halten oder die Flucht ergreifen

In dieser intensiven Begleitungsphase entscheidet sich mitunter, ob man sich diese Aufgabe weiterhin zutraut oder einen unüberwindlichen Berg vor sich sieht. Oft haben gerade die Mut machenden Worte der Pat*innen eine stabilisierende Wirkung. Wir wissen doch alle, wie verzweifelt wir uns mitunter im Referendariat gefühlt haben und wie lange manch eine*r gebraucht hat, um sich halbwegs vor einer Klasse sicher zu fühlen.

Aber ganz zu Beginn gibt es noch eine Orientierungsphase, KickOff genannt, in der über eine Woche erste Grundlagen in Form von Vorlesungen und Seminaren auf die zu erwartenden Situationen und Fragen vorbereitet werden. Einer Anfrage an die Senatorin Sandra Scheeres kann man entnehmen, dass eine Verlängerung dieser Phase geplant ist: »Der Vorkurs und die Präsenztage an den Schulen verlaufen über einen Zeitraum von zwei Wochen.« In dieser KickOff-Phase werden vier Themenfelder aufgerufen: Die Berliner Schule-Einstieg; Organisation von Unterricht; Schulalltag; Rechtliche Grundlagen.

In einer ersten Reflexionsrunde am Ende letzten Jahres haben die Quereinsteiger*innen und Pat*innen eine vorläufige Einschätzung gegeben und verschiedene Wünsche geäußert. Die Senatorin äußerte dazu gegenüber der bbz: »Die Begleitung durch die Patinnen und Paten wurde vielfach positiv bewertet und als Unterstützung betrachtet. Einige der Rückmeldungen spiegeln aber Ängste wider, auf unbekanntem Terrain zu versagen oder das Gefühl zu haben, kontrolliert zu werden. Hier war eine sensible Individualbetreuung erforderlich. Dafür haben wir extra eine Sprechstunde eingerichtet. Der persönliche Austausch wurde neben der Möglichkeit, sich auch online mit Problemen an uns zu wenden, gut angenommen.«

Parallel zu der Begleitung durch die Paten und Patinnen werden vertiefende Veranstaltungen angeboten, Scheeres sagte dazu: »Im dritten Schritt, dem SETUP, erhalten die Quereinsteigenden ganzjährig Workshops und Kompaktwochen zu konkreten Unterrichts- und Erziehungsthemen angeboten, die wir in unserem Veranstaltungskalender veröffentlichen. Während eines Halbjahres werden etwa 320 verschiedene Seminarveranstaltungen im Rahmen des Projektes QuerBer angeboten.« Zwölf Doppelstunden muss jede*r Quereinsteiger*in belegen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass diese Veranstaltungen sehr gut angenommen werden und man stets ein sehr interessiertes, wissbegieriges Publikum vor sich hat. Natürlich sind schon viele Fragen aus der kurzen, und oft sehr dynamischen Praxis aufgelaufen, die dringend einer Klärung bedürfen. Interessant ist dabei auch, wie kreativ die Quereinsteiger*innen ihre bisherigen Berufserfahrungen einbringen und Lösungen kreieren, die man nur mit einem »Chapeau« kommentieren kann.

QuerBer ersetzt noch kein Studium

Auch wenn die Quereinsteiger*innen die ersten drei Phasen gut überstanden haben und die Kollegien an den Schulen sie im günstigsten Fall schon akzeptieren, so gilt doch noch »learning by doing«. Im vierten Schritt, den STUDIES, holen die Quereinsteigenden die fehlenden Studieninhalte nach, um sich für den Vorbereitungsdienst zu qualifizieren. Anschließend beginnt automatisch die nächste Phase, das GET READY!, mit dem die Quereinsteigenden den berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst beginnen, der 18 Monate für alle Lehrämter dauert und mit der Staatsprüfung endet.

Da ich in Brandenburg wohne und noch einige Kontakte zu Schulleitungen in der Umgebung habe, höre ich mich auch um. Natürlich habe man hier kein vergleichbares Konzept, aber man bekommt immerhin zwei Wochenstunden für die Begleitung einer Quereinsteigerin oder eines Quereinsteigers. Wenn man gut ausgestattet ist und kein Vertretungsbedarf besteht.

»Andere Bundesländer erkundigen sich bei uns nach den Qualifizierungsmaßnahmen. Mit dem Projekt QuerBer gehören wir zu den Vorreitern bei der Qualifizierung von Quereinsteigenden«, so beschreibt es die Senatorin.

Keine Zeit für Pausen

Das ganze Projekt benötigt natürlich auch qualifizierte und engagierte Mitarbeiter*innen. Menschen die erkennen wo, wer und wie Hilfestellungen benötigt und Reflexionsbedarf hat. So kann ich für mich feststellen, dass die Kolleginnen Hubacek und Zimpel und ihr Team alles dafür tun, dass es einen reibungslosen Verlauf des Projektes gibt und dass man das Gefühl hat, es wird auch noch an der Optimierung gearbeitet. Keine leichte Aufgabe bei dem Volumen: »Seit dem Schuljahr 2018/ 19 haben in Berlin über 800 Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger ein Beschäftigungsverhältnis aufgenommen«, gibt die Bildungssenatorin zu Protokoll. Und dass dies eine enorme Belastung darstellt, sieht sie auch: »Natürlich ist das Studienzentrum mit dem QuerBer-Programm vor eine enorme logistische Herausforderung gestellt worden. Da kommt es vor, dass mal eine Mail spät beantwortet wird. Wir arbeiten daran, um es zu verbessern.«

Aus meiner Sicht hat dieses Projekt Modellcharakter, natürlich nur um die momentane Notsituation zu überbrücken, nicht als wirkliche Lösung in einem regulären Einstellungsverfahren. Von daher werde ich auch an dem zweiten Durchgang teilnehmen, zumal neben dem zufriedenstellenden Charakter der Tätigkeit auch eine angemessene Bezahlung erfolgt. Aber für einen alten Gewerkschafter ist es natürlich nicht unerheblich, dass man das Gefühl hat, ein kleines Stück zur Rettung der Berliner Schule beigetragen zu haben. Und natürlich konnte ich auch einige der Seminarist*innen von einer Mitgliedschaft in unserer Gewerkschaft überzeugen.

Die vollständige Anfrage an die Senatorin findet ihr hier: Anfrage