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Passworthilfe

Marcus Laugsch: Lost in Germany

bbz 03 / 2019

Ein Einzelfallhelfer nimmt die Perspektive eines jungen Geflüchteten ein, der in Deutschland zur Schule gehen soll, aber noch gar nicht ankommen konnte. Schule, Jugendberufshilfe und Jugendhilfe stricken ein Netz, das ihn halten und ihm eine Perspektive geben soll

von Marcus Laugsch

Seit gut einem Jahr begleite ich einen aus Syrien geflüchteten Jugendlichen, Amel, der zum Zeitpunkt der Einreise noch minderjährig war und ohne seine Eltern und Geschwister nach Deutschland kam. Seine Familie lebt nach wie vor in Syrien, jedoch an einem anderen Ort als zur Zeit seiner Flucht. Durch den Krieg musste seine Mutter mit den Geschwistern das kleine Familienrestaurant und den Heimatort verlassen. Das Geld für die Flucht nach Europa hatte zuvor allein für Amel gereicht. Mittlerweile ist er, seinen Angaben zufolge, 18 Jahre alt. Jedoch wirkt er sehr viel jünger. In Syrien hatte er sechs Jahre die Schule besucht. Trotz Volljährigkeit obliegt Amel noch der Schulbesuchspflicht in Berlin.

Mit dem Kopf woanders

Amels schulische Integration begann mit dem achtmonatigen Besuch der sogenannten Willkommensklasse an einer Oberschule in Berlin-Marzahn. Nach jenen acht Monaten wäre normalerweise der Wechsel in den regulären Unterricht erfolgt. Durch eine sehr engagierte Lehrerin durfte Amel die Willkommensklasse noch einmal wiederholen. Eine Integration in den Regelunterricht hätte aufgrund der sprachlichen Schwierigkeiten wenig Sinn ergeben. Amel nahm die Wiederholung dankbar an. Seine Sprachfähigkeiten konnte er auch nach dem erneuten Besuch der Willkommensklasse nur geringfügig verbessern. In der Gemeinschaftunterkunft, in der überwiegend arabische Familien wohnten, hatte er kaum Kontakt zu deutschsprachigen Erwachsenen. Er fühlte sich einsam und war orientierungslos.

Mit dem Wechsel in den Regelunterricht begann Amel mehr und mehr der Schule fernzubleiben. In Fächern wie Biologie, Physik und Deutsch, wo nun dem Rahmenlehrplan entsprechende Texte gelesen, analysiert und interpretiert wurden, war Amel mit der Sprache vollkommen überfordert. Der Schulbesuch frustrierte ihn. Es mag gradlinige schulische Erfolgsgeschichten geben, Amels Integrationsversuch ist eine andere.

In der Zeit organisierte eine Sozialarbeiterin der Jugendberufsagentur in Kooperation mit dem zuständigen Jugendamt eine Einzelfallhilfe für Amel. Amel nahm die Unterstützung durch einen Einzelfallhelfer gut an. Es entstand, trotz sprachlicher Herausforderungen, ein vertrauensvoller und offener Austausch.

Mittlerweile hatte jedoch bei Amel eine zwangsläufige Entschulung eingesetzt. Ihn bewegte mehr, wie seine Familie zu ihm kommen könne. Ihn zu motivieren war schwer, zumal ein weiterer Besuch der Willkommensklasse, was sein Wunsch gewesen wäre, ihm an der bisherigen Schule nicht mehr ermöglicht werden konnte. Gleichzeitig sah auch die genannte Lehrerin für Amel kaum eine Chance zur Integration in den regulären Unterricht. Seine Frustration war für sie leicht nachvollziehbar.

Einsam in der Gemeinschaftsunterkunft

Amel äußerte, dass er sich in Deutschland sehr allein fühlt und er vor allem seine Familie vermisst. Dies war auch ein Grund, weshalb er aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen wollte. In der Unterkunft lebten vor allem Familien, was sein Gefühl von Einsamkeit noch verstärkte. Er erwähnte gleich zu Beginn der Hilfe, dass er sich einen Nachzug seiner Familie sehnlichst wünschte. Amel sah sich jedoch damit konfrontiert, dass ein Nachzug derzeit nicht beziehungsweise nur schwer möglich sei, zumal er das achtzehnte Lebensjahr seinen bei der Einreise gemachten Angaben zufolge vollendet hatte. Seine Mutter hatte ihm auch gesagt, dass er nach Syrien zurückkommen könne. Amel wollte eine Rückkehr aufgrund damit einhergehender Befürchtungen jedoch nicht. Gleichzeitig äußerte er, dass er ohne seine Familie nicht leben könne.

Die gut gemeinten Angebote für eine schulische Integration können mitunter schwer greifen, wenn sie aus der Perspektive der zwangsläufig Nicht-Betroffenen stammen. Die Facetten der Flucht sind so vielfältig und individuell, dass normierte Angebote Menschen mitunter nicht oder nur schwer erreichen können.

Alles im Leben von Amel hatte sich geändert. Die Familie, die Heimat Syrien, der gewohnte Schulweg, das Aushelfen nachmittags im Familienrestaurant, die Sprache, Freunde und vor der Flucht gelebte Lebensentwürfe – nichts ist, wie es war.

Kleine Schritte vorwärts

Im Rahmen einer Supervision sprach ich über Amel, dessen Name hier geändert worden ist. Eine Kollegin sagte drei Worte, wie sie Amels Situation in einer Großstadt wie Berlin sehe: »Lost in space« – jemand, der hier leben möchte, aber ohne seine Familie hier nicht leben kann. In immer wiederkehrenden Phasen, die von Traurigkeit und Sorge um die Familie in Syrien geprägt sind, fällt Amel die neue Sprache umso schwerer. Amels Worte gleichen dann Mahdis aus dem Exilroman »Die Orangen des Präsidenten« von Abbas Khider: »Ich will jetzt keinen sehen. Morgen vielleicht. Ich kann jetzt nicht.«
Amel versucht sich mit Begleitung des Einzelfallhelfers immer wieder neu zu motivieren. Auch seine Sprachfähigkeit verbessert sich Schritt für Schritt. An einem Berliner Oberstufenzentrum konnte er sich zuletzt den erneuten Besuch einer Willkommensklasse organisieren.