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Éva Ádám im Interview mit Sejnur Memisˇi: Setzen wir uns mit Geschichte auseinander und kämpfen für die Zukunft!

bbz 03 / 2019

Sejnur Memisˇi nimmt an der Teamer*innen-Ausbildung des Projektes »Dikhen amen!« teil. Warum sich viele Jugendliche nicht als Sinti*zze oder Rom*nja outen und warum politische Bildungsarbeit wichtig ist, verrät er uns im Interview

Das Interview führte Éva Ádám

Lieber Sejnur, Du bist überzeugter Rom*nja-Aktivist. Wie kam es dazu und was können wir uns darunter vorstellen?
Memisˇi: Meine Verbindung zum Rom*nja-Aktivismus hat viele verschiedene Aspekte. Mein Vater ist Journalist und durch seine Arbeit habe ich vieles mitbekommen. Ich habe manchmal auch mitgeholfen, Medien für Dokumentationen zu erstellen. Da ich während des Kosovo-Kriegs aufgewachsen bin, in dem viele Rom*nja rassistisch verfolgt und ermordet wurden, ist der Aktivismus für mich eine persönliche Angelegenheit. Seit ungefähr eineinhalb Jahren bin ich als Teilnehmer, aber auch als Referent bei europaweit stattfindenden Seminaren und Zusammenkünften aktiv. Durch meine Teilnahme an einer Gedenkfahrt für Jugendliche in das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz oder an der Roma Week im europäischen Parlament in Brüssel anlässlich des Welt-Rom*nja-Tags am 8. April konnte ich viel über den Genozid an Sinti*zze und Rom*nja und über Antiziganismus lernen.

Was hat dich motiviert an der Teamer*innen-Ausbildung vom Projekt »Dikhen amen!« teilzunehmen? Was versprichst du dir davon für deine Zukunft?
Memisˇi: Ich möchte mich weiterbilden und zur Umsetzung meiner Ziele mehr Praxiserfahrung sammeln. Später möchte ich gerne selbständig Workshops in Schulen leiten, um meine Ziele Schritt für Schritt zu erreichen.

Welche Themen sind deiner Meinung nach für Schulen besonders wichtig?
Memisˇi: Thematisch möchte ich vor allem zu den Lebensrealitäten von Sinti*zze und Rom*nja, Antiziganismus und den Genozid im Zweiten Weltkrieg arbeiten. Ich bin der Meinung, dass in den Schulen wenig darüber gelehrt wird. Vor allem über den Genozid von Rom*nja und Sinti*zze in den Konzentrationslagern wird so gut wie gar nichts in den Schulen vermittelt.

Wie fandest du das Ausbildungsmodul zum Thema »politische Bildungsarbeit«?
Memisˇi: Das Modul zur politischen Bildungsarbeit war sehr interessant und lehrreich. Ich konnte sehen, dass sich die Aktivist*innen schon vor 50 Jahren mit denselben Themen beschäftigt hatten wie wir heute. Ein Beispiel hierfür ist das Bleiberecht in Deutschland, was vielen geflüchteten Rom*nja aus den Balkanstaaten verwehrt wird. Es hat mir gezeigt, dass man sehr viele Jahre braucht, um was zu verändern.

Es hat aber auch gezeigt, dass man etwas bewirken kann, denn die damalige Lage in den 80er Jahren war kritischer. Vor allem was den Rassismus betrifft, sowie die Aufklärung und Akzeptanz, dass Sinti*zze und Rom*nja im Nationalsozialismus aus rassistischen Gründen ermordet worden sind. Diese historische Tatsache wurde erst im Jahr 1982 vom da-maligen Bundeskanzler Helmut Schmidt offiziell anerkannt.
Was mir die Einführung in die politische Bildungsarbeit außerdem gezeigt hat, ist, dass die deutsche Gesellschaft in den letzten 30 Jahren sehr wenig Fortschritte gemacht hat. Nur ein geringer Teil der Ziele der Bürger*innenrechtsbewegung wurde erreicht. Aber jeder Schritt nach vorn ist wichtig für die Zukunft. Die Tatsache, dass die Sinti*zze und Rom*nja schon seit circa 700 Jahren in Deutschland leben, zeigt mir, dass die politische Aufklärungs- und Bildungsarbeit noch lange dauern wird.

Was hat dich besonders betroffen gemacht?
Memisˇi: Schockierend fand ich, dass viele NS-Täter*innen ihre gesellschaftlichen Machtpositionen bis in die 70er Jahre oder sogar bis in die 90er Jahre behielten. Dies gilt für Angehörige von der SS, der Polizei, des Justizapparats oder Wissenschaftler*innen. Sie arbeiteten weiter in den Ämtern, Laboren, für die Polizei oder auch für die Landeskriminalämter. Diese NS-Verbrecher*innen, die in der BRD immer noch Macht hatten, konnten andere NS-Verbrecher*innen schützen. Zum Beispiel indem sie bestimmte Akten versteckten, um Klagen der Opfer der Konzentrationslager zu verhindern. Ein Beispiel hierfür ist Robert Ritter. Er leitete seit dem Jahr 1937 die »Rassenhygienische Forschungsstelle«. Diese spielte eine entscheidende Rolle bei der rassistischen Erfassung von Rom*nja und Sinti*zze im Nationalsozialismus.

Auf Grundlage dieser Erfassung wurden Rom*nja und Sinti*zze in die Konzentrationslager deportiert. Nach dem Krieg leitete Ritter ab dem Jahr 1947 die »Fürsorgestelle für Gemüts- und Nervenkranke« sowie die Jugendpsychiatrie der Stadt Frankfurt am Main. Ein Jahr später wurde er sogar zum Obermedizinalrat der Stadt befördert.

Wen möchtest du als Teamer in der Zukunft erreichen?
Memisˇi: Ich möchte als Teamer in meinen Workshops junge Sinti*zze und Rom*nja sensibilisieren und sie bestärken zu ihrer Identität zu stehen. Auch würde ich gerne Workshops für Nicht-Rom*nja über verschiedene Themen, wie zum Beispiel Verfolgung im Nationalsozialismus oder Antiziganismus, halten.

Mein Ziel ist es, den Rassismus zu bekämpfen und das negative Denken über Sinti*zze und Rom*nja zum Positiven zu verändern. Ich möchte, dass man als Sinti*zze und Rom*nja mutiger zur eigenen Identität stehen kann. Dieses Thema ist sehr wichtig, weil viele Jugendliche es immer noch verheimlichen, um Diskriminierung zu vermeiden. Erst wenn wir es schaffen, den Rassismus zu vermindern, können Sinti*zze und Rom*nja mutiger zu sich selbst stehen.

Was muss sich verändern, damit Vielfalt in Europa positiv für alle gesellschaftlichen Gruppen gelebt werden kann?
Memisˇi: Es gibt vieles, was man verändern müsste. Eine Sache wäre die Medienarbeit. Durch Medien entstehen immer wieder negative Gedankenbilder über Sinti*zze und Rom*nja. Es werden meistens Stereotype bedient. Es wird über Kriminalität oder Armut berichtet. Man sollte aufhören, die Sinti*zze und Rom*nja immer als Opfer darzustellen.

Es sollten auch andere Beispiele gezeigt werden. Zum Beispiel integrierte Familien oder Prominente, die sehr wichtig für die Gesellschaft sind oder waren. Es könnten Professor*innen, Lehrkräfte und Studierende gezeigt werden, die in der Gesellschaft anerkannt und positiv wahrgenommen werden, aber ihre Identität vielleicht aufgrund des Rassismus bisher verheimlicht haben. Diese Menschen sollten keine Angst mehr haben müssen, sich in ihrem Umfeld als Rom*nja und Sinti*zze zu bekennen.