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Passworthilfe

Anna Friedrich: Sie werden etwas verändern

bbz 03 / 2019

Amaro Drom e.V. ist die wichtigste bundesweite Jugendselbstorganisation von Rom*nja und Sinti*zze. Der Verein stellt vor, wie Jugendliche aktiv werden und sich empowern können

von Anna Friedrich

Aus unserer Vereinsarbeit wissen wir, dass viele Jugendliche vermeiden, sich in der Öffentlichkeit als Rom*ni oder Sinto*Sintizza zu erkennen zu geben. Dadurch schützen sie sich vor Rassismus. Rassistische Vorurteile gegen Rom*nja und Sinti*zze sind noch immer weit verbreitet. In der Schule, im Ausbildungsbetrieb, an der Universität oder unter Kolleg*innen sind diskriminierende Einstellungen präsent. Dadurch haben die Jugendlichen erschwerte Voraussetzungen, ein selbstbewusstes Verhältnis zu ihren diversen Identitäten zu entwickeln. Dies kann zur Folge haben, dass sie sich weniger für ihre Interessen und Belange einsetzen.

Selbstbewusst nach außen treten

Das Projekt »Dikhen amen! Seht uns!« läuft seit dem Jahr 2015. Sein Hauptziel ist das Empowerment junger Rom*nja und Sinti*zze. Darunter verstehen wir, Raum für Selbstbewusstsein, Selbstbehauptung und den Kampf um Anerkennung als gleichberechtigter Teil der Gesellschaft zu schaffen. Durch unser Projekt tragen wir dazu bei, den Folgen von Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze etwas entgegen zu setzen. Empowerment, Selbstorganisation, gesellschaftliche Teilhabe und das selbstbewusste Einsetzen für die Belange der jungen Menschen werden durch unsere Projektarbeit unterstützt. »Empowerment heißt für mich, sich selber entwickeln, in seinem Denken weiterkommen und neue Projekte angehen. Es bedeutet sich zu fragen: »Was können wir, was kann jede*r Einzelne von uns, verändern, damit es uns als Menschen besser geht?«, sagt dazu die Aktivistin Fatima Hartmann.

Ein Beispiel für die Umsetzung unseres Anspruchs ist die aktive Einbeziehung der Jugendlichen. Bei uns entscheiden die mitwirkenden Jugendlichen, was im Projekt passiert. In verschiedenen Zusammenkünften diskutieren wir mit ihnen, welche inhaltlichen Schwerpunkte wir bei »Dikhen amen!« setzen oder welche Teamer*innen für Workshops eingeladen werden. Dadurch erfahren die Jugendlichen Selbstwirksamkeit und dass ihre Meinung zählt.

Auch durch die inhaltliche Arbeit und unser methodisches Vorgehen eröffnen wir den Raum für das Empowerment jugendlicher Rom*nja und Sinti*zze. Ein wichtiger Ansatz ist, dass die Jugendlichen sich mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigen. Einen Schwerpunkt setzen wir hier auf die Auseinandersetzung mit dem Genozid von Rom*nja und Sinti*zze im Nationalsozialismus. Denn fast alle Jugendlichen stammen aus Familien von Überlebenden des Genozids.

Vorbilder erleben

Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass das Lernen über die eigene Geschichte besonders erfolgreich ist, wenn die Jugendlichen im Austausch mit älteren Aktivist*innen aus den eigenen Communities sind. Diese können auf besonders empathische Weise und aus eigener Erfahrung berichten. Außerdem waren viele der Aktivist*innen maßgeblich an den Kämpfen der deutschen Sinti*zze und Rom*nja für die Anerkennung des Genozids in der deutschen Gesellschaft beteiligt. Die Jugendlichen lernen so auch Geschichten des Widerstands kennen, was wichtig für den Umgang mit den heutigen Lebenssituationen ist, in denen sich junge Rom*nja und Sinti*zze befinden.

Das Selbstbewusstsein der Jugendlichen fördern wir auch durch ein gesteigertes Bewusstsein über die Stärken der Communities. Dazu zählen Aspekte wie Mehrsprachigkeit, starke soziale Netzwerke oder Strategien im Umgang mit Rassismus. Unsere bisherige Projekterfahrung zeigt, dass sich nicht nur wissensbasierte, sondern auch künstlerische Ansätze für die Vermittlung von Wissen eignen. Dabei sind besonders theater-pädagogische Arbeitsweisen hervorzuheben. Indem die Jugendlichen ihre persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierung auf kreative Weise erforschen, können mehrdimensionale Diskriminierungserfahrungen aufgedeckt und gemeinsam reflektiert werden. Auch können die damit zusammenhängenden Gefühle besser erkannt und aufgefangen werden.

Aber nicht nur das Empowerment junger Rom*nja und Sinti*zze ist das Ziel von »Dikhen amen!«. Das Projekt hat auch die Sensibilisierung für Rassismus bei denjenigen zum Ziel, die weder Rom*nja noch Sinti*zze sind. Auch hier unterstützen wir junge Rom*nja und Sinti*zze dabei, selbst aktiv zu werden.

Zentraler Bestandteil hierfür ist die Teamer*innen-Ausbildung. Diese startete im November 2018. Im Rahmen der Ausbildung qualifizieren wir 16 junge Rom*nja und Sinti*zze aus ganz Deutschland für die politische Bildungsarbeit.

Im Rahmen der Ausbildung lernen die Teilnehmenden in sechs Modulen, wie man Workshops für andere Jugendliche plant und durchführt. Sie erfahren, wie sie andere junge Rom*nja und Sinti*zze zusammenbringen und stärken können. Sie lernen außerdem, Jugendliche für den Rassismus gegen Rom*nja und Sinti*zze zu sensibilisieren.

Zentrale Fragen der Multiplikator*innenausbildung sind: Wie kann politische Bildungsarbeit Gesellschaft verändern? Was ist Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja eigentlich genau? Was ist Sexismus? Und wie sind Rassismus und Sexismus miteinander verbunden? Was ist die Geschichte der Rom*nja und Sinti*zze? Warum gibt es so viel Verfolgung? Welche Beispiele für Widerstand und positive Geschichten gibt es aber auch? Wie gehen wir damit um, wenn es Schwierigkeiten in den Workshop-Gruppen gibt? Wie stärken wir uns, wenn es zu diskriminierenden Handlungen während eines Workshops kommt?

Nach der Ausbildung sind die Teilnehmenden in der Lage, eigenständig Workshops anzubieten. Die Workshops werden bei uns im Verein, in Jugendclubs, bei anderen Jugendverbänden und gern auch in Schulen durchgeführt. Ab Juni können die ausgebildeten Jugendlichen Workshops für andere Jugendlichen in Berlin und bundesweit anbieten. Wir freuen uns schon jetzt über Anfragen.