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Ines Schmidt: Mit Selbstbewusstsein Selbstverständlichkeiten einfordern

bbz 03 / 2019

Der Frauentag am 8. März ist in Berlin zum gesetzlichen Feiertag geworden. Doch für die Gleichstellung ist noch immer sehr viel zu tun

Ines Schmidt, Sprecherin für Frauenpolitik der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus

Erst einmal herzlichen Glückwunsch uns allen, zum neuen Feiertag! Wir alle wissen, der Feiertag allein reicht nicht aus, um Geschlechtergerechtigkeit durchzusetzen, aber er bestärkt uns darin, den Kampf fortzusetzen. Vor über 100 Jahren, am 19. März 1911, rief die Sozialistin Clara Zetkin ein bis heute lebendiges Symbol für den Kampf der Frauen um gleiche Rechte und Chancen aus: den Frauentag.

Der Erfolg dieses ersten Frauentages übertraf alle Erwartungen. Von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften unterstützt, fanden im ganzen Land »Volksversammlungen« statt. Allein in Berlin waren rund 45.000 Frauen dabei. Auf allen Versammlungen war die Hauptforderung: das Frauenwahlrecht!

Zehn Millionen Frauen weltweit, die im gesellschaftlichen Produktionsprozess tätig waren, die Millionen Frauen, die als Mütter Gesundheit und Leben aufs Spiel setzten, die als Hausfrauen die schwersten Pflichten übernahmen, erhoben mit allem Nachdruck Anspruch auf soziale und politische Gleichstellung. In Deutschland forderten Frauen Arbeitszeitverkürzungen, eine regelmäßige Schulspeisung und den legalen Schwangerschaftsabbruch.

Wir kämpfen auch heute noch gegen die vielen strukturellen Benachteiligungen, denen Frauen ausgesetzt sind. Zum Beispiel gegen verkrustete Strukturen in der Wirtschaft und enorme Ungleichheit bei Löhnen. Im Jahr 2017 verdiente ein Mann im Durchschnitt 21 Euro brutto pro Stunde. Eine Frau ging mit 16,59 Euro nach Hause. Das sind 21 Prozent Gehaltsunterschied oder: 77 Tage unbezahlte Arbeit für Frauen!

Wir haben immer noch eine Ungleichbehandlung in der Pflege, bei der Erziehung und bei der Rente. Sexismus im Alltag, in der Werbung und den Medien, sexualisierte Gewalt, stereotype Rollenbilder. Immer noch leisten Frauen täglich 52 Prozent mehr unbezahlte Erziehungs- und Pflegearbeit als Männer. Immer noch bekommen Frauen gerade einmal halb so viel Rente.

Und wie sieht es in den Parlamenten aus? 2016 sind bei uns in Berlin 33 Prozent Frauen ins Abgeordnetenhaus eingezogen. Das muss man wohl unumwunden als Mangel an geschlechtspolitischer Repräsentation bezeichnen. Dank den jeweiligen satzungsmäßigen Frauenquoten konnte die SPD rund 40 Prozent, die Grünen und wir Linke gut 50 Prozent Frauen ins Parlament bringen. Die Opposition dagegen dürfte sich eigentlich für die Berlinerinnen unwählbar gemacht haben. Für die CDU zogen 2016 nur vier, für die AfD drei und für die FDP zwei Frauen ins Abgeordnetenhaus ein. Ein Niveau fast wie vor 100 Jahren! Ich plädiere daher für eine verbindliche paritätische Quote für alle Parlamente, Ämter und Gremien, auf Landes- und Bundesebene.

Nach mehr als 100 Jahren kämpfen wir also immer noch für Dinge, die doch so selbstverständlich erscheinen. Für mich ist der Frauentag daher umso wichtiger, um innezuhalten und Pläne zu schmieden, wie wir die Gleichstellung weiter voranbringen können. Er ist für mich die Aufforderung, mich noch intensiver der Stärken von uns Frauen bewusst zu werden und mit unserem Selbstbewusstsein auch Selbstverständlichkeiten einzufordern. Dafür stehe ich! Wir sehen uns am 8. März auf der Straße!