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Ilse Schimpf-Herken: Lernen braucht Licht und Luft

bbz 04 / 2019

Wie aus dem Widerstand gegen die Diktatur in Erandique, Honduras ein Raum für eine pädagogische Alternative wurde

von Ilse Schimpf-Herken

Im Februar 2018 haben wir zum ersten Mal in der bbz über die freie Schule in Erandique, Honduras berichtet. Die Gründung dieser Schule in Privatinitiative einiger Lehrer*innen und Eltern ist nur verständlich vor dem Hintergrund des 2009 verübten Staatsstreiches gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Manuel Zelaya und die sich in den Folgejahren in allen gesellschaftlichen Bereichen verstärkende Diktatur. Bis heute hat sich an den damaligen Verhältnissen kaum etwas geändert, so dass wir gemeinsam mit dem Leitungsteam der Schule und den Eltern einen Prozess angeschoben haben, der zum Ziel hat, für alle Beteiligten eine pädagogische Arbeit zu ermöglichen, in der die Gestaltung eines eigenen Raumes als ein wichtiger Bestandteil des Lernens erkannt wird.

Der Bau der Schule war notwendig geworden, um für die wachsende Schüler*innenzahl von bis zu 100 Schüler*innen und für unsere Paulo Freire Gemeinschaft in Zentralamerika einen Ort der Begegnung und Reflexion zu schaffen. Das Bauland wurde von dem Vater einer Lehrerin gestiftet, sodass wir Anfang Dezember 2017 ein Planungsseminar organisierten, zu dem sich in Erandique 30 Freund*innen der Schule aus Zentralamerika und Deutschland trafen, um gemeinsam über die Schule und ihre architektonische Gestaltung nachzudenken.

Mit Kolleg*innen aus El Salvador, Guatemala, Honduras und Deutschland und mit Freund*innen, Lehrer*innen und Schüler*innen aus dem Dorf versammelten wir uns in Erandique, um gemeinsam das Baugrundstück für die zukünftige Schule zu erkunden. Während die einen mit einem großen Meterband die Grundrisse ausmaßen, um eine Vorstellung der Dimensionen zu erlangen, setzten sich andere mit Schüler*innen unter die hohen Bäume, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie Lernen in dieser Umgebung gestaltet werden könnte. Ich verteilte Papier und Stifte, weil mir morgens spontan die Idee gekommen war, vor Ort die ersten Entwürfe der zukünftigen Schule herstellen zu lassen. Überall bildeten sich kleine Diskussionsgruppen, man begutachtete die Zeichnungen der anderen. Während wir uns nach dem Essen in der Sonne ausruhten, fotografierten zwei Kolleg*innen alle Entwürfe und zeigten sie danach in einer Powerpoint-Präsentation. Auf diese Weise erhielten wir schon einen ersten Eindruck, wie unterschiedlich die Schüler*innen sich den schulischen Raum vorstellten. Sie hatten alle Fußballplätze, Schaukeln und Schulgärten gemalt, die oftmals viel größer als das Schulgebäude selber waren. Mehrere Lehrer*innen hatten Computerräume und Labore gezeichnet und die Kolleg*innen aus Guatemala hatten einen Rundbau entworfen, der die vier Himmelsrichtungen des Maya-Kalenders aufgriff. Das Maya-Modell wurde nach einem wochenlangen Prozess schließlich für die zukünftige Schule ausgewählt.

Die Anschauung der unterschiedlichen Vorstellungen und die Freude des gemeinsamen Austausches schufen eine fruchtbare Atmosphäre, in der mein Vortrag »Der Raum als Dritter Pädagoge« eine Vertiefung bot. Aus diesem Dialog aller Beteiligten möchte ich im Folgenden vier von zwölf Thesen wiedergeben, die die weitere architektonische Planung der Schule beeinflussten. Die Thesen lehnen sich an die von Otto Seydel entwickelten zwölf Thesen für den Schulbau an.

These 1: Lernen braucht Ruhe, Licht und Luft: Im bisherigen, angemieteten Schulgebäude, einem Wohnhaus einer in die USA migrierten Familie, gab es nur kleine Klassenzimmer, keine Flure für die Gruppenarbeit, geschweige denn eine Öffnung zu der Lernumgebung auf dem Hof, dem Dorf oder den Werkstätten. Das Gebäude liegt eingepfercht von Wohnhäusern in einer kleinen Seitenstraße des Dorfes. Jetzt gibt es die Möglichkeit, in der offenen Waldlandschaft eine der Umgebung angepasste Atmosphäre zu gestalten, auf hohe Schulmauern zu verzichten, den Innenraum des Rundbaus für Gruppenarbeit oder den Austausch mit Anderen zu nutzen. Bei Bedarf kann ein kleines Fußballfeld angelegt oder eine Fläche mit Spielgeräten für die Kleinsten eingerichtet werden. Die Schallbelastung in den kleinen Klassenräumen des bisher genutzten Gebäudes war sehr groß und soll jetzt durch den Einsatz von lokalen Baustoffen gemindert werden, wie beispielsweise Lehmsteinen oder Bambuswänden.

These 2: Lernen benötigt unterschiedliche Perspektiven und aktive Zugänge: In der geplanten Schule sollen die im Freire-Ansatz grundlegenden Bedingungen für den dialogischen und körperlichen Ausdruck gewährleistet werden. So soll eine Theaterbühne im Innenhof des Rundgebäudes und eine außerhalb des Schulgebäudes eingerichtet werden. Außerdem wird es einen Raum mit vielseitiger Nutzung geben. Er beherbergt die Computer und Geräte für den naturkundlichen Unterricht sowie für die Werkstätten der Eltern, die zur Unterstützung des Unterrichts vielfach einbezogen werden. Die Elternarbeit besteht in der freien Schule nicht nur wie in vielen Bildungseinrichtungen in Lateinamerika in der Zubereitung von Pausenmahlzeiten, sondern sie beinhaltet beispielweise auch den Beitrag des*der Dorfärzt*in bei der Gestaltung des Biologieunterrichts oder den Unterricht durch indigene Bewohner*innen von Erandique, die ihre Kenntnisse hinsichtlich kultureller Gebräuche, Nahrungsmittelzubereitung und Textilverarbeitung weitergeben. Das zukünftige Anlegen eines Schulgartens ist im Interesse der Mehrheit der Eltern, die hierdurch die Hoffnung auf gesunde, kostengünstige Nahrung haben.

These 4: Förderung in einer inklusiven Schule geschieht in heterogenen Gruppen: Inklusion war von Anfang an ein Prinzip der pädagogischen Arbeit. Dies betraf nicht nur die Einbeziehung von Schüler*innen mit Lernschwierigkeiten, sondern bezog sich im besonderen auf Kinder aus sehr armen Familienverhältnissen. Diese Kinder erhalten ein Stipendium und ihre Eltern werden in besonderer Weise in die schulischen Aktivitäten einbezogen. Viele dieser armen Familien leben oftmals abgeschieden vom Dorf, haben ein geringes Selbstwertgefühl und brauchen eine besonders einfühlsame Aufnahme, um ihre Ängste zu überwinden. Die sogenannte »Kultur des Schweigens« (Freire) hat sie seit Generationen geprägt und sie trauen sich sehr wenig zu, obwohl sie häufig ein großes Spezialwissen in den Gesundheits- und Ökologiebereichen haben.

These 11: Der demokratische Staat benötigt eine demokratische Schule: Diese Herausforderung wurde sehr kontrovers diskutiert, weil im heutigen Honduras die Gewalt vorherrscht und Demokratie eine leere Hülse ist. Trotzdem ist das Kollegium herausgefordert, mit der Diversität der Bevölkerung umzugehen und sich mit den religiösen und politischen Gemeinschaften auseinanderzusetzen, die unter dem Druck der Diktatur zunehmend vereinzelt werden. So werden beispielsweise viele Stellen nur nach dem Parteibuch vergeben und die wenigen Akademiker*innen werden unter Druck gesetzt, sich öffentlich für die regierende Partei zu äußern, andernfalls droht ihnen die Entlassung.

Nach einem schwierigen Planungsprozess, in dem man sich wegen eines Hurrikans und wochenlangen Dauerregens entschied, nicht ausschließlich in Lehmbauweise zu bauen, sondern Dach und Fenster in einer technisch robusteren Bauweise zu errichten, was hohe Mehrkosten erzeugt, steht der Bau inzwischen kurz vor seiner Vollendung. Alle Mauern sind fertig, im Februar wurden die Fenster eingesetzt und das Dach wurde im März gebaut.

Alle Freund*innen der Paulo Freire Arbeit möge dieser mutige Schritt der Kolleg*innen der freien Schule von Erandique ansprechen. Mit Ihren/euren Spenden könnt ihr die Fertigstellung der Schule ermöglichen. Die Vorstellung, inmitten einer Diktatur eine freie Schule zu errichten, an der eine emanzipatorische Pädagogik umgesetzt wird, ist in einem Land wie Honduras fast ein Wunder.

WIR BITTEN UM EINE SPENDE
auf das Konto der Paulo Freire Gesellschaft e.V.
(Kennwort: Erandique)
Volksbank Löbau-Zittau
IBAN: DE38 8559 0100 4557 9346 05

Paulo Freire Gesellschaft e. V.
Wiclefstr. 17 10551 Berlin
Tel. 030-3 96 47 49 oder
Tel. 0152 03 24 89 25
E-Mail: ilse.schimpf-herken@web.de