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Brhan Al-Zoabi: Wir wollen unseren Traumberuf nicht aufgeben

bbz 04 / 2019

Viele geflüchtete Lehrkräfte hoffen nach wie vor auf die Anerkennung ihrer Lehramtsqualifikation und die Möglichkeit, wieder Schüler*innen unterrichten zu dürfen. Unser Autor ist einer von ihnen

von Brhan Al-Zoabi

Unter den hunderttausenden syrischen Flüchtlingen gibt es viele Lehrkräfte, die ihre Heimat, ihr Eigentum, ihren Job, ihre Familie, ihre Ersparnisse und ihre Rechte verloren haben und sich nun in Deutschland ein neues Leben aufbauen wollen. Sie bemühen sich darum, in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt integriert zu werden und wieder ein normales Leben zu führen.

Einer von ihnen bin ich, Brhan. Ich lebe derzeitig in Sachsen und bin Teil eines Netzwerkes von geflüchteten Lehrkräften. Wir arbeiten nach dem Motto: »Wir sind Menschen mit Würde, Willen, Perspektiven und Fähigkeiten und möchten als normale Menschen, sowohl im Alltag als auch auf dem Arbeitsmarkt betrachtet werden.« Bislang konnten viele von uns ihre Fähigkeiten leider nicht so einbringen, wie sie möchten, da unsere Abschlüsse hier nicht anerkannt werden oder als nicht ausreichend klassifiziert werden.

Anpassung erfordert Nachqualifizierung

Selbstverständlich bestehen Unterschiede zwischen den Bildungssystemen in Syrien und Deutschland, deswegen ist ein Anpassungsprozess erforderlich. Logischerweise setzen die Anpassungsprozesse zu den 16 unterschiedlichen Bildungssystemen in Deutschland ein sehr hohes Niveau im Deutschen voraus. Integration in den Arbeitsmarkt und regelmäßiger Kontakt zu deutschen Muttersprachler*innen ist oft förderlicher beim Erwerb der deutschen Sprache als so mancher Kurs in einer Sprachschule.

Nachqualifizierung ist teuer und dauert

Auf dem Weg zur Nachqualifizierung geflüchteter Lehrkräfte aus Syrien müssen auch die Kosten und die Dauer berücksichtigt werden, damit keine Belastung entsteht, die viele Geflüchtete sich nicht leisten können. Das Landesamt für Schule und Bildung in Sachsen (LaSuB) hat bislang keinen Abschluss geflüchteter Lehrkräfte voll anerkannt. Das einjährige pädagogische Diplom-Studium in Erziehungswissenschaften nach dem Abschluss eines Faches wird in Sachsen gar nicht anerkannt. Darüber hinaus stellt das zweite Fach eine weitere, unvorhergesehene Hürde dar, die sich eine syrische Lehrkraft nie vorgestellt hätte, denn in anderen Ländern ist die Ein-Fach-Lehrkraft Normalität.

Der Zugang zum Lehramt in Syrien ist sehr vielfältig und wurde vor etlichen Jahren reformiert. Geflüchtete Lehrkräfte bringen also unterschiedliche formale Qualifikationen mit. Welche auch immer sie vorweisen können, so weichen diese deutlich von einer 7-jährigen Lehramtsqualifikation in zwei Fächern einer deutschen Universität inklusive Referendariat ab. Ein Anpassungslehrgang muss die Lücken in einem überschaubaren Zeitraum schließen. Denn wir sprechen hier von geflüchteten Lehrkräften, die keine 18-jährigen Student*innen mehr sind und den erneuten Aufbau einer Zukunft vor sich haben.

Die GEW-Sachsen hat sich von Anfang an für die Rechte und Chancen der geflüchteten Lehrkräfte eingesetzt und Druck auf die Bildungspolitik in Sachsen ausgeübt. Nach harten Verhandlungen können geflüchtete Lehrkräfte endlich, wenn auch noch sehr unzureichend, im sächsischen Bildungssystem eingesetzt werden. Dies geschieht in der Rolle von Sprachmittler*innen, welche die Lehrkräfte, die Schüler*innen und ihre Eltern in manchen Bereichen unterstützen. Leider dürfen sie nicht ihre Fächer unterrichten. Dennoch sollten wir diesen Erfolg nicht unterschätzen, da wir hier über Sachsen reden. Für die meisten von uns geflüchteten Lehrkräften ist der Bildungsföderalismus immer noch unübersichtlich und es wäre schön, wenn eine Lösung für alle Bundesländer in Frage käme.