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Michael Retzlaff und Sebastian Schädler: Wir können uns vor der Zukunft nicht verstecken

bbz 04 / 2019

In der Januar-bbz kritisiert Ralf Schiweck Investitionen in die digitale Bildungsinfrastruktur. Das Geld sei an anderer Stelle sinnvoller ausgegeben. Die AG Medienbildung der GEW BERLIN widerspricht

von Michael Retzlaff und Sebastian Schädler

Der digitale Wandel ist Teil unseres täglichen Lebens. Wir befinden uns in einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformationsprozess, der unsere Art zu kommunizieren, uns politisch zu engagieren, kulturell zu betätigen, zu lernen, zu wirtschaften und zu arbeiten grundsätzlich verändert. Der Einfluss der digitalen Medien in allen Lebensbereichen wird künftig weiter zunehmen und auch das Lernen und Lehren in der Schule maßgeblich verändern. Die damit einhergehenden Veränderungen bieten den Schüler*innen zahlreiche Chancen, zum Beispiel die zeitlich und örtlich unbegrenzten Möglichkeiten zur Beschaffung von Informationen, sie bieten aber auch erhebliche Risiken, wie zum Beispiel das Cybermobbing. Diese stellen eine umfangreiche Herausforderung für den Bildungsbereich dar. Denn spätestens nach Abschluss der Schule, in der Berufsausbildung oder im Studium wird erwartet, dass Menschen die mit diesem gesellschaftlichen Wandel verbundenen Konsequenzen in Alltag, Beruf und Freizeit beherrschen, einordnen, bewerten und reflektieren können.

Kinder und Jugendliche wachsen in dieser Zeit eines enorm dynamischen und zugleich rasanten medialen und technologischen Wandels auf, der insbesondere bei Kindern und Jugendlichen zu einer medialen Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche führt und unübersehbare Spuren im Lebensalltag hinterlässt. Digitale Medien sind damit zu einem wichtigen Instrument für die Entwicklungsaufgaben der Kinder und Jugendlichen und zu einem wesentlichen Sozialisationsfaktor geworden. Einen pädagogischen Handlungsbedarf legen die Ergebnisse der KIM- und JIM-Studien des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) der letzten Jahre nahe, die den Umgang der 6- bis 13- und 12- bis 19-Jährigen mit Medien und Information seit 1998 repräsentativ untersuchen.

Wir brauchen auch die IT-Firmen als verantwortliche Partner

Der Digitalpakt der Bundesregierung ist eine überfällige Reaktion der Politik auf die in der Regel veraltete, nicht gewartete oder gar nicht vorhandene technische Infrastruktur in Deutschlands Schulen. Damit verbunden ist der Mangel an pädagogischen Konzepten, wie digitale Medien sinnvoll im Unterricht eingesetzt werden können. Wir erinnern an die katastrophalen Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudie »International Computer and Information Literacy Study (ICILS)«. Dort nimmt Deutschland bezogen auf die Häufigkeit der Computernutzung durch Lehrpersonen im Unterricht der achten Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich den letzten Platz ein.

Der Hinweis vom Kollegen Schiweck, dass sich die großen IT-Firmen bei der Umsetzung des Digitalpakts die Hände reiben werden, ist irreführend, da sich aktuell und in der Vergangenheit die Schulbuchverlage bereits kräftig die Hände gerieben haben. Bildungspolitik verstanden als Investition in die Zukunft kann es ja wohl nicht zum Nulltarif geben. Wir sollten als reiches Land mehr Geld in die Zukunft unserer Kinder investieren und uns dabei zumindest am Mittelwert der Investitionen in Bildungsinstitutionen der OECD-Staaten orientieren. Dabei darf der pädagogische Erfolg der bereitgestellten Investitionen natürlich nicht aus den Augen verloren werden, sondern muss durch wissenschaftliche Studien begleitet werden.

Darüber hinaus sollten wir auch die IT-Firmen bei dieser großen Aufgabe in die Pflicht nehmen. Sie sollten nicht nur die Technik in den Schulen bereitstellen, sondern zugleich eine qualifizierte technische Einweisung vor Ort garantieren und bei kleinen Problemen zeitnah die Kollegen*innen vor Ort unterstützen.

Der Digitalpakt formuliert eindeutig, dass die vom Bund bereitgestellten Gelder für die technische Infrastruktur an den Schulen länderseitig um pädagogische Konzepte zur Qualifizierung des pädagogischen Personals und um didaktische Konzepte ergänzt werden müssen. Statt die Frage nach dem Stand der inhaltlichen und strukturellen Vorbereitung der Berliner Bildungsverwaltung auf diese Anforderung zu stellen, liefert der Artikel stattdessen reine Polemik.

Das Klischee der Smartphone-Zombies

Der Verweis auf die Ergebnisse der Hirnforschung reiht bekannte Argumente aneinander, ohne die vielfach geäußerte Kritik an diesen – keineswegs unumstrittenen – Studien zu erwähnen. Aufgrund der rasanten Entwicklung muss vielmehr von einem gestiegenen Bedarf an qualifizierter und aktueller Forschung zum Bereich Lernen mit und über digitale Medien in vernetzten Strukturen ausgegangen werden. Die Behauptung, dass Kinder und Jugendliche bei der Umsetzung des Digitalpakts einen Großteil ihrer Zeit vor dem Bildschirm verbringen würden, setzt an klassischen Klischees über Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen an und verkennt die veränderte Bildungs- und Erziehungsaufgabe der Schule in einer digitalisierten Welt. Bei der systematischen Förderung von Medienkompetenz geht es nicht darum, welche Klicks man wo machen muss, um ein Programm geschickt zu bedienen. Das pädagogische Ziel ist ein verantwortungsbewusstes mediales Handeln; es geht auch insbesondere darum, sich selbst zu schützen und sich sozial verantwortlich im Netz zu verhalten. Medienkompetenz ist zugleich auch Lernkompetenz. Digitale Medien können auch helfen, aktuelle pädagogische Herausforderungen wie die Inklusion kompetent zu bewältigen.

Als ein Ergebnis der jahrelangen und sehr umfangreichen Hattie-Studien (Lernen sichtbar machen, 2015) bleibt festzuhalten, dass Lernerfolg in der Schule wahrscheinlicher ist, wenn die außerschulischen Erfahrungen der Schüler*innen im Unterricht integriert und zum Lerngegenstand gemacht werden. Bezogen auf die vielfältigen medialen Erfahrungen der Schüler*innen ist festzustellen, dass diese bisher mehrheitlich konsequent ignoriert und zum Teil durch absolute Handyverbote strukturell manifestiert worden sind. Wie auch die Hattie-Studien zeigen, geht es aber nicht darum, monokausal von »digitalen Medien« auf »bessere schulische Leistungen« zu schließen. »Forschungsergebnisse zeigen, dass Medien nicht per se lernförderlich wirken. Sie sind es erst dann, wenn die Eigenschaften des Mediums zum Beispiel auch mit den Lernvoraussetzungen der Schüler*innen oder mit den angestrebten Lernzielen zusammenpassen. Für konkrete Szenarien gibt es allerdings hinreichende Befunde, dass Medien lernfördernd wirken, fachlich, aber auch in Bezug auf Motivation oder Fähigkeiten des Problemlösens« (Bardo Herzig, Interview in der ZEIT vom 30.1.2019).

Es geht also vielmehr darum, auf der Grundlage pädagogischer Konzepte die medialen Erfahrungen aller Beteiligten alters- und sachgerecht im Unterricht zu integrieren. Die Umsetzung des Basiscurriculums Medienbildung als verbindliche Querschnittsaufgabe im neuen Rahmenlehrplan bietet zum ersten Mal die Chance, die medialen Erfahrungen der Schüler*innen im Unterricht gezielt zu thematisieren.

Der abschließende Vergleich Schiwecks mit den Gefahren bei der Sexual- und Verkehrserziehung ist kontraproduktiv, weil er die Bildungsaufgaben von Schule gegeneinander ausspielt, statt die für eine erfolgreiche Umsetzung notwendigen strukturellen und inhaltlichen Unterstützungsleistungen in allen Bereichen einzufordern. Dass auch viele GEW-Mitglieder einen dringenden Bedarf in Bezug auf digitale Infrastruktur sehen, zeigt die aktuelle Studie der GEW zur IT-Ausstattung an Schulen. Dort bemängelten 94 Prozent der befragten Mitglieder die Notwendigkeit der technischen Wartung der Geräte, 90 Prozent die Bereitstellung von Hardware für Lehrkräfte und Lernende sowie 89 Prozent ein leistungsfähiges WLAN-Netz.

Lehrkräfte medienpädagogisch qualifizieren

Auf die veränderten Anforderungen an Bildung in der digitalen Welt sind die Schulen in Berlin nur unzureichend vorbereitet. Mehrheitlich gelingt es noch nicht, Schüler*innen die dafür notwendigen Kompetenzen von Beginn der Grundschule an zu vermitteln und digitale Medien zur kreativen Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen zu nutzen. Dieser Umstand überrascht nicht wirklich, denn die Mehrheit der Lehrer*innen hat in ihrer Ausbildung kein medienpädagogisches Handwerkszeug erlernt. Um dieses Ziel dennoch erreichen zu können, sind parallel zum Digitalpakt sowohl eine große Qualifizierungsinitiative für das pädagogische Personal als auch die Bereitstellung eines umfangreichen und verlässlichen

Medienberatungs- und Unterstützungssystems für die Schule notwendige Voraussetzungen. Die Schulen dürfen zum Beispiel bei der Erarbeitung eines Medienentwicklungsplans nicht alleine gelassen werden.

Die GEW BERLIN muss sich dieser Zukunftsaufgabe daher durch intensive Diskussionen in allen Gremien stellen. Es ist und bleibt in einer zunehmend digital geprägten Welt eine zentrale Aufgabe von Schule, alle Schüler*innen im Umgang mit den medialen Herausforderungen dieser Welt von heute und morgen zu stärken.

Dabei müssen sich alle Pädagogen*innen immer wieder die folgende Frage stellen: Wie können wir alle Schüler*innen in die Lage versetzen, die Vorteile der digitalen Welt kompetent und verantwortungsvoll zu nutzen und zugleich ihre Herausforderungen zu bewältigen?