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Tom Erdmann: Aus unseren Kämpfen lernen

bbz 04 / 2019

Im Februar trafen sich aktive Gewerkschafter*innen zur Streikkonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Viele wünschten sich eine Re-Politisierung gewerkschaftlicher Kämpfe

von Tom Erdmann

Wie schaffen die es, so viele Leute zusammenzubringen?«, fragte erstaunt Laura Pooth, Vorsitzende der GEW Niedersachsen, am Rand der Streikkonferenz. Die Streikkonferenz in Braunschweig ist die größte linke gewerkschaftsübergreifende Diskussionsplattform in Deutschland. Auch dieses Jahr gab es wieder circa 700 Teilnehmende. Laura Pooth war geladen, um die Arbeitszeitstudie zu Lehrkräften ihres Landesverbandes vorzustellen. Auch Workshops zu Ausgliederungen von Unternehmensteilen, Leiharbeit und dem Kampf um den Berliner Tarifvertrag für Studentische Beschäftigte fanden Platz.

Auf der Podiumsdiskussion zu Beginn der Konferenz schrieb Linken-Vorsitzender Bernd Riexinger den anwesenden Kolleg*innen der Industriegewerkschaften ins Stammbuch, dass sie sich gefälligst auch mal solidarisch mit den Kitastreiks zeigen sollten. Solch eine steile These löste empörtes Raunen bei Teilen der Anwesenden aus. Ein Hauch von Arbeiter*innenromantik wehte also durch die Räume der Technischen Universität. Neben politischen Forderungen der Pflegekräfte nahmen vor allem industriepolitische Arbeitskämpfe einen großen Raum ein. So gab es etwa Berichte der Kolleg*innen von Nexans, die gegen die geplante Schließung ihres Kabelwerks in Hannover kämpfen, und derer von Riesa-Teigwaren, die in einer erbitterten Tarifauseinandersetzung stecken.

Oliver Nachtwey, Soziologe an der Universität Basel, formulierte in einem der Vorträge zwei Thesen über die Zukunft von Arbeitskämpfen. Erstens würden sich diese zunehmend auf die neuralgischen Punkte des Kapitalismus verlagern: Logistik (Beispiel Amazon), Reproduktion (Beispiel Erzieher*innenstreiks) und Dienstleistung (Beispiel Flughäfen). Hier könne man auch zunehmend lauter werdende Forderungen beobachten, das Streikrecht einzuschränken. Gewerkschaften würden sich daher verstärkt der Herausforderung stellen müssen, dieses Recht zu verteidigen. Zweitens glaubt Nachtwey, dass eine Re-Moralisierung von Streiks Not tue. Aspekte wie Würde, Berufsethik und Gutes Leben sollten im Vordergrund stehen. Insbesondere die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung wünschten sich auch viele der Anwesenden von ihren Gewerkschaften in künftigen Auseinandersetzungen. Jan Andrä, Vertrauensmann der IG Metall im VW-Werk Zwickau brachte es auf den Punkt: »Warum reden wir nicht stattdessen über Freizeitverlängerung!? Manche wollen mehr Zeit für die Familie und manche mehr fürs Ehrenamt.«

Einer der Höhepunkte der Konferenz war das Referat von Jane McAlevey, die von ihrer Erfahrung als Organizerin bei US-amerikanischen Lehrkräftegewerkschaften berichtete. In Los Angeles ging gerade einer der größten Streiks von Lehrkräften in der US-Geschichte erfolgreich zu Ende. 65.000 Pädagog*innen legten über Wochen die Schulen lahm und forderten pädagogische Verbesserungen, mehr Gehalt und ein Ende der Privatisierungswelle, die bereits unter Barack Obama Fahrt aufgenommen hatte.

Die Schlagkraft dieses Lehrkräfte-Streiks beruhte vor allem auf seiner »super majority«, also auf einer Streikbeteiligung von über 90 Prozent. Unerwähnt ließ McAlevey jedoch, dass viele amerikanische Gewerkschaften die Pensionsfonds ihrer Mitglieder verwalten. Gewerkschaftsmitgliedschaft ist dort also auch eine Art Altersvorsorge.

In Braunschweig haben sich dieses Jahr viele Basiskämpfer*innen und Proletarier*innen mit einem ausgeprägten linken Klassenbewusstsein getroffen. Sie alle sind Gewerkschaftsmitglieder, weil sie für gesellschaftliche Veränderungen kämpfen wollen und nicht in erster Linie, weil es Streikgeld gibt. Ein Bewusstsein, dass ich mir in unserem DGB-Kreis auch wünsche.